Hilfe, ich bin biodeutsch!

Wir sind mit Kaugummi, Pizza, Sushi, Peking-Ente, ungarischer Salami und vielen anderen, nicht treudeutschen, Spezialitäten aufgewachsen und selbst Soljanka gehört für manch einen zu den kulinarischen Highlights.

Trotzdem lieben wir Spätzle, Kartoffelpuffer, Kieler Sprotten und Schweineschnitzel. Wir reisen gerne durch die Weltgeschichte, lieben und leben Multikulti – vor der eigenen Haustür, mit Saltimbocca bei Tina und Marina, im Döner-Laden von Ali und Mohamed, denn Gastarbeiter gab es nämlich schon ganz lange und die brachten ihre Kultur, ihre Traditionen und ihre Spezialitäten mit nach Deutschland.

Die zwei kleinen Italiener wurden lauthals von Conny Froboess besungen, die weißen Rosen aus Athen ebenso wie die aus Málaga, der griechische Wein getrunken, die Fiesta gefeiert, spanische Scampi mit Knofi gegessen und das französische Baguette nicht nur in Paris gekauft.

Urlaub auf Sylt, am großen Arber und die Weinlese am Rhein sind bei uns genauso beliebt wie Ferientage auf der Schwäbischen Alb, im Fichtelgebirge, wie Harzer Käse, Büsumer Krabben, bayerische Knödel und Haxen, oder Berliner Currywurst und ne Molle.

Gemüse, Obst und halal geschlachtetes Lammfleisch kaufen wir im ausländischen Supermarkt an der Ecke und wir riechen gerne den Duft aus der Nachbarwohnung, wenn arabisch gekocht wird und wir an eine orientalische Markthalle erinnert werden.

Menschen aus aller Welt kamen schon immer zu uns nach Deutschland, zum Studieren, zum Arbeiten, um hier zu leben. Man lernte sich kennen, oft sogar lieben schloss Freundschaften und lebte gut, respektvoll und meist friedfertig miteinander. Viele sind als Gastarbeiter gekommen, etliche packten nach einer Weile wieder ihr Ränzlein, doch genauso viele haben sich bestens integriert und gehören seit langem zu Deutschland mit allem Drum und Dran.

Und mittenmang sind wir alle, die da den Stempel biodeutsch auf der Stirn und im Reisepass haben – jedenfalls die meisten von uns achtzig Millionen! Wir sind christlich und auch konfessionslos aufgewachsen, wir sprechen je nach Region alle möglichen Dialekte wie friesisch, platt, sächsisch, bayerisch, stolpern übern spitzen Stein, babbeln hessisch, sächsisch und berlinern was das Zeug hält.

Wir mögen Schweinefleisch, Kartoffeln, Eintopf, Tanz in den Mai, Glockengeläut nicht nur sonntags, auch zu Ostern, beim Heiraten, auf dem Friedhof oder in der besinnlichen Advents- und Weihnachtszeit.

Wir sind eigentlich ein friedliches Völkchen, zumindest was die vergangenen siebzig Jahre anbelangt. Wir haben eine fast perfekte Wiedervereinigung hin- und die DDR zu den Akten gelegt. War nicht ganz einfach, aber irgendwie hat es auch mit den alten und neuen Anverwandten, Brüdern und Schwestern geklappt.

Nun sind wieder viele Fremde in unser Land gekommen. Flüchtlinge, politisch Verfolgte und Andersdenkende, Armuts- und Kriegsflüchtlinge, Heimatlose – Männer, Frauen und Kinder. Doch jetzt ist alles ganz anders als früher, sagen Politiker – also die eine Sorte der offiziellen Volksvertreter sagt das. Die anderen runzeln bedenklich die Stirn, haben kein Vertrauen in die Ankömmlinge und wieder andere bemühen sich um Integration in unsere Gesellschaft und unsere Kultur. Ganz viele sind aber auch mit der Problematik total überfordert und würden am liebsten alle wieder dahin zurückschicken, wo sie hergekommen sind.

Die Neuen bringen nichts mit, die meistens jedenfalls. Lediglich ihre Sitten und Gebräuche haben sie im Kopf und Mobiltelefone in der ausgefransten Tasche. Aus dem World Wide Web wissen sie, dass Deutschland ein tolerantes, reiches, ziemlich sicheres Land mit hilfsbereiten Menschen ist und bei uns jeder nach seiner Fasson selig werden darf. Hat immerhin der Alte Fritz vor langer Zeit erkannt, zu seinem Leitmotto gemacht und seinen Untertanen diese Freiheit zugebilligt!

Aus der Visa-Karten-Werbung kennen wir den Slogan: Die Freiheit nehm‘ ich mir! Gleiches Recht für alle und somit geht der Christ in die Kirche, betet zu Jesus und hat sein Gesangbuch dabei, der Moslem geht in die Moschee, betet kniend auf dem Teppich gen Mekka. Der eine liebt Schweinebraten, der andere hat lieber Lamm auf dem Teller.

Dann sind da noch die Frauen. Bei uns steht so manch eine Frau ihren Mann. Bei den Neuankömmlingen ist das anders. Da trägt Frau Burka und ganz viel Schleier von Kopf bis Fuß und der Mann hat das Sagen. Hingegen verdreht die emanzipierte Frau in knallengen Jeans oder im knappen Tanga im Schwimmbad allen Männern den Kopf, selbstverständlich auch den Korantreuen.

Andere Länder – andere Sitten! Kennen wir aus dem Urlaub und von anderen Gelegenheiten. Absolut kein Problem für ein paar Wochen, vielleicht auch Monate – aber für immer?

Die neuen Nachbarn und Mitmenschen sind gewöhnungsbedürftig, sprechen nicht unsere Sprache, sind anders als wir. Wir wissen nicht, was sie denken und fühlen, ob sie Gutes oder Böses im Schilde führen, ob sie Heimweh haben, oder für immer bleiben wollen.

Sind sie arbeitsmäßig Konkurrenz für uns? Leben sie von unseren Steuergeldern? Fragen über Fragen und die machen ein Miteinander kompliziert, anstrengend und nicht zuletzt auch ängstlich. Aber glücklicherweise wissen wir: unter ihnen gibt es genauso viele Idioten und Gesetzesbrecher wie unter uns in Deutschland Geborenen.

Dennoch gibt es eingeborene Biodeutsche, die diese Bevölkerungsveränderung misstrauisch verfolgen. Sie werden von der Sorge geplagt, eigenes und schwer erarbeitetes Terrain zu verlieren, Traditionen aufgeben zu müssen, im eigenen Land Fremde zu werden.

Multikulti hat mittlerweile bei vielen eine andere Bedeutung bekommen – der Sinn des Wortes ist eben nicht mehr Urlaub und Neues entdecken – vielmehr handelt es sich um Unbekanntes, und zwar gleich nebenan!

Sagt man nicht, dass der Prophet im eigenen Lande nicht zählt? Ob das wohl auch mit den „echten“ Biodeutschen auch so ist? Sterben sie womöglich aus? Werden sie von allem Fremdartigen überrannt? Was geschieht mit den Ureinwohnern zwischen Schleswig-Holstein und Bayern, von Thüringen bis Nordrhein-Westfalen? Verballert der deutsche Staat das angesparte Rentengeld für die Flüchtlinge? Keiner sagt den Einheimischen, wo es langgeht, was die Zukunft bringt! Warum rückt keiner mit der Wahrheit raus – oder weiß keiner, was kommt?

Oder sollten wir vielleicht dankbar sein, dass so viele Ausländer in unser Land drängen? Ist schließlich nicht alles schlecht, was von woanders kommt! Roberto Blanco kam aus Tunesien irgendwann zu uns. Ebenso Howard Carpendale aus Südafrika, Peter Maffay aus Rumänien, Johannes Heesters, Rudi Carrell aus den Niederlanden – unendlich lang ist die Liste derer, die uns zum Lachen, zum Singen gebracht und auch bereichert haben.

Und was wäre beispielsweise unsere Fußball-Nationalelf und alle Bundesligavereine ohne die Zugereisten und ohne die mit Migrationshintergrund?

Vielleicht sind die neuen Mitbürger die Stars von morgen – wer weiß das schon!

Foto: Joachim Seidler, photog_at from Austria, Refugee march Hungary 2015-09-04 02, CC BY 2.0

12.01.2018