Rosalinde von Storch – klappern gehört zum Handwerk!

Bei ihr geht’s ganz ohne Lippenstift, ohne lackierte Fußnägel und rote Socken braucht sie auch nicht. Ein total schmuckes Mädel ist sie. Weit ab von der lärmenden Stadt fühlt sie sich pudelwohl. Kurz vor den Feiertagen ist sie eingeflogen, ganz alleine, ohne Begleitung. Aus dem Süden kommt sie, sagen einige Leute. Von wo genau weiß keiner. Sie war wohl vor Jahren schon mal hier. Tauchte wie Kai aus der Kiste auf und war dann irgendwann genauso sang- und klanglos wieder verschwunden. Eine typische Einzelgängerin ist sie, erzählt man sich. Also immer noch Single, hätte man von der gar nicht gedacht. Aber so ist das manchmal: Naturschönheiten haben oft Bindungsangst und es traut sich auch keiner an sie ran!

Rosalinde lebt echt bescheiden, hat ihre alte Behausung bezogen – sie wohnt wieder gegenüber vom Kirchturm ganz oben auf dem Laternenmast. Von dort beobachtet die Hübsche traurig das Rumgemache der beiden Artgenossen da drüben. Die schnäbeln und flattern, dass es mal nur so brummt. Ist schon blöd, wenn man anderen beim Liebesspiel zusehen muss und selber niemandem zum Knuddeln hat. Mit Schorsch von da drüben würde sie total gerne anbandeln, aber der liebt sein Irmchen und die hat ihn auch fest am Tüdelband.

Es ist zu doof, dass sie, die schöne Rosalinde, keiner will, obwohl sie doch ein so spitzenmäßiges Exemplar ihrer Spezies ist. Knallroter Schnabel, knallrote Füße und lange rote, wohlgeformte Beine, sehr gepflegtes schneeweißes Gefieder und dann erst mal die schönen pechschwarzen Schwingen. Ein Federkleid vom Feinsten trägt sie, hätte kein Designer besser kreieren können. Eigentlich müssten alle Störche geradezu Testosteronschübe bei ihrem Anblick bekommen. Aber keiner will anbeißen, geschweige denn, mit ihr eine Familie gründen. Noch niemals war sie bis in die Spitzen ihrer Federn verknallt. Alle Störche machen einen Riesenbogen um sie. Vermutlich ist sie zu schön für die jungen Kerle ihrer Zunft und die sind zu feige, sie anzuflirten und die Familienverhältnisse von Rosalinde sind auch nicht gerade zielführend.

Rosalinde ist schüchtern, kontaktarm, steckt voller Hemmungen und auf andere wirkt sie arrogant, überheblich und abgehoben. Junge Störche himmeln sie an, ältere werfen ihr geifernde Blicke zu und die Störchinnen wünschen ihr lästige Parasiten in die schönen Federn. Wenn sie wirklich mal mit Artgenossen ins Gespräch kommt, veräppeln die sie wegen ihres Namens. „Rosalinde von Storch? Wie doof ist das denn, bestimmt ist das ein Künstlername“.

Irgendwann hat Rosalinde es sogar schon im Berliner Zoo versucht. Lieber dort unter Störchen leben, als immer alleine durch die Weltgeschichte fliegen, hat sie sich damals gedacht. Aber selbst dort haben die bestimmt aber höflich abgelehnt. Sei gerade kein Platz frei haben sie gesagt – so ein Quatsch! Im Zoo, da kommt es doch auf eine mehr oder weniger im Storchengehege wohl nicht an! Bei den Flamingos sind sie schließlich auch nicht so pingelig.

Selbst in einigen Geburtskliniken hat sie angeheuert und wollte sich nützlich machen. Immerhin sind die Lieferservice für Babys, so wie Lieferando für Pizza und anderes Zeug. Aber auch die haben dankend abgelehnt, als Rosalinde ihre Papiere vorlegte. „Nee schönen Dank auch, einen adligen Klapperstorch können wir nicht unterbringen, dafür zahlt niemand und die Krankenkassen schon gar nicht!“

Nicht mal Frösche wollen was mit ihr zu tun haben, obwohl die genau wissen, dass Rosalinde pflanzliche Ernährung vorzieht und auf diese Hüpfer null Bock hat. Die kommen nicht mal im Entferntesten auf die Idee, sich vor ihr in Deckung zu bringen. Die pöbeln sie höchstens respektlos an, wenn sie durch die feuchten Wiesen stolziert.

Mittlerweile ist ihr klar, dass sie aufgrund ihres Namens absolut schlechte Karten hat. „Sei du mal verwandt mit Beatrix von Storch und reiß du mal den Schnabel immer soweit auf, wie deine politisch orientierte Tante von der AfD“, hat sie neulich völlig verzweifelt einem netten jungen Mann vom NABU ins Mikrofon geklappert. „Meine Tante ist imageschädigend. Die ganze Familie hat den Schnabel von ihr voll. Eigentlich ist sie ja eine angeheiratete von Storch. Ihr Mann Sven ist in Chile aufgewachsen, seine Eltern sind gebürtige Ossis aus MeckPomm – also aus der DDR. Und mal so ganz unter uns: dieser Zweig meiner Familie hat möglicherweise auch was mit den Honeckers zu tun gehabt und die sind bekanntermaßen nach der Wende nach Chile ausgewandert. So wird’s jedenfalls in Familienkreisen hinter vorgehaltener Hand berichtet. Aber nix Genaues weiß man nicht – und Verwandtschaft kann man sich nun mal nicht aussuchen!“

Tja Rosalinde, so ist das nun mal und wenn’s um Verwandtschaft geht, geht’s scheinbar den Störchen wie den Menschen…!

07.04.2018