Der frühe Vogel …

…fängt den Wurm, Morgenstund hat Gold im Mund und wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Alte Sprichworte, Volksweisheiten aus einer Zeit, als die Menschen und ihr Leben noch anders funktioniert.

Heute tangiert uns der frühe Vogel nur noch peripher – drum kann er uns mal! Fürs Gold gibt’s bessere Alternativen, als es vorm Aufstehen lukrativ anzulegen und das gemahlene Korn steht als Mehl vielfältig im Supermarkt fast rund um die Uhr zur Verfügung. Das sind Erkenntnisse, die besonders auf Privatiers, Rentner, Pensionäre, Tagediebe zutreffen – also auf zeitunabhängige Menschen egal welchen Alters.

Aber ab und an ist der gefiederte Bursche doch wieder vonnöten, und zwar immer dann, wenn ein Ausflug, eine Reise oder irgendein besonderes Ereignis ansteht, das zeitiges Aufstehen erforderlich macht. Das kann ein Zahnarzttermin sein, weil der alte Zahn eine neue Goldkrone bekommen soll oder ein viel zu frühes Familien-Frühstück im Windmühlen-Restaurant mit anschließender Busreise durchs Alte Land wegen der prachtvollen Baumblüte angesagt ist.

Ausgerechnet an einem Regentag werde ich durch Weckerrasseln aus Morpheus Armen gerissen. Draußen ist es dunkelgrau, im Bad kalt, unter der Dusche nass. Kein Kaffeeduft in der Wohnung, keine Zeit zum Zeitunglesen, nichts Gemütliches. Im Auto sind es gefühlte null Grad, auf den Straßen ist es total voll und der Verkehrsfunk berichtet ständig von neuen Staus und Unfällen in der Region.

Oma wird heute neunzig – und Opa? Der hat noch ein paar Jährchen mehr auf dem ollen Buckel. Ziemlich fit sind beide – kein Wunder, sind ja auch seit dreißig Jahren Rentner! Und bei denen stimmt die Höhe der Rente auch noch – ist heutzutage wichtig, wegen Altersarmut und so. Trotzdem kein Grund am Neunzigsten am Arsch der Welt zu frühstücken. Und dann noch vorm Aufstehen gefühlte hundert Meilen bei Stopp-and-Go im Berufsverkehr von A nach B gondeln zu müssen! Man hätte sich auch zum Kuchenessen im Café irgendwo in der Pampa auf halben Weg treffen können. Alle hätten ausgepennt, kein Stau, kein Stress, kein Regen – denn nachmittags soll die Sonne scheinen. Und dann noch so eine beknackte Fahrt durchs Alte Land. Baumblüte ist doch nicht neu, kennt jeder, die ist wie der neunzigste Geburtstag zu Silvester im Fernsehen!

Wer hat sich den Schwachsinn bloß einfallen lassen? War bestimmt Gitti, meine kleine Schwester – die wohnt im Alten Land. Frühstück um halb zehn – was für ein Schwachsinn! Brunch um elf Uhr hätte mir besser gepasst. Aber nee, was Gitti will, wird gemacht. War schon früher so. Das Nesthäkchen durfte alles. Vom Küken waren unsere Eltern immer total begeistert. Wir Geschwister hätten Gitti am liebsten auf den Mond geschossen. War damals aber noch nicht möglich.

Gitti petzte, Gitti flunkerte gerne mal. Gitti futterte immer nur Erdbeeren, niemals pflückte sie welche. Gitti naschte Kuchenteig, wir durften ihn nur rühren, die Schüssel und das andere Zeug abwaschen. Mama zur Hand gehen war nicht Gittis Ding. Gitti durfte eigentlich alles, ihre Ideen wurden umgesetzt, über die freuten sich immer alle – außer wir anderen Kinder. Gitti war immer schon ne Marke für sich.

Mensch, fahr doch mal da vorne – noch grüner wird die Ampel nicht! Abgewürgt. Typisch, Riesenauto unterm Hintern, aber zu blöd, ein bisschen Gas zu geben. Nun ist erst mal wieder lange Pause, bis diese blöde Baustellenampel auf Grün schaltet. So eine Schiete, bestimmt komm ich zu spät zum Frühstück!

Bestimmt wird Gitti heute auch wieder für ihre vorzügliche Organisation gelobt. Wird sie nämlich immer. Organisation! Das ich nicht lache. Die hat doch bloß wieder im Café angerufen und nen Tisch bestellt. Nix weiter. Na und beim Busunternehmen genauso. Wetten, dass sie die Telefonnummern aus ihrem regionalen Wurschtblatt hat. Vielleicht flatterte ihr auch ein entsprechender Flyer in den Briefkasten. Gitte musste nicht mal im Internet suchen oder so. Aber gelobt wird sie allemal. „Hat sie das nicht wieder toll arrangiert? Sie kann das, sie denkt an alles. Nicht mal die frischen Blumen auf dem Tisch hat sie vergessen! Unsere Gitti – wenn wir die nicht hätten!“ Kann mir die heutige Lobhudelei schon jetzt richtig vorstellen. Gitti, das geborene Organisationstalent, heißt es dann wieder.

Bestimmt hat sie auch wieder irgendwo in der Rentner-Bravo oder in ihrer Fernsehzeitung ein passendes Gedicht aufgestöbert, das sie nachher vorliest und als ihr eigenes ausgibt. Das ist Gitti wie sie leibt und lebt und so war sie immer.

Vielleicht hätte ich wegen irgendeinem Wehwehchen absagen sollen. Ach nee, nicht am Neunzigsten von Oma! Wer weiß, wie lange sie noch macht. Neun Jahrzehnte sind schließlich kein Pappenstiel – sagt Gitti immer – und da kann‘s mal ratzfatz vorbei sein und wir treffen uns auf dem Friedhof und anschließend steht der Butterkuchen aufm Tisch.

Wenn der heutige Tag bloß schon vorbei wäre! Gleich sitzen wir wieder alle an einem Tisch, reden über Krankheiten, übers Wetter, über nicht anwesende Personen, über unlängst gelesene Todesanzeigen und ähnliche Neuigkeiten. Wir tauschen Höflichkeiten aus und tun so, als wäre das Leben ein Ponyhof.

Endlich ist mal freie Fahrt und ich gebe Gas, was bei dem Blick auf die Uhr – es ist zwanzig nach neun – notwendig ist. Der Regen hat auch aufgehört und die Wolkendecke reißt auf. Mein Handy klingelt. Gitti meldet sich. „Sag mal, hab ich dir auch Bescheid gesagt, dass heute alles um anderthalb Stunden nach hinten verschoben ist? Mama und Papa fanden halb zehn für Rentner unangemessen. Die Anderen fanden das echt gut. Also dann bis später und fahr vorsichtig!“

Das war Gitti.

Fünf Minuten später bin ich am Zielort angekommen, parke ein und steige aus. Gar nicht so schlecht, denke ich, dann hab ich noch Zeit für Kaffee und Zeitunglesen bevor alle kommen und gehe zum Eingang des Windmühlen-Restaurants. Da prangt ein großes Schild an der Eingangstür:

Geöffnet ab 11 Uhr

Hab ich es nicht gesagt? Der frühe Vogel kann mich mal!

29.04.2018