Über Pferdeäpfel zum Sonntagsstammtisch

Früher war alles besser – oder? Die einen sagen so, andere so. Vielleicht trifft’s das geflügelte Wort von Radio Eriwan „im Prinzip ja“ am besten. Irgendwo zwischen Ja und Nein liegt vermutlich die Antwort – wie bei den meisten Fragen des Lebens.

Vor nicht allzu langer Zeit lebten alle Generationen einer Familie unter einem Dach, so dass Kitas und Altenheime kein Thema waren. Heute ist das oft noch ein bewährtes Modell in ländlichen Gegenden – anders jedoch in den Städten. Da hetzen sich Vater und Mutter wegen der Kids die Lunge aus dem Hals, um sie von hier nach dort zu transportieren. Und wenn dann mal Läuse, Röteln, Schnupfen mit Fieber oder Keuchhusten zuschlagen, müssen die Großeltern von sonst woher „eingeflogen“ werden. Das, was früher ein Klacks mit der Wichsbürste und nicht der Rede wert war, wird heute schnell zur logistischen Meisterleistung, ganz besonders dann, wenn Fräulein Mutter oder Herr Vater zu den Alleinerziehenden gehören. Hinzu kommt, dass rüstige Best-Ager im Rentenalter ihr Glück überall suchen, jedoch selten im Kinderzimmer der Nachkommen.

Vor der Erfindung der Autos ratterten Kutschen durch die Weltgeschichte. Damals sorgten Pferde mit ihrem Rumgeäppel für dreckige Straßen und schlechte Luft, besonders an warmen Tagen. Heute sind’s die Abgase der Autos im Allgemeinen und die der Dieselfahrzeuge im Besonderen. Damals gab’s noch kein Telefon, geschweige denn Computer, E-Mails oder Handys. Man schrieb Briefe, verschickte sie mit der Postkutsche, mit der man auch Reisen unternahm. Im Winter fiel Schnee, der Sommer brachte Erdbeeren, Kirschen und Hitze und im Herbst purzelten die bunten Blätter von den Bäumen. Eile mit Weile bestimmten das Leben und der Tag begann bei Sonnenaufgang und endete mit ihrem Untergang. Weder Radio noch Fernsehen raubten den Menschen Ruhe und Schlaf – Licht aus und der Tag war zu Ende.

Heute ist alles anders. Wenn die Sonne die andere Erdhälfte erleuchtet, wird’s bei uns nicht wirklich dunkel. Problemlos kann man der dunklen Nacht hellerleuchtet entwischen. Vielfach passt sich die Natur den Vorgaben der Menschen an und verändert sich – leider nicht immer zum Vorteil.

Unser Alltag verändert sich ständig. Wir essen und trinken anders, als noch vor Jahrzehnten. Die Welt ist zusammengerückt, Entfernungen spielen keine Rolle mehr. Medien berichten uns gleichermaßen vom Nord- und Südpol, Gutem und Bösem in Ost und West, Klatsch und Tratsch, Krieg und Frieden verbreitet sich in Windeseile rund um den Erdball.

Wer zum Beispiel den Sonntagsstammtisch des Bayerischen Rundfunks über die Jahre kennt, beantwortet aktuell die Frage nach dem Besser oder Schlechter mit einem glatten Daumenrunter. Dieser Wirtshaus-Talk mit der Maas auf dem Tisch hat in den vergangenen Wochen arg gelitten, denn der Boss ist weg. Helmut Markwort ist für die Bayern-FDP ins Wahlkampfrennen gezogen und hat den Staffelstab an Tilmann Schöberl übergeben. Weil der aber am letzten April-Sonntag wohl Anderes vorhatte, moderierte Ursula Heller diese Sendung und da blieb noch jede Menge Luft nach oben. Vermutlich lebt und fällt dieses Format mit Helmut Markwort und somit warzumindest in diesem Fall –  früher alles besser!

Hingegen ist das Mittagsmagazin der ARD im wahrsten Sinne des Wortes ein Hingucker geworden, seit Sascha Hingst und Jessy Wellmer es moderieren. Jung, flott, spritzig, auf den Punkt, modern und informativ kommt es beim Zuschauer an. Besser als früher – und das ist wohl nicht nur mein Eindruck, denn erstaunlicherweise zieht das ZDF nach. Wenn das mal keine Verbesserung ist!

Doch mit aktuellen Nachrichtensendungen ist das ohnehin so eine Sache. Früher war die Wochenschau für Cineasten und Fans der Kriegsberichterstattung dafür zuständig, später die Fox tönende Wochenschau im Kino und nach Erfindung des Fernsehens die Tagesschau, die bis heute überlebt und ihr seriös-konservatives Image erhalten hat. Heute gibt’s Nachrichten wie Sand am Meer und entsprechende Medien noch und nöcher. Für jeden Konsumenten ist was dabei – falls nicht, wird eben was Neues erfunden!

Und so ist das ziemlich mit allen Dingen. Rein modemäßig ist alter Style oft der neue Hype, allerdings mit neuen Materialien und angesagten Farben, in Vergessenheit geratenes Obst und Gemüse erfährt eine Renaissance, spiegelblanke Glatze, blonde Stocklocken oder Afro-Look in knalle pink – unendliche viele Beispiele gibt’s.

Mal finden wir es toll, mal rümpfen wir die Nase, Daumen hoch oder runter, von igitt bis super ist alles erlaubt.

Unterm Strich soll jeder nach seiner Fasson selig werden. Das empfahl übrigens Mitte des 18. Jahrhundert schon der Alte Fritz seinen Untertanen und damals fuhren definitiv noch Pferdekutschen durchs Land… und da schließt sich der Kreis und wir sind bei den Äpfeln und die könnten uns direkt bis ins Paradies zu Adam und Eva führen – doch das ginge jetzt echt zu weit!

10.05.2018

Fotos:
Frank Vincentz, Pferdeapfel 01 ies, CC BY-SA 3.0

BR-Stammtisch: https://www.br.de/br-fernsehen/sendungen/sonntags-stammtisch/sonntags-stammtisch-photo-564~_v-img__16__9__xl_-d31c35f8186ebeb80b0cd843a7c267a0e0c81647.jpg?version=ffe5c