Deckhengst und Abendstimmung

Schlagloch neben Schlagloch. Eine Straße, die den Namen Straße überhaupt nicht verdient. Unter dem ausgeschilderten Tempo von dreißig Kilometer pro Stunde zu bleiben ist echt ratsam. Links in Fahrtrichtung geht die Sonne unter und ihre orangefarbenen Strahlen verwandeln den Wald am Horizont in ein Indian-Summer-Farbenspektakel. Ringsherum saftig grüne Weiden mit braunen Klecksen. Diese Farbtupfer sind still vor sich hin grasende Pferde. Romantische Sommerabendstimmung. Ein Festival fürs Auge würden Maler und Dichter diese Idylle beschreiben.

Plötzlich was Braun-Schwarz-Gestreiftes! Was ist das, was war das? Wir sind schon dran vorbei. „Halt mal an“ ruf ich dem Fahrer zu. „Hast du das gesehen, da auf der Koppel bei den Pferden?“

„Nee, was denn? Was war denn da?“ fragt der Fahrer zurück, der nix gesehen hat und seine ganze Aufmerksamkeit nur der holperigen Piste und den Autostoßdämpfern gilt.

„Sah aus wie ein Zebra – aber nicht so hell!“

„Ah ja, ein Zebra, hier in der niedersächsischen Pampa. Mensch wir sind doch nicht im afrikanischen Serengeti-Park!“

„Komm, fahr mal ein Stück zurück und lass uns genauer einen Blick drauf werfen. Also was Exotisches ist es allemal!“

Rückwärtsgang rein, Vollgas und durch mehrere Schlaglöcher geht’s rasant zurück. Jetzt sind wir schneller als 30 Km/h signalisiert mir der vorhin verspeiste Matjes aus meinem Magen.

Und da steht es: Das Etwas auf vier Beinen in schwarzbraun! Es unterscheidet sich nicht von den anderen umstehenden grasenden Pferden. Außer, dass es eben die Streifen hat, und zwar vom Hals bis zum Schwanz! „Was soll das denn für eine Rasse sein? Hast du sowas schon mal gesehen? Irgendwie komisch, findest du nicht auch? Kein echtes Pferd, aber ein Zebra auch nicht wirklich. Die sind doch schwarzweiß, kennt schließlich jeder aus Filmen, aus dem Zoo, na und vom Zebrastreifen sowieso!“

„Hmmm, hab ich auch vorher noch nicht gesehen. Vielleicht sollten wir es fotografieren. Und wenn es aber doch ein Pferd ist? Was hat es denn für Beine? Hat es eigentlich auch einen Schwanz und ne Mähne? Also jedes anständige Pferd hat sowas schließlich!“

„Guck mal, was hängt dem denn da hinten zwischen den Hinterbeinen runter? Das ist doch…“

„Jetzt hör aber mal auf! Wo du hinguckst, da hat schließlich jeder was zu hängen – ist doch nichts Besonderes und bei Kerlen schon gar nicht!“

„Du weißt du was – ich glaub es ja nicht! Das ist ein Pferd, dem man eine Decke übergelegt hat! Schau mal ganz genau hin: das da unten zwischen den Hinterbeinen sind Gurte zum Festmachen. Und weil ihm diese Decke einfach zu groß ist, sieht man weder Schwanz noch Mähne. Diese Decke deckt eben alles ab!“

„Also sozusagen ist das ein DECKHENGST…!“

„Blödmann, vielleicht ist es auch eine trächtige Stute, der es ohne Decke nachts auf der Weide viel zu kalt ist. Aber ein bisschen doof sieht er oder sie schon aus. Hat so gar nichts von einem edlen Ross!“

„Schau mal, jetzt hebt er seinen Kopf und wenn ich den so sehe, hätten sie ihm lieber noch ne Mütze überziehen sollen…………oder gleich ne Tarnkappe verpassen können – der Schönsten einer ist er jedenfalls nicht! Dabei gibt’s so schicke modische Outdoor-Decken!“

„Ob wir vielleicht mal mit Oma Else reden sollten – die strickt doch so gerne. Denk mal an die Eierwärmer und das Ganzkörper-Kondom für Dackel Waldi und Wollreste hat sie doch tütenweise im Keller zu stehen!“

28.06.2018