Der olle Karl und sein Nischel!

Ruckzuck rasen alle Neuigkeiten rund um den Erdball. Moderne Technik, Satelliten im Weltraum und Smartphones überall auf dem Globus machen es möglich. Wir wissen sofort, wen der Trump wieder am Schlafittchen hat, wie das Wetter in Hohenschöngrünkohl am Wochenende sein wird, wie das André-Rieu-Konzert in Sydney gelaufen ist, was die fliegende Webcam von der ISS an die Erde übermittelt hat und welcher Reissack vor fünf Minuten in China erst umgefallen und dann geplatzt ist.

Selbstverständlich wissen wir auch, wer seit über einer Woche in Chemnitz Bambule macht und wer dagegen wettert und musikalisch anstinkt. Zwar ist das von hier aus betrachtet fast ums Eck, aber auch für jeden nur Sekunden entfernt, der das Internet mit den vielen Quellen und Möglichkeiten nutzt – wo immer er in der großen, weiten Weltgeschichte steckt und Empfang hat.

Sowas hätte es in Karl-Marx-Stadt nicht gegeben! Da hätte jeder Staatsratsvorsitzende der Deutschen Demokratischen Republik den militärischen Fuhrpark der NVA mit Mann, Maus und Schießbefehl ins Getümmel geschickt und den aufmüpfigen Querköpfen gezeigt, wo Bartel den Most holt. Doch Karl-Marx-Stadt ist Geschichte, die DDR inklusive NVA und Staatsratsvorsitzende auch.

Heute heißt die Stadt im Sachsenland wieder Chemnitz und an Karl Marx erinnert sein in Stein gehauener Kopf, den die Einheimischen liebevoll „Nischel“ nennen.

Was würde der große Denker und Philosoph wohl derzeit zum Geschehen in dieser sächsischen Stadt sagen, was sich da so rund um seinen klugen Kopf tut?

Als lebenserfahrener Zweihundertjähriger schüttelt er vielleicht nur Bart und Haupthaar und trifft seinen Freund und Wegbegleiter Friedrich Engels auf ein paar Gläser im Weinlokal. Ob die Zwei eine Lösung für die aktuellen Probleme in Chemnitz hätten, wissen wir nicht. Vermutlich würden sie aber danach suchen – zumindest ausführlich darüber diskutieren.

Wie würden wohl die beiden klugen Kerle mit der heutigen Medienvielfalt umgehen, die Themen unserer Zeit anpacken, wie hätten sie in der DDR gelebt, wie vielleicht auf der anderen Seite der Mauer? Wären sie heute mit Oskar Lafontaine befreundet, oder eher mit Frau Merkel oder hätten sie sich für Schmidt, Kohl oder Schröder interessiert?

Würden sie wohl gemeinsam mit Sahra Wagenknecht „aufstehen“ oder gleich sitzen bleiben, weil sie schon so viele Aufsteher und Umfaller erlebt haben?

Ob wohl Karl Marx Bundeskanzler oder gar Bundespräsident geworden wäre? Wäre er für Europa und gegen den Brexit? Hätte er die zündende Idee, das Flüchtlingsproblem für alle Beteiligten einvernehmlich und optimal zu lösen?

Ob den beiden Männern wohl Sushi schmecken täte oder doch lieber kräftige Käse- oder Wurschtbemmen?

Schade, dass man sie das alles nicht mehr fragen kann. Sicherlich hätten sie viel zu erzählen.

Ganz bestimmt wären sie gern gesehene Gäste in allen Talkshows sämtlicher Anstalten und Sender. Endlich hätten die dann mal was neues Altes zu bieten und nicht immer nur die ewigen Wendehälse, langweiligen Phrasendrescher, Wahlkampf-Münchausens, Selbstdarsteller und alle ohnehin üblich Verdächtigen!

05.09.2018

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-K1010-0007 / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv Bild 183-K1010-0007, Chemnitz, Karl-Marx-Denkmal, FDJ Versammlung, CC BY-SA 3.0 DE