Kein Schwein ruft mich an

Keiner, nicht einer will was von mir! Irgendwie blöd. Vielleicht sollte ich mal unter die Leute gehen. In die Stadt fahren und in der Fußgängerzone ein paar Runden drehen. Da sind angeblich jede Menge Reporter, die alle Passanten nach ihrer Meinung befragen. Und wie gerne wär ich mal im Fernsehen oder im Radio! Da könnte ich dann ganz unverblümt meine Meinung zu all dem Mist rausposaunen, den die da oben in Berlin verzappen!

Okay, dann zieh ich mir jetzt Schuhe an und fahre ausnahmsweise mit Bahn oder Bus. Da kann ich schon dem normalen Volk aufs Maul schauen, mir nen eigenes Stimmungsbild machen. Also zuhören, belauschen meine ich. Das ganze Polit-Theater dürfte den Leuten schließlich nicht links am Allerwertesten vorbeigehen. Oder lässt die das etwa kalt? Das teste ich einfach live, selbst und direkt Vorort.

Na so ein Ärger aber auch – jetzt schüttet es wie aus Eimern! Nee, da bleibe ich lieber zuhause, höre Radio oder mach die Glotze an. Garantiert sind irgendwelche Reporter unterwegs und befragen Otto Normalverbraucher und seine Frau Helga zum Thema Zoff zwischen Merkel, Seehofer und Nahles zur Causa Maaßen – wie die es immer nennen.

Im Radio meldet sich Betty Krause über WhatsApp zu Wort. Ihr Ehemann, Gott hab ihn selig, war Zeit Lebens ein fleißiger Beamter, der niemals so wie Herr Maaßen befördert wurde. Dazu war der Verblichene auch viel zu ehrenwert, sagt sie. Solche Mauscheleien waren nicht sein Ding, sagt Witwe Krause mit vornehmer Empörung in der Stimme.

Na gut, Herr Krause war vermutlich auch jobmäßig ne Nummer kleiner unterwegs als Herr Maaßen.

Ebenso Willy Lehmann aus Klein-Kleckersdorf. Der hat sich den Hintern aufgerissen, um die Familie durchzubringen, das Haus zu bauen und hat immer ehrlich und rechtschaffend seinen Beruf ausgeübt und deshalb waren solche Spielchen für ihn absolut unehrenwert.

Sieh mal an, da gibt’s noch Leute, die das Wort ehrenwert kennen – solche Ausdrucksweise findet man vermutlich nur noch beim Rentner-Sender NDR 1 Niedersachsen.

Der Moderator im Studio ruft seinen Reporter-Kollegen in der City-Fußgängerzone. Der beklagt zunächst den Regen, dann all die gehetzten Menschen, die null Bock haben, mit ihm über das Polit-Schmierentheater in Berlin zu reden. Der Regen klappert auf sein Mikro, die Verbindung ist grottenschlecht. Die Verbindung ist unterbrochen. Drum gibt’s Musike auf die Ohren. Die Beatles singen „Help, I need somebody, help….“

Im Fernsehen berichtet die Nachrichtentante über die neuesten Meinungsumfragen. Also wenn jetzt Wahlen wären – Gesamt-Deutsche versteht sich – dann würden die Volksparteien aber sowas von abkacken, interpretiert die Fernsehfrau die Ergebnisse von Infratest dimap. Okay, ihre Wortwahl war besser, aber gemeint hat sie es schon so!

Warum ruft bei mir eigentlich niemand von Infratest an oder irgendein Reporter? Von mir würden die schon die richtigen Antworten kriegen. Ich bin Volkes Stimme! Nen paar Tipps hätte ich schon parat, für Politiker, für Radio- und Fernsehmacher – alle würden ihr Fett wegkriegen. Bin nämlich als Klugscheißer und Besserwisser bekannt und dafür, dass ich überall meinen Senf zugebe.

Huch! War das nicht die Türklingel? Ach du dickes Ei – kommt jetzt etwa doch jemand von den Meinungsforschern oder irgendein Fuzzy vom NDR? Himmel, wie seh‘ ich denn bloß aus? Schnell mal vorm Türöffnen in den Spiegel gucken…na, geht ja so. Rasch noch am Pulli zuppel – ich komme ja schon!

Eine Sekunde später öffne ich die Tür.

Ach, Sie sind’s nur Frau Baumeier – was gibt’s denn Frau Nachbarin?

Können Sie mir mal zwei Eier borgen? Bei dem Wetter will ich nicht extra rausgehen!

24.09.2018