Oma Else und die kurzen Beine

Oma Else hat früher bei passender Gelegenheit mit hoch erhobenem Zeigefinger gewackelt und ernster Stimme festgestellt: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er dann die Wahrheit spricht! Sie war der lebendige Volksmund und hatte für alle Ereignisse und Vorkommnisse des menschlichen Lebens einen Spruch parat.

Bei ihr hatten auch die Lügen kurze Beine, was lediglich hieß: abwarten und Tee trinken; irgendwann kommt die Wahrheit von ganz alleine ans Licht!

Wenn im Rumtopf was fehlte, der Kanten vom knusprig-frischen Brot abgeknabbert war, die Keksbüchse leer im Regal stand, oder der dreckige Fußball voll in die auf der Leine hängende Wäsche ballerte und die Scherben vom zerbrochenen Teller im Mülleimer lagen, fragte sie uns, wer’s getan hat. Niemand war’s natürlich! Aber wehe, wenn sie uns erwischte oder sich jemand – aus Versehen natürlich – verplapperte, dann setzte es was und wir hatten schlechte Karten.

Für einen erwischten Lügenbaron gab es weder Vanille-Pudding mit Johannisbeeren, noch Waldmeister-Bonbons, keinen Apfelsaft, eingemachte Kirschen und Pflaumenkuchen waren für einen gewissen Zeitraum gestrichen. Wer als „kurzbeinig“ geoutet wurde, musste mit Oma Else gemeinsam Unkraut jäten, Gemüse schnippeln und anderes lästiges Zeug erledigen.

Das nächste Flunkern kam gewiss, jedoch haben wir vorab dreimal drüber nachgedacht, wie wir ohne Sanktionen über die Runden kamen.

Frau Merkel ist keineswegs wie Oma Else – jedenfalls nicht, wenn’s um die Autoindustrie und die Dieselschweinereien geht. Und Kollege Seehofer tanzt ihr mitten auf der Nase rum und mit der Wahrheit nimmt er es auch nicht so genau. Dem müsste sie mal die ohnehin schon langen Hammelbeine noch länger ziehen oder ihn einfach aus dem Kabinett schmeißen!

Vor ein paar Tagen hat Kardinal Marx auf der Bischofskonferenz bedauernd festgestellt, dass man den eigentlich so ehrwürdigen Kirchenmännern nicht mehr glaubt, wenn’s um Aufklärung der vielen Missbrauchsfälle geht. Heißt das etwa, dass die im Namen ihres obersten Chefs jahrelang geflunkert und geschwindelt haben? Sie haben immer nur Besserung gelobt, allerdings weit davon entfernt (nicht) gehandelt.

Unsere Politiker und honorige Konzern-Bosse sind auch keinen Deut besser als die vorgenannten Kleidchen-Träger! Heute reden sie so, morgen ganz anders und drei Tage später erinnern sie sich an nichts mehr oder beteuern, dass man sie falsch interpretiert hat. Und wenn’s ganz dicke kommt, dann verkrümeln sie sich, machen sich zu besten Bedingungen vom Acker und übernehmen null Verantwortung. Haben die schon immer so gemacht, sagen die einen und erinnern an Konrad Adenauer, den sein Geschwätz von gestern auch nicht interessierte.

In den späten fünfziger Jahren der deutschen Fernsehgeschichte gab’s mal eine erfolgreiche Ratesendung mit dem Titel „Sag die Wahrheit“ – die Älteren erinnern sich bestimmt daran. Ein aktuelles Remake ist nicht minder beliebt bei den Zuschauern.

Ob das wohl daran liegt, dass Herr und Frau Normalverbraucher die Schnauze voll haben von all den Lügengeschichten der Lenker und Leiter in unserem Land?

Wer medial interessiert ist, fragt sich doch jeden Tag mindestens einmal, ob diese Nachricht ein Fake oder gut recherchierte Wahrheit ist, jene Meldung tatsächlich stimmt oder einfach nur Einschaltquoten erhöhen oder Verkaufszahlen begünstigen soll.

Das Wort Lügenpresse macht die Runde – zurecht oder nur die Erfindung von böswilligen Lügnern?

Das Internet ist der Haupttummelplatz für zeitgemäße Stänkerer und Münchhausens, für Aufwiegler, unehrliche Rebellen und viele, die es nicht verdienen, dass man ihnen auch nur so viel wie schwarz unterm Nagel Aufmerksamkeit schenkt.

Oma Else hätte es heutzutage echt schwer, Lüge von Wahrheit zu trennen. Vermutlich würde sie sagen: „Es gehen viele Lügen in einen Sack. Drum hau kräftig drauf, denn nur das Treffen zählt!“

„Wer beim Lügen schnell rot wird, sollte am besten immer grün tragen!“, sagte Yves Saint Laurent. Ob der das wohl politisch oder lediglich modisch gemeint hat?

Eine weitere Weisheit zu diesem Thema gab Otto von Bismarck von sich: „Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd“

02.10.2018