Plötzlich und unerwartet!

Es gibt sie doch! Diese kleinen Dinger mit dem riesigen Flatter-Potenzial. Sie bringen unser Blut in Wallung, unser Leben total durcheinander, sie verursachen ein tierisches Kribbeln im Bauch und lassen uns leicht idiotisch dauergrinsen. Es sind die Hormone, die wir eigentlich immer nur bei pubertierenden Teenies vermuten. Das ist allerdings ein gewaltiger Irrtum! Sie erwischen uns in jedem Alter und vom Teenager bis zum Greis ist niemand vor diesem Schmetterlingsgewimmel gefeit.

Anfang der Neunziger lernten sie sich kennen, rein beruflich. Er der Vortragskünstler, sie die Vorzimmertussi. Er, der Hansestädter, sie, die Spandauerin. Regelmäßig liefen sich die beiden im Büro um die Ecke vom Kudamm übern Weg.

Damals war Richard von Weizsäcker der erste Mann im Staat, Helmut Kohl Bundeskanzler. In Berlin war Eberhard Diepgen der schwarze Regierende Bürgermeister, in Bremen war’s Klaus Wedemeier von der SPD.

Seither ist mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen und es ist viel passiert. Die Welt hat sich gedreht, verändert, ist besser oder schlechter, bunter oder dunkler geworden, vielleicht näher zusammengerückt – je nach Blickwinkel. Gilt im Politischen, in der Mode, ebenso für Ansichten und das Zusammenleben der Menschen, für Konflikte, für Krieg und Frieden natürlich auch. Auch Berufliches und Privates bilden keine Ausnahme.

Der Hansestädter ist älter geworden, die Spandauerin auch. Im Laufe der Jahre wurden sie Freunde, sogar gute Freunde. Noch immer trafen sie sich meist in Berlin bei der Arbeit, gingen hinterher oft ins Brauhaus und bei Bier und leckerem Essen tauschten sie ihre Gedanken aus, erzählten sich dies und das – auch Persönliches.

Und dann vor genau zehn Jahren saß Amor mit am gedeckten Tisch. Plötzlich und unerwartet verschoss der Typ seine Pfeile und die trafen – sozusagen plötzlich und unerwartet – und da war’s um die beiden geschehen. Es hat wumm gemacht!

Glücklicherweise war er solo, sie auch – kein Dritter blieb also auf der Strecke – und beide konnten sich Hals über Kopf in das Abenteuer mit dem Motto „eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ stürzen.

Seit einem Jahrzehnt teilen beide nicht nur ihr Leben, sondern auch Tisch, Bett, Kochtopf, Pfanne, alle Erlebnisse, Gutes, Schlechtes und was sonst so dazugehört. Der Trauschein liegt fein säuberlich abgeheftet im Ordner, die Erinnerung an die standesamtliche und kirchliche Trauung ganz vorne im Gedächtnis. Unter den Überschriften die Putzfrau klingelt um halb Drei und Trauung in Woltzeten haben sie die Ereignisse festgehalten.

Seit etlichen Jahren leben beide in guter Nachbarschaft mit dem Bremer Roland und den Stadtmusikanten. Sie essen Knipp und Grünkohl, fahren zum Frisch-Fischessen meistens nach Bremerhaven oder direkt an die Nordsee. Beide fühlen sich pudelwohl, genießen ihre Gemeinsamkeit, mit allen Höhen und Tiefen.

Man darf übrigens locker davon ausgehen, dass noch immer viele Schmetterlinge mit ihnen unter einem Dach wohnen. Und die flattern auch nach einem Jahrzehnt oftmals noch ganz wild und ausgelassen bei ihnen rum!

Foto: Inachis io beentree brok 2005, CC BY-SA 3.0

16.11.2018