13. August 1961

West-Berlin wird zur Insel

Samstag, 12. August 1961

Drei Wochen Ferien auf der Insel Spiekeroog sind leider vorbei. Tschüss Wolken, Wind, Wasser, Strand und Dünen. Von der Jugendherberge aus geht’s nach Neuharlingersiel und dann mit dem Reisebus nach Berlin-Spandau. Wir Jungs und Mädels sind traurig, die Insel verlassen zu müssen, aber auch voller Vorfreude auf die Familie, Geschwister und Freunde zuhause. Denen wollen wir natürlich von Quallen in der Nordsee, vom Lagerfeuer am Strand, von nächtlichen Wattwanderungen und anderen tollen Ferienerlebnissen erzählen.

Wir  sind Jungs und Mädels, zwischen 9 und 15 Jahre alt und eine tolle Truppe in diesem Urlaub geworden. Unser gemeinsames Hobby ist das Schwimmen bei den Spandauer Wasserfreunden. Dieser Verein organisiert mehrfach im Jahr Ferienfreizeiten, wie auch diese. Auf diesen Reisen begleiten uns immer ältere Vereinsmitglieder, die uns betreuen und anleiten, Tagesprogramme entwerfen und gestalten und selbstverständlich auch etliche Streiche ertragen müssen, die wir uns für sie ausdenken.

Nach kräftigem Gerangel und mit viel Lärm haben wir unsere Plätze im Bus eingenommen, das Handgepäck verstaut und unsere Fresstüten inspiziert und verglichen, wer was drin hat und ein reger Tauschhandel entwickelt sich. Alles mundet uns vorzüglich, Ruhe kehrt ein, das stetige Ruckeln des Reisesbusses bringt die meisten zum Schlafen.

Es ist der frühe Nachmittag des 12 August 1961 und der Busfahrer hat das Gebiet der DDR erreicht. Noch ungefähr 200 Kilometer durch dieses Territorium, dann sind wir zuhause. Diese Strecke muss man fahren, wenn man nach Berlin will und jedes Mal hat es was Bedrückendes, dort lang zu fahren. Oft lauern Volkspolizisten hinter Büschen oder Bäumen, Militärautos fahren auf der Autobahn, die man sich kaum traut, zu überholen, irgendwie fühlt man sich auf dieser Strecke beobachtet. Heute ist es anders – noch intensiver. Ganz viele Militärkonvois mit vielen Soldaten befinden sich auf dem Weg nach Berlin. Auch Panzer. Auf den offenen LKW sitzen ganz viele junge Männer in Uniform. Viele von ihnen sind nicht älter als etliche meiner Schwimmfreunde im Bus. Wir sehen Lastkraftwagen die riesige Rollen Stacheldraht transportieren und andere Gerätschaften.

In unserem Bus breitet sich Unruhe aus, besonders bei den älteren unserer Begleitcrew. Sie schauen sich besorgt an, flüstern sich Dinge zu, die wir nicht verstehen. Auch wir sind ganz still und spüren, dass irgendwas nicht stimmt. Trudchen und Helga, zwei unserer Begleitpersonen, holen die „Mundorgel“ heraus, Schorsch schnallt sich seine Gitarre um und sie stimmen das Lied „Hoch auf dem gelben Wagen…“ an. Es folgen viele unserer geliebten und gerne gesungenen Volks- und Wanderlieder. Das Szenarium auf der Autobahn veränderte sich nicht. Wenige PKW auf der Transitstrecke Richtung Berlin, dafür viele Militärfahrzeuge. Es sind keine Amis, Franzosen oder Engländer, denn die kennen wir schließlich. Der Busfahrer tuschelt mir Schorsch und Schorsch verkündet dann, dass wir nicht soviel trinken sollen, denn die nächste Pinkelpause findet erst wieder auf einem Parkplatz auf der AVUS statt. Spätestens an dieser Stelle merken auch wir konkret, dass heute auf der Transitstrecke was anders ist als üblich. Etliche Kilometer vorm Grenzkontrollpunkt Dreilinden/Drewitz ist die Karawane der Militärkonvois verschwunden. Die Abfertigung am Kontrollpunkt verläuft zügig, dann sind wir auf der AVUS und wie immer sind wir gespannt darauf, wer wohl heute als erstes den Funkturm sieht. Hannelore schreit „Da ist er, da ist er der lange Lulatsch!“

Bis zur Spandauer Zitadelle ist es nun nicht mehr weit und dort stehen auch schon unsere wild winkenden Angehörigen, die sehnsüchtig unsere Ankunft erwarten. Trudchen, Helga, Schorsch und die anderen Begleiter sind heilfroh, uns wohlbehalten abgeben zu können. Keiner trägt den Arm in der Schlinge, keiner hat ein gebrochenes Bein und allesamt sehen wir nach drei Wochen herrlicher Sommerfrische auf der Nordseeinsel aus.

Mich holt mein Papa ab und er schließt mich fest in die Arme bevor es dann nach Hause geht. Dort warten Mami, Opa und Kartoffelsalat mit Würstchen auf mich. Beim Essen erzähle ich von den Abenteuern und Erlebnissen der vergangenen Ferienzeit, aber auch von den beängstigenden Merkwürdigkeiten auf der Transitautobahn nach Berlin. Opa und Papa tauschen stumme Blicke, sehen sehr bedenklich aus und stellen mir viele seltsame Fragen.

Papa dreht das Radio an, um nähere Einzelheiten im RIAS zu meinen Berichten von der Rückreise zu erfahren. Konkretes gibt es nicht, doch in den Nachrichten wird auch von Truppentransporten und Truppenbewegungen nach Berlin gesprochen.

Hundemüde bin ich und will nur noch ins Bett. Tolle und aufregende Ferientage liegen hinter mir und mit diesen Gedanken und Erinnerungen schlafe ich ein.

Sonntag, 13. August 1961

Die Sonne strahlt über Berlin, es soll sehr heiß werden. Deshalb haben sich Papa, Opa, Gerhard und Dieter bereits zu sechs Uhr früh verabredet. Sie wollen in unserem Garten eine neue Wasserleitung verlegen. Gerhard kommt erst gegen acht Uhr mit dem Fahrrad. Er ist völlig aufgelöst und atemlos. Was ist bloß mit ihm los? Sonst ist er doch immer überpünktlich und die Ruhe selbst! Gerhard wohnt ganz am Ende des Brunsbütteler Damms am Finkenkruger Weg, also in Staaken. Mami und ich decken gerade den Frühstückstisch im Freien, als Gerhard völlig hysterisch mit den Armen fuchtelnd und mit brechender Stimme immer wieder sagte: „Macht das Radio an, macht das Radio an!“

Auf RIAS-Berlin berichtet Erich Nieswandt live vom Brandenburger Tor. Vorm Tor wurde das Straßenpflaster aufgerissen, Asphaltstücke rausgebrochen und aufgeschichtet. Pfähle in den Boden gerammt, Stacheldraht gezogen und der Weg von Ost nach West abgeriegelt. Es sind Kampfgruppen der Volkspolizei die zugange sind, die Sperren zu errichten. Andere Bewacher – schwer bewaffnet mit Maschinengewehren – verhindern, dass verzweifelte Menschen in den Westen flüchten. Manchen gelingt trotzdem der Sprung über den Stacheldraht, sagt der Reporter. Menschen haben sich auf beiden Seiten des Brandenburger Tores eingefunden und sie sind fassungslos über das, was dort passiert.

Doch nicht nur dort wird die Stadt abgeriegelt. Weitere Berichte vom Potsdamer Platz, von der Bernauer Straße im Wedding und von vielen anderen Stellen in der Stadt informieren uns darüber, dass Berlin abgesperrt wird. Im Rathaus Schöneberg findet sich eiligst der West-Berliner Senat unter der Leitung von Willy Brandt, unserem Regierenden Bürgermeister, ein. Die Stadtkommandanten der Alliierten tagen zeitgleich in Dahlem. Die Nachrichten und die Reportagen im RIAS überschlagen sich geradezu. Viele Reporter sind mittlerweile im Einsatz, manche haben ganz brüchige, weinerliche Stimmen. In allen Berichten ist Angst und Schrecken zu spüren. Keiner weiß, was in dieser Stadt passiert, was für Auswirkungen das alles hat.

Zwischenzeitlich kommen aufgeregte Nachbarn zu uns in den Garten. Viele weinen, besonders die Frauen. Einige erzählen, dass sie mittags zu ihren Kindern, Verwandten oder Freunden nach Friedrichshain, Pankow, nach Brieselang oder Falkensee fahren wollten. Karl Meier, ein Arbeitskollege und Freund von Papa, kommt auf seiner Horex Regina angeknattert und berichtet, dass die S-Bahn nur noch bis zur Station Spandau-West fährt, nicht mehr weiter nach Staaken oder gar nach Falkensee. Aus dieser Richtung kommen auch keine Züge mehr nach Spandau rein. Frau Buser, eine Nachbarin, berichtet voller Sorge, dass ihr Mann gestern nach Dallgow gefahren ist, um in der Laube seiner Mutter das Dach zu decken. „Wann kommt er denn nun zurück?“ fragt sie unsicher. „Unsere Kinder sind mit den Enkelkindern in den Ferien an der Ostsee, sie bleiben noch eine Woche….“, so sagen die alten Eheleute vom Grundstück vorn an der Ecke. Meine Freundin Marion und ihr Bruder stehen auf einmal aufgelöst an der Gartentür. Bernd ist schon 19 Jahre alt. Er stammelt, dass die Eltern gestern mit dem Auto zum 60. Geburtstag des Onkels in die Gartenkolonie am Müggelsee gefahren sind und sie sind noch immer nicht zurück.

Papa und Opa setzen sich um die Mittagszeit auf ihre Fahrräder. Sie wollen zum Finkenkruger Weg fahren und sehen, was dort geschieht. Mich nehmen sie nicht mit. Völlig am Boden zerstört kommen sie nach gut einer Stunde wieder zurück. Beide schluchzen, Opa am meisten, beide berichten von erschütternden Erlebnissen, von schreienden Menschen, von getrennten Familien, von weinenden Kindern. In Berlin herrscht Chaos, Angst und Panik  –  jetzt auch bei uns!

Am Nachmittag kommt mein Cousin Peter in seinem Borgward vorbei. Er ist Autoschlosser bei Orenstein und Koppel am Brunsbütteler Damm und wohnt in Seeburg, also im Umland. „Was machst du denn hier?“ fragen wir erstaunt. Er ist am Sonnabend nach der Arbeit bei seiner Freundin Gerdi in Spandau geblieben, erklärt er uns.

Immer wieder gibt es Neuigkeiten – aus dem Radio, von Freunden, von Bekannten und von Nachbarn. Die neu zu verlegende Wasserleitung ist zwischenzeitlich das Unwichtigste überhaupt. Meine Eltern sind überglücklich, dass ich schon gestern von der Reise zurückgekommen bin. Heute lässt man keine Reisebusse nach Berlin am Kontrollpunkt mehr durch, hat der Radiosprecher gesagt. Mein Großvater ist im Laufe der vergangenen Stunden um Jahre gealtert. Er ist Kriegsflüchtling und hoffte bis heute, irgendwann noch einmal in seine Heimat, die jenseits von Oder-Neiße liegt, zurückkehren zu können. Diese vage Hoffnung ist bei dem Mittsiebziger nun endgültig zerstört. Für meinen Vater gilt das natürlich auch. Nichts ist mehr wie heute früh bei Tagesanbruch, beim Aufstehen! Alles ist anders, das begreife auch ich.

Um 19:15 Uhr beginnt die Berliner Abendschau. Es ist das regionale Fernsehprogramm vom Sender Freies Berlin aus der Charlottenburger Masurenallee. Harald Karas moderiert die allabendliche Sendung und ringt deutlich um Fassung. Diese aktuelle Sendung zeigt uns nun in lebendigen Bildern das Ausmaß der heutigen Ereignisse. Meine Eltern, mein Großvater, Tanti, Onkel Otto und ich sitzen vorm Fernseher und weinen. Die Tagesschau, die im Anschluss gesendet wird, informiert uns darüber, dass die Grenzschutzsicherungen, wie es die  DDR bezeichnet, nicht nur rund um Berlin stattfinden, sondern rund um die Bundesrepublik, überall dort, wo die DDR Berührung zu westdeutschen Bundesländern hat.

Ein neuer Zeitabschnitt hat begonnen – und der soll lange dauern….

05.01.2014

Foto: Bundesarchiv, Bild 173-1321 / Helmut J. Wolf / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv Bild 173-1321, Berlin, Mauerbau, CC BY-SA 3.0 DE

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