Der Doktor aus Bielefeld – ein Mann, der sich was traute!

Eine Frau hat zwei Lebensfragen:
„Was soll ich anziehen? Was soll ich kochen?“

So jedenfalls wurde es dem modernen Nachkriegsmodell namens Frau in den frühen Fünfzigern in TV- und Kino-Werbespots von Frau Renate eingebläut.

Damals war das Leben anders als heute. Nur wenige verheiratete Frauen gingen einer bezahlten Arbeit nach – vorausgesetzt, der Ehemann erlaubte das. Meist fand er es überhaupt nicht schicklich und sah sie viel lieber zu Hause am Herd, bei den Kindern, der Wäsche und beim Putzen. So wurde der Angetraute, der sich tagsüber mit dem Geldverdienen beschäftigte, abends und am Wochenende mit ganz vielen Dingen verwöhnt, die er schon bei seiner Mama sehr schätzte.

Zu diesen Vorzügen gehörte unter anderem, dass sie ihm unmittelbar nach Betreten der gemeinsamen Wohnung die Straßenschuhe gegen Hausschuhe austauschte und leckeres Essen servierte. Nach dem Essen holte sie ihm eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank, schenkte es liebevoll in ein Glas, stellte es ihm zusammen mit Zigaretten, Feuerzeug, Aschenbecher und Salzstangen auf den zierlichen Nierentisch neben seinen Sessel.

Der große Röhrenfernseher mit dem recht kleinen Bildschirm lief bereits, als sie sich zu ihm setzte. Gleich fing die Tagesschau an, zuvor aber noch ein paar Werbespots. Aus Liebe zur Wäsche empfahl die propere Dame Persil. Dann das lustige HB-Männchen, das immer gleich in die Luft geht und die dritte im Bunde ist Frau Renate, die für Puddingpulver wirbt.

„Dir fällt immer ein, was du kochen und anziehen sollst, um mich zu erfreuen, Liebling!“ schmeichelt der Gatte und sie errötet ein wenig.

Verantwortlich für diese zwei Sinnfragen des schönen Geschlechts war die Marketingabteilung der Dr. August Oetker KG – die allerdings vor sechzig Jahren noch nicht Marketing hieß.

Jedenfalls hat sich mit diesem Spruch der alte August ganz schön was getraut! Heutzutage hätte man ihm die Hammelbeine langgezogen, ihn dafür in die Wüste gejagt, gesteinigt, am allerhöchsten Ast aufgeknüpft oder Schlimmeres gemacht. Alice Schwarzer und anderen Feministinnen wäre dazu schon was eingefallen – da kann man ziemlich sicher sein!

Der Tüftler Oetker hat bereits vor dem ersten Weltkrieg mit seinen Experimenten losgelegt. Allerdings brachten ihm weder Fuß-Creme noch Warzen-Tinktur Erfolg und Gewinn und bald stieg er auf Backpulver-Versuche und ähnliches um. Er probierte hier und testete dort und irgendwann war das ursprüngliche Labor ein Familienbetrieb, das seinen Stammsitz noch immer in westfälischen Bielefeld hat. Obwohl – diese Stadt gibt’s doch eigentlich nicht wirklich. So zumindest behaupten es die Münsteraner Tatort-Ermittler Thiel und Boerne…!

Das Imperium von Dr. August Oetker jedenfalls ist aus unserem Leben nicht wegzudenken. Weltweit sind sie vertreten und nicht nur mit Ess- und Trinkbarem, sondern sind Globalplayer im Finanzwesen und der Hotelbranche.

Jedenfalls ist bei dem Tüftler im Chemielabor die Hefe richtig gut aufgegangen und der Teig ist noch immer kräftig am Wachsen.

18.11.2018