Mit Spitzbart und Zipfelmütze voll ins Auge

Angela Merkel, Gregor Gysi, Franziska Giffey, Katrin Göring-Eckardt, Jan Josef Liefers, Corinna Harfouch, Kai Pflaume waren seine Fans. Sie alle kennen ihn aus Kinderzeiten, den kleinen Mann mit dem Walter-Ulbricht-Spitzbart und der Zipfelmütze.

Er hatte uneingeschränkte Reisefreiheit, war kein Republikflüchtling und ihn erwarteten null Sanktionen bei Rückkehr. Ihm standen die modernsten Transportmittel zur Verfügung und selbst Abstecher mit dem Sputnik zum Mond oder in andere ferne Galaxien waren für ihn keine Hürde. Weltweit kannte er sich bestens aus und in westdeutschen Städten wie in seiner Westentasche.

Auf der deutschen Märchenstraße war er unterwegs, besuchte die Brüder-Grimm-Stadt Hanau, die Bremer Stadtmusikanten an der Weser und die Sieben Schwaben ebenso wie den alten Rübezahl.

Tagsüber streuten die SED-Genossen dem Volk Sand in die Augen, abends übernahm er diese Aufgabe – das Sandmännchen!

Der Sandmann!

Eigentlich war er ja nicht politisch, sagt man. Immerhin wurde er eigens für Kinder gemacht, der Sandmann vom Fernsehen der DDR, der am 22. November 1959 erstmalig auf Sendung ging.

Sein Konkurrent aus dem Westen vom Sender Freies Berlin debütierte eine Woche später als Gute-Nacht-Geschichten-Erzähler und Einschlafhilfe für die Kleinen.

Er war vermutlich der modernste Genosse der DDR, dem es an absolut nichts mangelte, der war in allen Lebenslagen technisch immer spitze. Klassenunterschiede waren ihm unbekannt und ob er ein knallrotes Parteibuch sein Eigen nannte, wurde nicht übermittelt. Er redete mit Menschen des einfachen Proletariats, ging zum Einkaufen in die HO – wie alle DDR-Bürger.

Er besuchte die Jungen Pioniere ebenso gerne, wie die gestandenen Facharbeiter und Facharbeiterinnen in den Betrieben. Auf der Spartakiade war der Spitzbart mit Zipfelmütze natürlich ein lieber Zaungast, wie beim Ernteeinsatz in der LPG rote Rübe.

Selbstverständlich tröstete er das Aschenputtel, weil es so schwer arbeiten musste, während die hochnäsige Schwester sich im Wohlstand suhlte.

Sogar für Devisen hat der kleine Mann mit seinem Sandsack gesorgt, wenn er für harte Währung beispielsweise in der Schweiz abends über die Mattscheibe flimmerte.

Das DDR-Sandmännchen war bekannt wie der Rechtsabbiegepfeil, beliebt wie Rotkäppchen-Sekt und selbst die Ampelmännchen machten ihm keine Konkurrenz.

Zur Wendezeit zählte er gerade mal dreißig Lenze und heute – am 22.11. – feiert er seinen 59. Geburtstag und ist daher eine Woche älter als das ebenfalls sehr bekannte westliche Pendant.

Toller Typ der kleine Spitzbart aus dem Osten – oder?

Na ja, eigentlich schon. Aber wer in der DDR so viele Privilegien genoss und Zustimmung erfuhr, der handelte sicherlich auch tausendprozentig im Sinne der Obrigkeit und wurde klamm heimlich benutzt.

Volker Petzold schreibt zu diesem Thema Folgendes:

Da sollten listige DDR-Kindergarten-Tanten immer mal wieder den Sandmann zu Spionagezwecken einsetzen. „Heute malen wir mal den Sandmann, liebe Kinder.“

Wer dann das Männchen mit der Schirmmütze und dem gepflegten Mustermannbart zu Papier brachte, der hatte sich verraten. Bei dem zu Hause wurde West-Fernsehen geguckt.“

Drum immer schön hinsehen, welcher Sand-in-die-Augen-Streuer neben Ihnen steht!

22.11.2018