Früher war mehr Lametta!

Es ist wieder soweit: Das Christkind, der Weihnachtsmann und das Rentier sind im Anflug auf die Erde zu all den Menschen, die Bock auf Advent und Weihnachten haben.

Die drei Himmlischen finden den Weg ins irdische Geschehen problemlos, denn ihnen weht Glühweinduft und anderer Fusel entgegen und überall swingen glockenhell Jingle Bells durch künstlichen Winterwelten. Bratäpfel und -würste, Grünkohl, Pommes, Kartoffelpuffer, gebrannte Mandeln schwängern die Luft zusätzlich im Umkreis von grün angestrichenen Jahrmärkten. Die Bremsen des Karussells quietschen mit den fröhlichen Kids um die Wette, während aus den Lautsprechern Weihnachtslieder dudeln und an erster Stelle das besinnliche Lied von der stillen und heiligen Nacht.

Vorfreude aufs Fest der Feste. Advent nennt man die Vorweihnachtszeit, ursprünglich eine stille und besinnliche Zeit.

So war es früher mal, also damals, als die Bilder laufen lernten, Opa um Oma buhlte, die Titanic in die ewigen Tiefen versank, Tango in unseren Breiten noch echt verpönt war, das Plumpsklo Standard und das elektrische Licht keineswegs jeden erhellte.

Lang, lang ist’s her sagen die einen und andere hätten gerne in dieser Zeit gelebt. Eine Zeit, in der Weihnachtsgeschenke eigenhändig gebastelt, gestickt, gestrickt, genäht, gehäkelt, gemalt, gehämmert und gewerkelt wurden.

Eine Zeit ohne Smartphone, schnelles Internet, Zalando, Amazon, Edelkaufhäuser und an bandscheibengeplagte und parkplatzsuchende DHL-Fahrer noch nicht zu denken war und man auf die eigene Fantasie und Fingerfertigkeit bei der Geschenkeauswahl vertrauen musste.

Der beim Förster bestellte Weihnachtsbaum wurde erst kurz vorm Fest geschlagen und in der guten Stube zum Schmücken mit viel Lametta, gebastelten Sternen aus Stroh und Glitzerpapier aufgestellt. Das erledigte selbstredend Papa, während die Kinder tief und selig vom Christkind träumend schlummerten, Mama die letzten Plätzchen für den bunten Teller im Backofen anbrennen ließ und draußen der Schnee leise rieselte.

In unserer Zeit ist das anders. Hektik jagt uns durch überfüllte Straßen in noch vollere Einkaufspassagen, um das zu besorgen, was auf elektronischen Merkzetteln notiert ist und unbedingt vorm Fest erledigt werden muss.

Wem das allerdings zu turbulent und zeitraubend ist, googelt „Christmas-Planer“ und findet den Profi – ähnlich wie seinerzeit David Hasselhoff in der gleichnamigen Filmkomödie.

Wenn der richtige Weihnachts-Planer gefunden ist, schnell buchen, bevor ihn ein anderer Kunde an Land zieht. So aber erledigt er alles für Sie. Alles ist eine Frage Ihrer Wünsche und Ihres Geldbeutels.

Während er loslegt und Ihr Geld unter die Leute bringt, legen Sie sich auf die faule Haut, lehnen sich entspannt zurück und erst am 24. Dezember tauchen Sie ausgeruht, gestriegelt und gebügelt im edlen Zwirn wieder auf der Bildfläche auf.

Dann können Sie auch objektiv beurteilen, ob der Christmas-Planer gute Arbeit geleistet hat, Sie ihn weiterempfehlen können, oder ob Sie schlagartig ein großes Problem haben!

Das Kulinarische unterliegt selbstverständlich auch dem Zeitgeist. Als Opa die Oma freite, aß man Heiligabend Kartoffelsalat mit Würstchen, niemals Sushi, Austern, Riesengarnelen und schon gar kein Fingerfood geschweige denn Tapas.

Damals drehte Opa der Weihnachtsgans mit den ach so schönen Beinen höchst persönlich die Gurgel nach hinten. Oma machte sie nackig und kümmerte sich darum, dass das Federvieh nach mehrstündigem Aufenthalt als knuspriger Gaumenschmaus der Bratröhre entstieg und die hungrige Mischpoke sich daran ergötzen konnte.

Auf Vegetarier, Veganer und andere Exoten wurde keine Rücksicht genommen, die aßen eben Rot-, Grün- und Rosenkohl mit Kartoffeln oder anderen Sättigungsbeilagen und verzichteten auch auf die vor Kalorien strotzende Soße.

Allerdings gibt’s noch immer etwas, das total zeitlos ist und früher wie heute ein Markenzeichen für geselliges Beisammensein nach dem Festmahl ist: Das sind gute Getränke! Oft werden die dann ein wenig durcheinander gesüffelt, manchmal auch zu viel der guten Tropfen, was dann die gesamte Gesellschaft auflockert und sogar den sonst so Maulfaulen eine gewisse Redseligkeit verleiht.

Da redet die Schwiegermutter mal so richtig Tacheles und der Hausherr findet die lila Weihnachtsbaumkugeln plötzlich potthässlich.

Seine bessere Hälfte meutert, weil der Stress immer an ihr kleben bleibt und die Küchenmaschine ein saudoofes Geschenk ist.

Tante Rita heult um ihren Erwin, der seit elf Jahren unterm grünen Rasen liegt.

Dackel Waldi pinkelt an die Nordmanntanne, Junior hat Bauchweh und das Kerzenwachs tropft auf den neuen Echtholztisch, der ein Vermögen gekostet hat.

Onkel Rudi pfeift einen Gassenhauer aus seiner Jugendzeit, seine Frau Renate amüsiert sich mit dem Eierlikör.

Herbert schlägt vor, die Mitternachtsmesse zu besuchen, Regine plädiert lautstark dagegen, ist aber für eine weitere Flasche Barolo.

Gisela hat’s früher mit mehr Lametta am Baum besser gefallen, doch Günter geht das voll an der Schulter vorbei, der würde lieber Skat kloppen.

Der Heiligabend ist für alle noch längst nicht vorbei.

Nur Oma und Opa machen sich heimlich, still und leise aus dem Staub. Beide stibitzen kichernd wie Teenager noch eine Pulle Wein aus der Küche.

Beim Stiefelanziehen kneift Opa seiner Liebsten zärtlich in den Allerwertesten. Dann stapfen beide glücklich und engumschlungen durch den Schnee nach Hause – so wie damals an ihrem ersten gemeinsamen Weihnachtsfest.

01.12.2018