Advent, Advent ein Lichtlein brennt…!

Am ersten Advent traf sich die Familie zum Adventskaffee. Mutti rückte die ersten Plätzchen raus, eine Bodenvase stand mit geschmückten Tannenzweigen vorne am Fenster und aus dem Ofenrohr dufteten Bratäpfel. Den Tisch zierte ein Adventskranz mit vier Kerzen und im Musikschrank wartete der Plattenspieler auf seinen Einsatz.

Punkt 15 Uhr klingelte es. Opa Ferdinand kam aus seinem Zimmer und fragte, wer das wohl sein könnte. Dann antwortete mein Vater meistens, dass das Opa Franz ist und der immer um drei Uhr schon vor der Tür steht. „Soso“, brummte Opa Ferdinand, schlurfte zurück in seine Stube, drehte sein Radio lauter und die Marschmusik war überall deutlich zu hören.

„Na Papa, bist ja schon so früh gekommen. Gibt’s was Besonderes?“ Das fragte mein Vater jedes Mal seinen Vater und der antwortete nur „nö“, einfach nur nö! Kein Wort mehr und keines weniger.

„Wir hatten halb vier verabredet“ sagte Papa, aber das interessierte Opa Franz nicht. Der begrüßte meine Mama, fand sowohl sie als auch den Kaffeeduft absolut reizend und setzte sich dann an den gedeckten Tisch. Selbstverständlich an die Stirnseite, damit ihm auch ja nichts entging, was sich an der Kaffeetafel oder im gesamten Raum abspielte.

Die nächsten waren Onkel Bruno, Tante Hilde und Fredi. Pünktlich auf die Minute. Hilde trug eine Muff aus Fell, die auch schon bessere Zeiten gesehen hatte, knallroten Lippenstift und schwarz getuschte Wimpern, zu denen Onkel Bruno „Fliegenbeene“ sagte. Ihr in die Jahre gekommener Persianermantel spannte über Busen und Bauch und hinderte sie am allzu innigen Begrüßungsritual. Brunos Mantel – so einer, wie die Kaisertreuen ihn früher getragen haben, sagt Papa immer – musste akkurat auf einem Bügel Platz finden – niemals nur am Haken.

„Wo ist denn Opa?“ fragte Bruno. Irgendwer antwortete, dass er bereits am Tisch sitzt.
„Nicht Opa Franz! Ich komme schließlich, um meinen Vater zu besuchen!“ antwortete Bruno, der in der Wohnzimmertür stand.
„Ich kann ja wieder gehen!“ konterte Opa Franz pikiert.

Dann waren Kaffee und Kakao fertig und alle hatten sich auf ihre vier Buchstaben gesetzt, als es abermals klingelte. Tante Dickchen und Dackel Hermann kamen. Opa Ferdinand verließ gerade sein Zimmer und bemerkte unhöflich: „Was wollen die denn schon wieder hier? Heute ist doch erster Advent und Familientag, dachte ich!“

Papa Karl setzte den Plattenspieler in Gang. Willy Schneider und ein Kinderchor sangen das traurige Lied von der oh so fröhlichen und seligen Weihnachtszeit.

Alle langten bei den Bratäpfeln und Plätzchen kräftig zu und irgendwann fragte Onkel Bruno nach seiner Schwester Trude. „Die kommt doch immer zu spät“, sagte meine Mutter erfahrungs- und wahrheitsgemäß. Nun ist es doch aber schon bald fünf Uhr, stellte Opa Ferdinand fest und fragte bei der Gelegenheit gleich mal nach, ob es noch anderes außer Kaffee zu trinken gibt. Kaffee raubt ihm den nächtlichen Schlaf und pinkeln muss er davon auch andauernd.

Mama holte Gläser aus dem Schrank, Papa Wein und Korkenzieher aus der Küche und unterm Tisch knurrt Hermann. Bei uns gab es selbstgemachten Wein. Opa Franz macht jedes Jahr Wein, meistens aus Johannisbeeren. Der ist süffig und steigt in den Kopf, sagt Mama und damit hat sie auch immer recht.

Opa Franz erwartet – wie immer, wenn sein Wein getrunken wird – Lobhudeleien auf seine Braukünste und seine Fähigkeiten, sowas Leckeres überhaupt zu fabrizieren, wo er doch eigentlich Schlossermeister ist. Alle prosten sich und ihm zu, doch niemand lobt ihn gebührend.

Opa Ferdinand findet die Runde langweilig, doch, wenn man hier schon zusammensitzt, könnte man auch ein bisschen Skat spielen, stellt er fest. Onkel Bruno und Papa sind von diesem Vorschlag begeistert, Opa Franz nicht. Meine Mutter räumt gemeinsam mit Hilde den Tisch ab, stellt den Adventskranz in sichere Entfernung zu den Männern. Meine Mutter ermahnt ihren Ehemann zur Vorsicht bei der Menge der Getränke: „Karl, du weißt, dass Opa Ferdinand und Bruno nichts vertragen!“ Papa Karl nickt und holt schnell noch etwas Nachschub aus der Küche.

Die Damen haben sich ans andere Ende des Tisches gesetzt, Dackel Hermann auch, der derzeit unter sehr starken Blähungen leidet, so dass von Zeit zu Zeit mal gelüftet werden muss. Tante Dickchen hat ihr Strickzeug mitgebracht. Sie will bis zum Fest noch Schal, Mütze und Socken für ihre Brüder fertigstellen, sagt sie. „Warum bist du dann nicht zuhause geblieben?“ fragt Hilde empört und genau in diesem Moment klingelt es und Tante Trude erscheint endlich.

„Oh nee, habt ihr schon Kaffee getrunken? Tut mir leid, aber ich musste noch…..!“

„Hör bloß auf!“ schimpft Opa Franz, „du bist doch niemals pünktlich! Du kommst irgendwann zu deiner eigenen Beerdigung noch zu spät!“

Mama hat gerade diesen „bei-Zweien-geht-es-schnell-rund-Blick“ aufgesetzt und versucht, ihre Schwester von weiteren Zankereien mit ihrem Schwiegervater abzuhalten.

Die Damenrunde geht zu Eierlikör über, die Musik wird zunehmend flotter, das Gekicher lauter und an Abendessen denkt vorerst niemand.

Fredi und ich spielen mit meinen Kasperlepuppen, die ich sehr mag, ihn aber nicht, weil er sich meistens so doof anstellt. Kasperletheater und malen sind nicht sein Ding, ein- und verkaufen im Kaufmannsladen kann er nicht, Ballspielen in der Wohnung dürfen wir nicht – der ist ein Reinfall, mit dem kann ich nichts anfangen! Zum Glück pennt der irgendwann auf dem Sofa ein und lässt sich auch nicht durch die nun immer lauter werdenden Stimmen stören.

Mama macht mir eine super leckere Klappstulle und das Größte ist für mich, wenn ich diese Leberwurst-Klappstulle mit ins Bett nehmen kann und nach dem Aufessen und mit viel Vorfreude auf weitere Adventssonntage und die Feiertage selig einschlafe.