Stellen Sie sich mal vor….

Für meine Eltern – Helene und Karl – war ich ihre erste gemeinsame Anschaffung. Das beteuerten sie immer wieder und dabei schauten sie sich wie verliebte Teenager tief in die Augen. Wir lebten in einer sehr geräumigen Altbauwohnung, anfangs zusammen mit Oma und Opa, vielen alten Möbeln, einer riesig großen Küche und einem mächtigen, uralten Ausziehtisch aus massivem Holz. An den passten locker zwanzig Stühle und das war auch notwendig. Bei uns zuhause steppte nämlich immer der Bär und ganz besonders an Feiertagen, wenn die Mischpoke in Rudeln zu Besuch kam.

Zu Weihnachten und an anderen Feiertagen war besonders viel los und die Sippschaft meiner Mutter war gefühlt noch viel umfangreicher als ohnehin schon. Da waren ihre Eltern, ihre Geschwister mit Ehepartnern und jede Menge Gören, manchmal sogar noch irgendwelche Onkel und Tanten. Jedenfalls kam beim Zählen aller Häupter ganz schön was zusammen und nahm Zeit in Anspruch!

Mein Vater hingegen hatte nur noch seinen alten Herrn, nämlich Opa Franz, so dass sich das Familiäre – zumindest an der Personenzahl gemessen – in Grenzen hielt. Lediglich eine Kusine namens Elli aus Neustrelitz existierte noch und die stattete uns manchmal gemeinsam mit einem gewissen Herrn Ackermann einen Besuch ab.

Opa Franz war viele Jahre verwitwet, selbstständiger Handwerksmeister, der Frauenwelt sehr zugetan, ein Gentleman von Kopf bis Fuß und wenn er seine Werkstatt verließ gerne mal im feinen Zwirn, nicht immer mit Zylinder, aber niemals ohne Hut.

Opa Franz brachte mir den Umgang mit Geld bei und sorgte dafür, dass ich schon in frühen Jahren meinen Kaufmannsladen auf Echt-Geld umstellte. Wem das nicht gefiel, mit dem spielte ich nicht. Falls ein vertrauenswürdiges Familienmitglied mal knapp bei Kasse war, stand ich allemal zu einem saftigen Zinssatz als vorübergehender Kreditgeber (Kredithaie kannte man damals noch nicht!) zur Verfügung.

Opa Ferdinand – hoch in den Achtzigern – freute sich immer über Besuch. Sein Bruder Richard liebte Kartenspielen, Korn und Bier und da Opa Ferdinand das ebenfalls mochte, war der jüngere Bruder oft bei uns anzutreffen, denn die Straßenbahn machte das ratzfatz möglich.

Tante Gertrud, sehr apart, attraktiv, irgendwie alterslos, hübsches Gesicht, umspielt von dunklen Locken, war immer modisch-elegant gekleidet. Nach ihr schauten sich die Männer um. Sie war mit einem Pelzhändler liiert – erzählte man – dann Chefin eines eigenen Pralinen- und Schokoladenfachgeschäftes und später verheiratet mit einem Piloten, der bei einem Einsatz sein Leben verlor. Von der Witwenrente konnte sie bestens leben, was sie allerdings genau tat, war ihr Geheimnis.

Gitta war ihre leibliche Tochter und ihr Vater blieb unbekannt. Es wurde allerdings jede Menge hinter vorgehaltener Hand darüber spekuliert und angeblich war er irgendwo in Norddeutschland verheiratet und Vater von mehreren Kindern.

Kusine Gitta verbrachte ihre Kindheit und Jugend größtenteils bei Oma und Opa und nach deren Tod bei meinen Eltern, also bei Lena und Karl. Ihre eigene Mutter Gertrud lebte viel lieber ihr eigenes Leben und kindgerechte Zuverlässigkeit waren bei ihr nicht garantiert und auch nicht vorgesehen.

Somit war Gitta eigentlich meine große Schwester, obwohl ich doch zu den Einzelkindern zählte.

Gitta durfte ganz viele Dinge, die ich nicht durfte. Sie klaute mir den Puffreis aus den Kaufmannsladen-Päckchen, spielte mit meinen Spielsachen und wenn sie was kaputt machte, heulte ich und sie bekam nur einen sanften Rüffel.

Nach der Volksschule begann Gitta eine Lehre beim Metzger im Kiez, verliebte sich bald darauf in Uwe und zwei Wochen nach ihrem zwanzigsten Geburtstag waren sie bereits zu dritt.

Bruno, der älteste Bruder meiner Mutter, verließ seine Ehefrau Gerda nach weit über dreißig Jahren Ehe wegen einer anderen Frau. Er, der einst so schmucke und stattliche Kerl mit einem ansehnlichen Gardemaß, war in die Jahre gekommen. Seine neue Flamme war Hildegard, kam aus Sachsen, war jünger als seine Tochter, die er mit Gerda hatte. Hilde, die Wilde aus Sachsen mit der sehr ansehnlichen Rubensfigur, war weder helle noch groß, dafür aber quietschfidel und puppenlustig. Sie schenkte Bruno einen Sohnemann namens Fred, der sein ganzer Stolz war.

Fred war blond, niedlich als Kind, äußerst schmuck als junger Mann und optisch das totale Ebenbild seines Vaters Bruno und auch ihm flogen die Frauenherzen nur so zu. Alle mochten Fredi, irgendwie war er der Liebling aller Familienmitglieder – im Gegensatz zu seiner quirligen Mutter Hilde mit dem sächsischen Zungenschlag. Meine Begeisterung für ihn hielt sich in Grenzen – ich fand ihn eher ziemlich doof!

Oma Else war meine über alles geliebte Nenn-Oma. Eigentlich war sie die Zugehfrau meiner Eltern, die im gleichen Haus wohnte, meinen alten Opa Ferdinand und mich versorgte, wenn meine Eltern ihrer Arbeit nachgingen.

Oma Else war resolut, hatte einen Ehemann namens Otto und zwei sehr unterschiedliche Jungs. Gerhard absolvierte ordnungsgemäß die Schule und erlernte ein ehrenwertes Handwerk. Dieter besuchte die Schule nur sehr sporadisch, wurde ein polizeibekannter Rüpel, hatte mindestens sieben Kindern und ständig war ihm das Jugendamt auf den Fersen wegen der nicht bezahlten Alimente. Ansonsten war er höflich, hilfsbereit, beim Angeln sehr erfolgreich und sah im Gegensatz zu seinem Bruder sensationell gut aus, so dass die Mädels niemals einen Bogen um ihn machten.

Selbstverständlich hatten meine Eltern auch Freunde, die teils paarweise, teils solo ihre Aufwartung machten und manch einer aus der Nachbarschaft war auch gerne zu Gast bei uns.

Helga und Paul waren unsere Nachbarn. Die hatten keinen Fernseher, dafür einen großen Balkon, ein Goggomobil in hellblau und zwei Töchter. Die eine blond, hübsch und ziemlich faul – die andere mit Brille, sehr ehrgeizig und mit Haaren in Straßenköter blond. Gabi war die mit Brille und später mit Abi, Christine die Blondgelockte ohne Schulabschluss, aber Mutter mit siebzehn.

Eine Freundin und Arbeitskollegin meiner Mutter war Tante Dickchen. Sie lebte seit ihrer Jugend alleine, war immer Fräulein und dieser Status hat sich bis zum Sterbebett niemals verändert. Eigentlich hieß sie Hedwig. Da sie aber schon immer viel mehr als pummelig war, nannte sie aber niemals jemand so – Dickchen passte zu ihr viel besser. Sie war Telefonfräulein bei Siemens und lebte mit ihrem Dackel Hermann sehr bescheiden in einer Einzimmerwohnung. Aus sehr gutem Hause war sie, Vater Professor, Mutter Lehrerin, zwei studierte Brüder, sie aber nur ein gewichtiges Fräulein, die etliche Sprachen fließend sprach und alle auch grammatikalisch aus dem Effeff beherrschte.

Tante Dickchen übte mit mir die Feinheiten der deutschen Sprache, erklärte mir, wann der Genitiv dran war, was der Plural ist, zeigte mir das richtige Punkt- und Komma-Setzen und brachte mir vieles bei, was Herr Duden herausgefunden und aufgeschrieben hatte.

Hund Hermann liebte Wiener Würstchen über alles, schlafen und faulenzen, kurze Spaziergänge und sein Frauchen, und genau in dieser Reihenfolge. Er war stark übergewichtig, fies und hinterlistig, total verwöhnt, eigenwillig ohne Ende und verfressen bis zum Geht-nicht-mehr und Weltmeister im Pupsen.

Papas Freunde, Willi Kunze, Karl Meier und Fritz Sonntag waren tolle Kerle, die sowohl feste arbeiten als auch Feste feiern konnten, was das Kleeblatt auch des Öfteren machte. Allerdings hatten die Drei bei der Auswahl ihrer Ehefrau nicht so ein glückliches Händchen. Von knickerig bis geizig, tierlieb und kinderfeindlich bis hin zu total hässlich war ziemlich alles dabei, was niemand wirklich brauchte. Zum Glück blieben diese Damen fast allen Geselligkeiten fern.