Die Sache mit dem Baum

Bereits früher war die ach so besinnliche Weihnachtszeit nicht nur besinnlich, harmonisch, anheimelnd und total romantisch. Die Vorfreude aufs Fest war nicht immer ungetrübt und manchmal wollte sie sich absolut nicht einstellen.

Wenn beispielsweise der dritte Advent näher rückte, wussten wir nur zu genau, wo Bartel den Most holte. Verständlicher ausgedrückt: Wie der Weihnachtsbaum vom Wald in unsere vier Wände kam.

Am Montag nach dem zweiten Advent beim Abendessen räusperte sich Opa Ferdinand hörbar, guckte meinen Vater an und sprach: „Karl, es geht auf Weihnachten zu und wir müssen in den Wald einen Baum schlagen! Wir sollten es rechtzeitig machen, die Zeit wird knapp. Am besten machen wir es morgen, da habe ich Zeit“, sagte der Achtzigjährige, schmierte sich seine dritte Schmalzstulle, die er wie die anderen zwei zuvor mit Käse belegte. Beide einigten sich auf den kommenden Sonntag, um mit der Axt in den Wald zu gehen, denn Papa Karl war schließlich kein Rentner und Urlaub hatte er auch nicht.

Opa Ferdinand war bis zu seiner Pensionierung Förster. Er kannte im Wald jeden Strauch und Baum. Viele hatte er selbst gepflanzt, gehätschelt, sich um sie gesorgt, an ihnen erfreut und ganze Generationen hat er vorm Abholzen während des Krieges bewahrt.

Am Sonntag stand Opa morgens um sechs Uhr gestiefelt und gespornt, ausgerüstet mit Axt, Säge und anderem Zeug in der Diele und wartete auf Karl, der allerdings noch schlief, denn es war – wie üblich um diese Jahreszeit – noch stockdunkel. Opa rumorte am einzigen arbeitsfreien Tag der Woche laut und unaufhaltsam solange herum, bis die gesamte Familie hellwach erst im Bett und dann in Nachthemd und Puschen auf dem Flur stand. Noch vor acht Uhr machten sich die zwei Männer auf den Weg in den Wald und Mama und ich krabbelten nochmals ins Bett.

Auch am dritten Advent schneite es nicht nur draußen, sondern uns auch wieder Besuch ins Haus. Diesmal kam Mamas Bruder Richard mit seiner Frau Martha und drei ihrer total verfressenen Kinder. Zuhause bei denen gab es keine Süßigkeiten. Die waren zufrieden, wenn sie überhaupt alle hungrigen Mäuler stopfen kamen. Also schlugen sie bei unseren Keksen, Lebkuchen, Bratäpfeln mit Nüssen und Rosinen zu und fraßen alles auf, was in meinem Kaufmannsladen einigermaßen verdaulich war.

Ihr grenzenloser Appetit wurde jäh durch kräftiges Poltern unterbrochen, als Papa Karl und Opa Ferdinand aus dem Wald zurückkamen.

Im Schlepptau hatten sie einen riesigen Tannenbaum, den sie über den Flur ins Wohnzimmer zerrten, um ihn auf den Balkon zu stellen. Allerdings stand dem grünen Waldbewohner so ziemlich alles im Weg: Teppich, Stühle, Tisch – alles wurde rasch beiseitegeschoben, die Stehlampe schwankte bedenklich, die bereits weihnachtliche Bodenvase kippte, Wasser ergoss sich über den Fußboden – das Chaos war fast perfekt!

Mitten hinein platzte Tante Dickchen mit Hermann. Die Wohnungstür stand noch offen, die Klingel hätte eh niemand gehört! Hermann sprintete lauthals kläffend ins Wohnzimmer, sah zu seiner Freude den Baum und pinkelte ihn mit einem kräftigen Strahl an. Sein Frauchen rief aufgebracht „Hermann, was tust du denn da?“ aber das störte Hermann nicht. Er verkroch sich im Baum, scharrte wie doof auf dem Fußboden herum und Tante Dickchen ahnte, dass er nun auch noch sein großes Geschäft verrichten wollte. Mein Vater zerrte Hermann aus dem Baum, jagte ihn auf den Balkon und sperrte die Tür erstmal wieder zu.

Inzwischen holte meine Mutter Eimer und Wischlappen, drückte beides ihrer Freundin Dickchen in die Hand, die auch unmittelbar mit dem Beseitigen der Pfütze begann. Hermann bellte draußen die halbe Nachbarschaft zusammen und ihm war auch offensichtlich die Lust aufs Häufchen machen vergangen.

Nachdem sich die Situation wieder etwas beruhigt hatte, durfte Hermann wieder ins Zimmer, der Baum nach draußen und drinnen wurde Ordnung gemacht.

Opa Ferdinand hatte sich auch mittlerweile der Stiefel und all der Klamotten entledigt, die er im Wald anhatte und kam nun zum Kaffeetrinken ins Wohnzimmer. „Bisschen ungemütlich hier! Warum hast du den Kaffeetisch noch nicht gedeckt und wo sind die Kekse?“ fragte er seine Tochter Lena, die noch voll mit dem Aufräumen und Zurechtrücken der Möbel beschäftigt war. Danach begrüßte er seinen Sohn Richard, seine Schwiegertochter und die gefräßigen Enkel, zündete sich eine Zigarre an und schlug vor, eine Runde Skat zu kloppen.