In der Nacht vor dem Heiligen Abend da liegen die Kinder im Traum – sie träumen von schönen Sachen und von dem Weihnachtsbaum!

Andere Kinder vielleicht – ich nicht!

Das hat bei mir niemals geklappt und hatte keineswegs damit zu tun, dass ich zu neugierig oder gar zu aufgeregt auf Weihnachten wartete und deswegen nicht schlafen konnte. Mein Kinderzimmer lag nämlich genau neben der guten Stube. So nannte man das Zimmer, das nur an Feiertagen und zu besonderen Anlässen genutzt wurde. Die Wohnung meiner Eltern hatte ein solches Zimmer. Weihnachten traf auf beides zu. Weihnachten war Feiertag und besonderer Anlass.

So eine Räumlichkeit musste natürlich auch hergerichtet werden und das ging natürlich nur am späten Abend, sozusagen nach Feierabend, wenn Opa Ferdinand und ich bereits in der Kiste schlummerten und nicht dazwischenfunken konnten.

Dann wurde gewerkelt, gehämmert, gebaut und rumort und alles an Ort und Stelle gerückt und es wurde der Gabentisch aufgebaut, mit Papier geraschelt und geknistert. Der Esstisch wurde auf Vordermann gebracht, festlich gedeckt und die gestärkt und gebügelten weißen Tischdecken aufgelegt, ebenso Geschirr, Gläser und Bestecke poliert und auf Hochglanz gebracht. Die Kerzenständer von alten Stearinresten befreit und mit neuen Motard-Haushaltskerzen bestückt.

Ebenso sicher wie das Erscheinen des Weihnachtsmannes inklusive Christkind mit Schlitten und Rentier am Weihnachtsabend, war der Zoff zwischen meinen Eltern. Immer wenn’s dem Weihnachtsbaum an die Nadeln ging, lagen die Zwei sich auch in den Haaren.

Papa Karl schnitzte den Baumstamm passgenau für den Baumständer zurecht, zwängte ihn dann in die Halterung und stellte ihn an die dafür vorgesehene Stelle, nämlich vorne rechts in die Ecke am Fenster. Da befanden sich auch die stabilen Haken in der Wand, wo der alljährliche Weihnachtsbaum gegen Schwankungen und Kippeleien aller Art umwerfsicher befestigt wurde. An diesen Wandhalterungen hätten auch mehrere Elefanten gleichzeitig Klimmzüge machen können – wie Felsen in der Brandung waren die angebracht.

Mama Lena hätte es aber mal ausgesprochen gerne gesehen, den Tannenbaum an einer anderen Stelle im Festzimmer zu platzieren.

Geht aber nicht, sagte Karl und seine Stimme duldete keinen Widerspruch!

Lena ließ nicht locker: Da drüben würde er doch viel schöner aussehen, schlug sie – wie jedes Jahr – vor.

Da ist die Balkontür, die geht dann nicht mehr auf, konterte Karl. Und nun komm mir bloß nicht wieder mit der Ecke am Kachelofen! Das ist es viel zu warm für den Baum und wie schnell kann mal ein Funke aus der offenen Ofenklappe rausfliegen und ratzfatz brennt er lichterloh!

Dafür stellst du doch ohnehin eine ganze Batterie mit gefüllten Wassereimern neben die Tanne, schimpfte Lena empört und uneinsichtig.

Und im Übrigen, bemerkte Karl, hier vorne sind die stabilen Halterungen – aus, Ende, basta! Jetzt hol endlich die Spitze aus dem Karton!

In welchem Karton ist die denn drin, fragte Lena ziemlich angepiekt und bockig.

So ging das noch eine ganze Weile weiter und dabei konnte ich natürlich nicht schlafen! Schon gar nicht, als die beiden sich wegen der Schmückerei grundlegend nicht einigen konnten. Kugeln, Strohsterne, gebastelte Tüten-Sterne, welche Farben, ob mit oder ohne Nüsse, Tannenzapfen und vor allem wieviel Lametta!

Irgendwann hat der Sandmann dann nochmal eine Schippe nachgelegt und ich bin doch eingeschlafen.

Wenn ich morgens beim Frühstück nach dem Grund der lärmreichen Betriebsamkeit des nachts fragte, zuckte Mama Lena nur mit den Achseln und verwies auf das Christkind und seine Helfer.

Jedes Jahr war es eine riesengroße Überraschung für mich, wie denn der Weihnachtsbaum und das gesamte Zimmer wohl aussehen würde. Vorheriges Schmumeln – nicht mal durchs Schlüsselloch – war leider nicht möglich, denn die Tür wurde bereits Tage vor den ersten hörbaren nächtlichen Aktivitäten meiner Eltern abgeschlossen, das Schlüsselloch von innen verklebt und der Schlüssel war – zumindest für mich – wie vom Erdboden verschwunden.

16.12.2018