„Ein Leben ohne Möpse ist möglich, aber sinnlos!“ (Loriot)

In Millionen deutschen Haushalten sind Würstchen und Kartoffelsalat nach dem Kirchgang und der Bescherung das Nonplusultra. Warum das so ist? Macht angeblich weniger Arbeit, kann man vorbereiten und außerdem ist es Kult! Genauso verhielt es sich bei uns zuhause am Weihnachts-Heiligabend.

Mama Lena fragte vorab die üblich Verdächtigen, die immer am Heiligabend ihre Füße unter unseren großen Tisch stellten, was sie essen möchten. Die Befragten tätschelten meiner Mama die Schulter und antworteten jovial: „Ach Lena, wir wollen dir doch nicht unnötig viel Arbeit machen! Mach einfach Kartoffelsalat und Würstchen, da stehst du nicht tagelang in der Küche und das geht echt schnell! Du weißt doch, wir sind nicht anspruchsvoll – aber denk bitte dran, dass ich keine Mayonnaise vertrage!“ Na und so hatte jeder irgendwas, was ihm den sonst so gesegneten Appetit angeblich vermiesen könnte.

Tante Dickchen war die Einzige, die auf Extrawürste keinen Wert legte, die futterte einfach alles und Dackel Hermann war’s schnuppe, Hauptsache Würstchen!

Für Mama Lena und Oma Else war es eine Herausforderung, denn viele Gäste hatten viele Geschmäcker! Im Klartext hieß das, etliche Kartoffelsalatvariationen herstellen und einfach nur Wiener Würstchen für alle im Topf warmmachen, war ebenfalls keine Lösung.

Beim Fleischer unseres Vertrauens hatte Oma Else bereits lange vorm Fest Würstchen in diversen Ausführungen und Geschmacksrichtungen bestellt, die nur noch rechtzeitig abgeholt werden mussten.

Rechtzeitig wurde auch geschnippelt, was das Zeug hält. Zwiebeln, Gurken, Äpfel, gekochte Eier, Speck, Kräuter, Fleischwurst und anderes Zeug. Natürlich mussten auch jede Menge Kartoffeln gekocht, gepellt, scheibchenweise vorbereitet, Marinaden zusammengerührt, vorher probiert, verbessert und für delikat befunden werden.

Bevor die Salat-Produktion begann, wurde die Gästeliste auf Geschmacksvorlieben überprüft. Die beiden Opas standen an erster Stelle und jeder hatte seine ganz eigene Vorstellung vom Kartoffelsalat. Der eine mochte die westpreußische Art mit Gurkenwasser, saurer Sahne, und kleinen Heringsstückchen. Der andere bevorzugte ihn so, wie er jenseits von Oder und Neiße auf den Tisch kam und Tante Hilde schwor auf die sächsische Art mit Fleischsalat und Apfelstücken und alles schön schlotzig.

Die restlichen Mitesser kamen allesamt aus Berlin, hatten aber ganz eigene Vorstellungen vom richtigen Kartoffelsalat am Weihnachtsabend. Daher wurden diverse Berliner Varianten vorbereitet, z. B. mit Speck und Zwiebeln in kalt und in lauwarm und mit Gewürzgurken, einer mit Mayonnaise und gekochten Eiern, ein nächster mit gekörnter Brühe, Kräutern und angedünsteten Zwiebeln und noch einer mit Essig, Öl, Senf und sauren Gurken.

Eigentlich wollten alle Würstchen, aber Ausnahmen bestätigen nun mal die Regel. Mamas Bruder Bruno hätte lieber ein Stückchen Schweinebraten oder eine Scheibe Kassler zwischen die Zähne. Würstchen waren nämlich seine täglichen Begleiter, denn seine attraktive Hilde sah zwar super aus, aber konnte absolut nicht kochen, Hilde bevorzugte Buletten mit Mostrich und Tante Trude mochte von allem etwas.

Der Esstisch am Heiligabend bog sich vor der Reichhaltigkeit aller Speisen, für jeden war was dabei. Als Mamas Schwester Trude aber dann beiläufig feststellte, dass Nudelsalat auch nicht schlecht gewesen wäre, bewegte sie sich auf ziemlich dünnem Eis!