Eine schöne Bescherung!

Die Glocke des Christkindes war verstummt, der Weihnachtsmann verschwunden, die Salatschüsseln ziemlich leer und die Würstchen aufgefuttert. Lediglich einige Buletten und Bratenscheiben waren noch übrig und die kamen in die Speisekammer.

Dann durften wir endlich Geschenke auspacken und Hermann, der doofe Dackel von Tante Dickchen, an seine Wurststücke, die in der untersten Reihe an Tannenzweige geknüpft waren. Bislang saß Hermann – gezwungenermaßen angebunden – unterm Tisch, doch nun konnte er ran an Baum und Leckerlis. Vor Freude pinkelte und bellte er mit sich überschlagender Stimme zugleich und verschlang dabei das erste Würstchen. Dann war der übergewichtige Multi-Tasking-Köter total außer Puste und lag platt und schnarchend unterm Tannenbaum.

Alle Anwesenden hatten Spaß beim Öffnen ihrer Päckchen und an ihren Geschenken, die Stimmung stieg zusehends und erneut klingelte es. Wer mag das wohl sein, fragte Opa Franz laut in die Runde. Mein Vater ging zur Tür und kam mit Tante Trude und Cousine Gitta zurück ins Wohnzimmer. Mama sah auf die Uhr und fragte „Wo bleibt ihr denn solange? Wir warten seit Stunden auf Euch!“ Gitta fing an zu heulen und Trude bemerkte lakonisch: „Nun sind wir ja da!“ und begrüßte alle Anwesenden überaus herzlich. „Tante Lena, ich habe großen Hunger“, jammerte Gitta und Tante Trude schloss sich dem Wunsch ihrer Tochter an. Es dauerte nicht lange und die Reste in der Speisekammer waren Geschichte.

Opa Franz nörgelte unaufhörlich an Tante Trude herum. Kannst du nicht mal an Weihnachten pünktlich sein? Immer müssen alle auf dich warten? Wo warst du denn überhaupt? Eigentlich war’s wie immer, wenn die Familie aufeinandertraf: Erst Freude, Friede, Eierkuchen beim Essen, dann aber die weit ausbaufähige schlechte-Stimmung-verbreiten-Skala und die war nach oben immer offen.

Allerdings habe ich davon nur selten was mitbekommen, denn erst fielen meine Augen zu und dann fiel ich hundemüde in mein Bett, allerdings nicht ohne mein neues Steiff-Tier – einem Fox-Terrier, den ich vorhin auf den Namen Foxi taufte.

Am Weihnachtsmorgen wurde ich durch lautes Stimmengewirr geweckt. Was will die denn hier? fragte Opa Ferdinand. Nun komm doch erstmal rein, sagte mein Papa und Mama fragte, ob sie einen Kaffee holen soll. Cousine Gitta maulte mit stinkiger Stimme: Wann frühstücken wir denn nun endlich? Und Oma Else suchte ihren Ehemann Otto vergebens bei uns.

Die Neugier zwang mich erst in die Puschen und dann auf den Flur. Tante Elli war da. Papas Cousine aus Neustrelitz. Die roch immer so komisch, war merkwürdig gekleidet und das lag nicht nur an ihrem Federhütchen auf dem viel zu kleinen Kopf. Dass sie an Weihnachten zu Besuch kommt, ist verständlich, aber schon morgens zum Frühstück? Verabredet war das wohl nicht. Trotzdem, Mama holte noch ein Gedeck aus dem Schrank und Tante Elli pflanzte sich auf meinen Platz an den Frühstückstisch. Unmittelbar langte sie kräftig zu und ich war trotzdem sowas von zufrieden, dass sie nicht diejenige war, die uns die Bratenscheiben und Buletten wegfutterte. Das hatten ja Gitta und Tante Trude gestern Abend bereits erledigt!

Niemals durfte ich mit vollem Mund reden! Tante Elli tat es ohne Unterlass und keiner mahnte sie, erst mal runter zu schlucken, bevor sie endlos weiter sabbelte!

Jedenfalls blieb Tante Elli. Das konnte man an ihrem häßlichen mitgebrachten Köfferchen erkennen. Schlafen wollte sie bei Opa Franz – war schließlich ihr Onkel – und meinen Eltern wollte sie nicht zur Last fallen, sagte sie jedenfalls – vermutlich nur anstandshalber. Ein Glück aber auch, dann musste ich wenigstens nicht mein Zimmer räumen!

Jedes Mal warf sich uns die Frage auf, warum Elli immer so Knall auf Fall zu Feiertagen und Familienfesten erschien. Eine Antwort darauf erhielten wir nie – selbst nicht mit vollem Mund während der gemeinsamen Mahlzeiten.