Friedhof, Kirche, Fellversaufen

Den Friedhof kannte ich bestens, die kleine Kapelle von innen noch nicht. Doch heute war’s soweit, Opa Ferdinands Beerdigung stand im Mittelpunkt. Niemals zuvor war ich bei einer Trauerfeier und nun war ich gespannt wie ein Fiedelbogen.

Oma Else hat mir das wichtigste vorher erklärt: Erst Kirche, dann zum Grab gehen mit Opa im Sarg, hinterher Totenschmaus im Restaurant ohne Opa natürlich, aber mit Familie, Freunden, Bekannten, Nachbarn und ganz zum Schluss Fellversaufen mit der Familie zuhause. Wird ein langer Tag, hat sie prophezeit und sie sollte recht behalten.

Die meisten um mich herum machten traurige Gesichter, einige taxierten die Trauergäste von oben bis unten. Die Männer hatten geputzte Schuhe an den Füßen, schwarze Anzüge an, weiße Hemden drunter und dunkle Krawatten drüber und obenrum war der eine oder andere mit Hut oder sogar Zylinder bekleidet. Frauen trugen Kostüme oder ähnliches, einige Damen sogar Handschuhe an den Händen und Hüte auf dem Kopf mit Schleiern vorm Gesicht. Die Noppen auf den Schleiern sahen echt lustig aus, als hätten es sich Fliegen drauf gemütlich gemacht.

Als die Glocken feierlich läuteten, betraten alle gemächlichen Schrittes die Kapelle. Im Nu waren alle Bänke besetzt, die zusätzlich aufgestellten Stühle auch und trotzdem standen noch viele, die der Trauerfeier beiwohnen wollten. Die kleine Kapelle war gerammelt voll.

Der Herr Pastor auch. Der stolperte über so ziemlich alles – ähnlich wie Freddie Frinton über den Bärenkopf in Dinner for one am Silvesterabend im Fernsehen. Oma Else flüsterte meinem Papa zu, dass es bereits die dritte Trauerfeier heute für den frommen Mann sei und er bereits zweimal beim Fellversaufen dabei war. Muss man bei dem Wetter und in seinem Alter auch erst mal verkraften, fügte sie noch hinzu.

Auf dem Sarg und um ihn herum lagen etliche Kränze mit großen weißen Schleifen, auf denen in schwarzer oder goldener Schrift alles Mögliche geschrieben stand. Ruhe in Frieden, ein letzter Gruß und unvergessen waren die häufigsten Formulierungen und danach kamen immer Vornamen, Familien- oder Vereinsnamen oder nicht zu Entzifferndes.

Die Orgel hörte abrupt auf zu spielen und der Pastor nahm die Bibel vom Altar, ging zum Pult und zuerst fiel ihm sein Manuskript aus der Hand dann er selbst zwischen die Blumenkränze. Mühsam hob er das Runtergefallene auf, räusperte sich ein paarmal, um dann mit der Predigt zu beginnen: „Liebe Ehefrau des Verstorbenen, liebe Geschwister und Angehörige, liebe Freunde…“ ein lautes Raunen ging durch die Reihen.

Mama guckte Papa an, Papa Oma Else – jeder guckte irgendwen an und alle, die mit den Familienverhältnissen von Opa Ferdinand vertraut waren, legten die Stirn in Falten. Ich auch, denn meine Oma ist doch schon fast so lange tot, wie ich auf der Welt bin, so zumindest haben es mir immer alle erzählt. Und nun spricht der da vorne mit dem schwarzen Umhang meine Oma persönlich an! Was ist denn mit dem los? Oder hat man mich jahrelang angeschwindelt und ich habe doch eine Oma?

Nach Meinung des Pastors war Opa aus Schlesien, obwohl Elbing in West-Preußen seine Heimat war und Opa war kein Fleischer, sondern Förster. Das ging endlos und fehlerhaft weiter und das Grummeln und Murmeln der Trauergäste wurde immer lauter, bis Papa Karl dem ein Ende setzte.

Er stürmte die Kanzel, nahm den erschrocken blickenden Pastor beiseite und rasch stellte Papa fest, dass der Fehler ein falsches Manuskript war. Der angetüterte Pastor hatte das eines anderen Verblichenen vor der Nase. Der war fünfundzwanzig Jahre jünger als unser Opa, noch verheiratet, kinderlos und ihn raffte der Alkohol dahin und dessen „Abschiedsfeier“ fand vor Opa Ferdinands in dieser Kapelle statt.

Übrigens trafen wir diese Gesellschaft später in dem Restaurant an, in dem unsere Trauergemeinschaft zu Kaffee und Kuchen geladen war. Die anderen pichelten noch immer fröhlich und munter, als wir den Nachbarraum besetzten.

Nach dem Eklat in der Kapelle trabten alle gemessenen Schrittes zur letzten Ruhestätte von Opa – also alle bis auf Opa natürlich, der wurde auf einem geschmückten Wagen zum Grab kutschiert. Der Pastor wurde übrigens kurzerhand von Papa Karl nach Hause geschickt. Seine Aufgabe am offenen Grab übernahm der Küster und der tat das kurz und bündig, so dass Kaffee und Kuchen das nächste Ziel waren.

In unserer Wohnung trafen sich dann später die engsten Familienangehörigen zum Fellverteilen und –versaufen, bei Wurst- und Käsestullen, Bier, Wein und anderen alkoholischen Getränken.

Seinen letzten Willen hat Opa Ferdinand nicht schriftlich niedergelegt – warum auch, denn vererbbare Dinge gab’s nicht, denn seine monatliche Pension war so dürftig, dass die ohnehin mal gerade fürs Nötigste reichte.

Das wussten zwar meine Eltern, die anderen Erbschleicher scheinbar nicht!

Die suchten nach Geldbeträgen, nach Sparbüchern, Wertsachen jeglicher Art und wollten das untereinander aufteilen. Als sie nichts dergleichen fanden und auch keine Hinweise auf Bankkonten, Schließfächer und ähnliches fanden, wurden sie allesamt ziemlich ungehalten und der Alkohol trug seinen Teil dazu bei.

Als die Situation mehr und mehr eskalierte, denn zwischenzeitlich warf man meinen Eltern vor, Wertvolles schon auf die Seite gebracht zu haben, fand Papa Karl, dass es Zeit war, die Runde aufzulösen. Zumindest für heute und mit dem Alkoholpegel einzelner Personen.

Einige drohten mit massiven Maßnahmen, andere sahen wir über Jahre nicht wieder.

Alles in allem war es ein total aufregender Tag – zumindest für mich, denn eigentlich war alles so unglaublich unwirklich. Außerdem von ganz anderer Qualität, als sonstige Familienfeiern, die ich bislang erlebt hatte.

Vorm Einschlafen war ich fest davon überzeugt, dass Opa Ferdinand alles mitbekommen hat. Vermutlich saß er den ganzen Tag über zusammen mit seiner Ehefrau Auguste auf einer Wolke und sie amüsieren sich köstlich und kopfschüttelnd zugleich über ihre unmöglichen Kinder, die sie in die Welt gesetzt haben.