„Igitt, hier zieht’s und nasse Füße hab ich auch!“

Hören Sie mal richtig hin – es ist Ihr Euphorbia pulcherrima, der gerade mit Ihnen kommuniziert! Eigentlich ist er eine zimperliche Mimose, ein verwöhntes Sensibelchen und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er seinen Besitzer nötigt, ihn mit Samthandschuhen anzufassen.

Meiner steht auf dem Schreibtisch drüben und von hier kann ich ihn beobachten. Wenn ich hier sitze, habe ihn im Blick und bekomme natürlich mit, wenn er wieder ein Blatt einrollt und es abwirft. Geradezu hören kann ich dieses Geräusch! Aussehen tut so ein zusammengerolltes braun-oliv-rot-schwarzes Etwas von weitem wie eine auf Jungfrauen-Schenkeln gerollte Havanna. Manche wie Haschtüten.

Warum rollt mein Weihnachtsstern seine roten und grünen Blätter, frage ich mich. Ihm geht’s hier doch gut! Er steht in keiner Wasserpfütze, Zugluft stört nicht seine Vegetation, das Thermometer zeigt um 20 Grad und er hat es auch lange genug dunkel. Was will der eigentlich? Laut Pflegeanleitung von Gärtner Kalli Schippe aus dem Internet halte ich ihn absolut nach Vorschrift – also total artgerecht. Eigentlich müssten die hiesigen Verhältnisse sein Wohlgefallen fördern, das Wachstum ankurbeln und ihn gesund und pudelwohl aussehen lassen. Doch davon ist er weit entfernt!

Weihnachtssterne zählen zu den beliebtesten Zimmerpflanzen, und zwar ganzjährig und nicht nur in der Advents- und Weihnachtszeit. Im Spätherbst sind sie überall im Blumenladen, im Supermarkt und dann in den eigenen vier Wänden anzutreffen und da ist er ein richtig toller Blickfang und Farbtupfer in der dunklen Jahreszeit. Knalliges Rot und saftiges Grün sind die traditionalen Weihnachts-Farben, die keine Pflanze besser toppt als er. Drum kann er sich solche Starallüren auch leisten!

Meine Mimose im Weihnachtsstern-Outfit hat anscheinend welche, aber warum nur? Dem geht’s hier bestens! Oder passt etwa seine Chemie nicht zu meiner? Keine Ahnung, was ihn bewegt, sich so nach und nach nackig zu machen. Vielleicht ist er von Hause aus suizidgefährdet und steuert deshalb schnurstracks und intensiv auf die Mülltonne zu. Ja würde er im Freien bei Wind und Wetter, Regen und wechselnden Temperaturen sein Dasein fristen, könnte ich sein Verhalten verstehen. Aber hier drinnen zu besten Bedingungen – nee, das kann ich nicht nachvollziehen.

Jedenfalls empfinde ich sein Verhalten als persönliche Beleidigung, zumal ich nachweislich einen grünen Daumen habe. Auf nachweislich lege ich übrigens großen Wert. Jede Menge Zimmerlinden fühlen sich hier sauwohl, und zwar über Jahre – ich betone nochmals: ÜBER JAHRE – sowohl innerhalb dieser vier Wände als auch draußen auf der Terrasse!

Nur mit diesen zickigen rotgrünen Alle-Jahre-wieder-Halleluja-Palmen klappt’s nicht! Denn das passierte mir mit seinen vorangegangenen Artgenossen schon mehrfach. Was heißt mehrfach – regelmäßig zur Jahresfrist! Immer wieder kaufe ich den ersten der Saison ungefähr Ende Oktober und kurz vor Heiligabend – meist vorm Abholen der Weihnachtsgans – noch rasch einen neuen, der dann am Drei-Königs-Tag seine besten Tage auch hinter sich hat. Ob ich wohl ein Weihnachtssternmörder bin, oder ob sich mir immer die aufdrängen, die ohnehin ihrem Leben ein Ende setzen wollen?

Vielleicht sollte ich es zum nächsten Christfest mal mit einer Amaryllis versuchen…….

09.01.2019