Onkel Fritz aus Neu…. nee, nicht aus Neuruppin, sondern aus Neumünster!

In Neumünster lebte Familie Fritz Möhrke in einem ziemlich kleinstädtischen Haus am Rande der Stadt gemeinsam mit Hund Willi, Katze Minka, Wellensittich Hotti und drei Kindern. Diese Familie war um hundert Ecken irgendwie mit Papa Karl und Opa Franz verwandt, verschwägert oder auch nur befreundet. Sie kannten sich von früher und nach dem Krieg hat es eben die einen nach Berlin und den anderen eben nach Neumünster verschlagen.

Onkel Fritz, so hieß der Senior, war pensionierter Gymnasialdirektor und aktiver Korinthenkacker hoch drei. Er hatte im Gegensatz zu anderen Menschen sehr viel Langeweile und noch mehr Zeit, die seine Familie nicht unbedingt mit ihm verbringen wollte. Drum besuchte er uns auch in Berlin des Öfteren. Wenn wir Glück hatten, kündigte er sich vorher an. Meist stand er allerdings an der Haustür, klingelte Sturm und am nächsten Tag brachte der Postbote dann auch den Ankündigungsbrief.

1963 war’s dann wieder mal soweit. Sein grauer Buckel-Taunus parkte auf der Straße, er stand vor der Wohnungstür und die Berliner Mauer umzingelte die Stadt. Die wollte er sich mal „aus der Nähe ansehen“ sagte er und das tat er dann auch ausgiebig über eine Woche lang. Allerdings brach er zu seiner täglichen Besichtigungstour immer erst nach einem umfangreichen Frühstück inklusive ausgiebigem Studium der Tageszeitung am späten Vormittag auf. Nachmittags war er pünktlich zum Kaffeetrinken wieder zurück und das Abendessen versäumte er niemals.

Nach etwa zehn Tagen fragte Papa Karl ihn, ob mit seinem Taunus irgendwas nicht in Ordnung sein. Dieser Wink mit dem Zaunpfahl kam bei Onkel Fritz nicht an und er blieb weiterhin unser Gast. Opa Franz hatte mittlerweile auch die Nase voll vom Besuch aus Schleswig-Holstein und als er ihn fragte, ob er nicht Sehnsucht nach Haus und Familie hat, stöhnte der Pensionär nur laut und vernehmlich und dachte noch immer nicht an Heimfahrt.

Am liebsten wäre es ihm, wenn Anni hier sein könnte, sagte er dann. Aber Anni will nicht durch die sowjetisch besetzte Zone fahren – weder mit dem Zug und mit dem Buckel-Taunus schon gar nicht. „Man weiß ja nie“, sagte sie wohl immer und Onkel Fritz machte ihre Stimme so gut er konnte nach.

Nach vier langen Wochen war ihm kein Mauerstein dieses widerlichen Bauwerks fremd, durch jeden Stacheldrahtzaun hatte er nach drüben gelugt und am Checkpoint Charly kannte er jeden Ami bereits mit Vornamen.

Dann endlich rief Anni an und berichtete unter Tränen, dass Willi krank sei und schließlich ist Willi doch sein Ein und Alles. Um Willi steht’s echt schlecht und es sei mit dem Schlimmsten zu rechnen, sagte sie. Wie es um ihren Fritz bestellt war, ob er noch saubere Unterhosen und Hemden hatte, interessierte sie nicht die Bohne.

Papa Karl war der Überbringer dieser Nachricht und half ihm auch unmittelbar beim Kofferpacken. Als Onkel Fritz Hals über Kopf abreiste, versprach er, recht bald wieder zu kommen. „Lass dir Zeit damit, lieber Fritz. Jetzt ist der Hund erst mal wichtig!“ sagte Papa und grinste dabei über alle vier Backen.

Seine Ankündigung blieb keine leere Phrase und beim nächsten Mal brachte er Anni mit.

Sie hatte ihren Frust hinsichtlich der Transitstrecke ihrem Fritz zuliebe überwunden und Zeit hatte sie schließlich auch. Denn der Hund befand sich ja nun im Hundehimmel, die Katze stromerte im Frühling sowieso nur draußen herum und Hotti war eines Tages so mir nichts dir nichts plötzlich und unerwartet mitten beim Singen von der Stange gefallen. Drum musste sie niemanden versorgen, füttern, verhätscheln und mit keinem Gassi gehen. Ach ja, und die Kinder waren auch gut untergebracht: der Große beim Bund, die Mittlere bei Tante Hanna und Onkel Emil in Hamburg und der Lütte auf Klassenfahrt auf einer Nordseeinsel.

Da kann man sich doch dann wohl auch mal eine kleine Auszeit in Berlin gönnen – die Unterbringung mit Vollpension war gar nicht so schlecht – hatte ihr Fritz erzählt!

Sie besuchten den Zoo, den Botanischen Garten, bummelten über den Kudamm und taten all das, was eben in Berlin so möglich war und was ihnen Spaß machte. Außer Kaffeetrinken oder Essengehen auswärts. Das taten beide am liebsten zuhause bei uns und mit uns am großen Familientisch und am wohlsten fühlten sie sich, wenn sie Opa Franz zum geselligen Beisammensein dazu holten. Dann konnten sie so toll von früher erzählen und über alte Zeiten plaudern, sich amüsieren und gemütlich ein Glas Wein nach dem anderen schlürfen.

Mama Lena und ich erledigten dann meistens den Abwasch und machten die Küche schon fürs Frühstück startklar, während Papa Karl zeitig zu Bett ging, weil er angeblich Kopfweh hatte. Bei Lichte betrachtet konnte er dann bei offenem Fenster in Ruhe Zeitung lesen und hungrige Mücken leisteten ihm dabei gerne Gesellschaft.

Na dann prost Mahlzeit!

„Ach Lena, bei euch ist es einfach toll und kochen kannst du absolut lecker! Aber nicht, dass du dir unseretwegen Umstände machst…!“

Regelmäßig tauchten die Neumünsteraner bei uns auf und jedes Mal genossen sie ihren Aufenthalt mit Vollpension im Hotel Lena und Karl ohne auch nur einen Pfennig zu zahlen. Irgendwann kam ihnen der Gedanke, mich in den Ferien mit nach Neumünster zu nehmen. Mir gefiel die Idee sehr, meine Eltern waren einverstanden und ein großzügiges Taschengeld steuerte Opa Franz bei.

Während der Fahrt über die Transitautobahn im mausgrauen Buckel-Taunus jammerte Tante Anni ununterbrochen über die deutsche Teilung, die holprigen Straßen, über die vielen Kontrollpunkte, Grenzposten und ihre Angst, das hier im „fremden Land“ was passieren könnte.

Ein kleines beschauliches Städtchen dieses Neumünster und zum Thema fröhliche und abwechslungsreiche Ferien sah ich meine Felle davonschwimmen. Dort schien der Hund begraben, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, denn Willi war immerhin schon tot! Im Wohnviertel meiner Gastgeber bewegten sich eigentlich nur die Gardinen an den Fenstern der Nachbarhäuser – man war eben neugierig. Ansonsten keine Menschenseele auf der Straße, in den Gärten, keine spielenden Kinder – nicht mal kläffende Köter waren zu hören oder zu sehen.

Dem Haus von Onkel Fritz und Tante Anni sah man von außen nicht auf Anhieb an, dass es innen ein Museum beherbergt. So viel altes Zeug, Tinnef und Klimbim hatte ich noch niemals auf einem Haufen gesehen – nicht mal beim Trödler zuhause am Brunsbütteler Damm! Hier ein Deckchen, dort ein gestickter Kissenbezug, ein abgesplitterter Bilderrahmen, wacklige Stühle, Puppen ohne Nasen, abgetretene Teppiche und Schränke, in denen vermutlich schon Generationen von Holzwürmern ihrer Aufgabe sorgfältig nachgingen.

Beim Einschlafen hörte ich es überall rascheln, knistern, knarzen und der Geruch der muffigen Bettwäsche versprach auch keine gute Nacht.

Selbstverständlich hatte Onkel Fritz bereits am kommenden Morgen ein komplettes Ferien-Programm extra für mich festgelegt und dazu gehörte natürlich Sightseeing in jeglicher Variante. Mal zu Fuß, mal mit dem Fahrrad, aber auch mit dem Buckel-Taunus zu weiter entlegenen Orten wie Rendsburg, Dänemark und ans Wasser, aber immer mit pädagogisch wertvollen Erläuterungen. Eigentlich war’s Schulunterricht im Freien unter nördlichem Sommerhimmel.

Nachmittags und abends waren wir eigentlich nie zuhause, dafür meist bei anderen Leuten zu Gast. Somit lernte ich Nachbarn, Freunde, ehemalige Arbeitskollegen und Bekannte der Familie Möhrke kennen. Denen stellte Onkel Fritz mich als armes Berliner Kind vor, das in dieser großen, geteilten Stadt eingeschlossen mit seinen Eltern lebte. Ich war ein Exot, den alle gerne mal sehen wollten und ich wurde sozusagen herumgereicht, befragt, ausgefragt, bedauert, bewundert – überall war ich die Hauptperson.

Und überall gab es Essen und Trinken, natürlich kostenlos. Natürlich auch für Onkel und Tante was ihnen besonders gefiel und ihr eigenes Budget enorm schonte. Gleichzeitig stieg ihr Ansehen in der gutbürgerlichen Gesellschaft von Neumünster um ein Vielfaches. Denn ein Berliner Ferienkind aufzunehmen, war einfach unschlagbar und damit konnte niemand in ihrem Dunstkreis aufwarten.

Nach zwei Wochen hingen mir Pflaumen-, Kirsch- und Apfelkuchen, Kakao, Obstsaft, Käse-Igel, Fischfrikadellen und Mettbrötchen dermaßen zum Hals raus, dass ich schlagartig Heimweh bekam! Kurzerhand rief ich Papa Karl an, schluchzte laut und kräftig durchs Telefon und am nächsten Tag saß ich im Zug nach Berlin. Onkel Fritz fuhr mich im Buckel-Taunus nach Hamburg, Tante Anni fand mich undankbar und ich freute mich auf die restlichen Ferientage in Berlin. Die wurden natürlich besonders toll, denn ich konnte echt viel erzählen!