Natur pur bei Rosa

Geheimnisvoll, gruselig und undurchsichtig waren Gebüsch und Bäume um das gesamte Grundstück immer – egal, ob Sommer oder Winter. Der Zaun wurde vom Gestrüpp standhaft und in Form gehalten, denn der hatte jede Menge Löcher. Hindurchkrabbeln war äußerst schwer und verletzungsintensiv. Das Grünzeug auf dem gesamten Grundstück mutierte längst zum Urwald. Das baufällige Haus, der morsche Stall und der marode Schuppen waren so gut wie nicht zu sehen.

Auf dem Gelände lebte Zicken-Rosa. Sie war irgendwas zwischen dreißig und neunzig Jahre alt, trug immer ein schmutzig-buntes Kopftuch und Anziehsachen, die vor lauter Dreck wohl kaum  wärmten. Rosa war selten zu sehen, jedoch roch man sie bereits von weitem. Wasser hatte sie zwar, es fehlte ihr lediglich an Seife. Seife kostete Geld und das hatte sie so gut wie nicht.

Sie lebte auf diesem Grundstück zusammen mit Hühnern, Enten, Gänsen, einer Kuh, mehreren Ziegen, jeder Menge unbekanntem Viehzeug und einem völlig verwilderten Hund namens Wolf und der war er auch. Ursprünglich und kein bisschen domestiziert war in dieser Wildnis einfach alles. Bei Rosa Klein war alles Natur pur!

Besuch bekam Rosa fast nie. Der Postbote blieb auf Abstand, die Nachbarn auch und dem Ableser von den Stadtwerken drückte sie einen Zettel mit den aktuellen Zählerständen für Wasser, Strom und Gas persönlich in die Hand. Kein Außenstehender wusste, was sich hinter dem Gestrüpp abspielte, wie es aussah und wie Rosa lebte.

Nur mein Opa Franz war Stammgast bei ihr. Keine Angst, diese Dame war absolut nicht Opas Kragenweite! Seine Besuche bei ihr rangierten einzig und allein unter dem Begriff Nachbarschaftshilfe und das hauptsächlich dann, wenn Rosa ihn um Hilfe bat. Dann gewährte sie ihm und seinem mobilen Werkzeugkasten Einlass und er durfte ihre ungewöhnliche Lebensweise aus der Nähe betrachten.

Alle Naselang gab’s in Rosas Reich was zu reparieren, zu erneuern, zu richten und Opa wurde in diesem Chaos zum Weltmeister im Basteln von Provisorien. Alles war alt und morsch, Neues teuer und unbezahlbar und Opa Franz hatte eine Daueraufgabe, die mit Naturalien bezahlt wurde. Mal bekam Opa eine frische Ziegenkeule, mal ein paar Pfifferlinge oder Steinpilze, die in Rosas Urwald in Massen wuchsen und um frische Milch und Käse musste er sich nicht mehr sorgen. Einig wurden sich beide immer.

Rosa Klein war eine überaus intelligente Frau, die mehrere Sprachen fließend sprach. An der Volkshochschule dozierte sie englisch und spanisch, Abiturienten der Freiherr-vom-Stein-Schule gab sie Nachhilfe in Latein und Geschichte und ein paar Privatschüler hatte sie auch noch außerhalb dieser Aktivitäten.

Wenn sie zum Geldverdienen ihren Urwald verließ, roch sie immer intensiv nach Kernseife, versteckte ihren frisch gewaschenen grau-blonden Bubikopf unter einem flotten Hütchen. Pikobello gekleidet, mit astrein sauberen Fingernägeln und barfuß in offenen Sandalen – zu jeder Jahreszeit – trabte sie raschen Schrittes davon.

Ihr Outfit entsprach dem der modischen dreißiger Jahre der feinen Berliner Damen. Dann wurde aus dem hässlichen Entlein Rosa ein ansehnlicher Schwan!

Trotzdem, ihre Herkunft kannte niemand und darüber verlor sie kein Sterbenswörtchen, selbst Opa Franz gegenüber nicht.

Das Leben von Zicken-Rosa war und blieb geheimnisvoll. Etliche Leute vollbrachten wahre Kunststücke, um durch den Zaun, übers Gebüsch in ihr Reich blicken zu können – allerdings meistens ohne Erfolg. Kinder hänselten sie, riefen mal mehr, mal weniger unfreundliche Worte in den dichten Urwald. Sie schreckten vor Hund Wolf mit den leuchtend gelben Augen zurück und fürchteten sich vor dieser Frau, die von ziemlich allen „Rosa die Hexe“ genannt wurde und all dem Geheimnisvollen, was sie umgab.

Nachbarn versuchten, sie vom Grundstück zu jagen und zeigten sie sogar bei der Polizei an. Das viele Unkraut störte, war eine Brutstätte für Ungeziefer, dann die angeblich wilden Tiere, eine Gefahr für Mensch und Haustier – immer wieder erfanden sie Neues, um Rosa loszuwerden. Nichts gelang ihnen – sie blieb wohnen, denn das Grundstück mit allem Drum und Dran gehörte nun mal ihr!

Irgendwann wurde das Spandauer Volksblatt auf Rosa Klein aufmerksam. Die recherchierten bei den Nachbarn und schrieben eine geheimnisvoll-spannende Reportage über diese eigenwillige, kluge Frau undefinierbaren Alters, ohne auch nur ein Wort mit ihr gesprochen zu haben.

Daraufhin kamen viele Menschen, um einen Blick auf das Grundstück zu werfen, auf Rosas Lebensraum und hofften insgeheim, auch einen auf sie persönlich zu erhaschen. Selbst Politiker nahmen sich ihrer an und in der Bezirksverordnetenversammlung war sie Gegenstand einer lebhaften Diskussion – so berichtete es jedenfalls die Zeitung.

Irgendwann, eine lange Zeit später, erfolgte dann etwas, womit überhaupt niemand gerechnet hatte. Die Straße, in der Rosa Klein lebte, hatte keinen Namen – lediglich eine Nummer. Plötzlich erschienen etliche Herren mit Schlips und Kragen im vornehmen Anzug und enthüllten feierlich ein neues Straßenschild. Auf dem Stand in gut lesbaren Buchstaben:  WUNDERWALDSTRASSE. 

Somit setzte man Zicken-Rosa, allen tierischen Mitbewohnern und ihrem grünen Wildwuchs bereits zu Lebzeiten ein Denkmal!

04.02.2019