Der Esel und die anderen Drei – und alles von vorgestern!

Eigentlich war es sehr unterhaltsam. Wie immer, wenn man in Bremens Norden der Vergangenheit auf den Fersen ist. Also wenn man mal dem lauscht, was so in früheren Zeiten dieses Fleckchen Erde geprägt hat, dann ist das keineswegs uninteressant, eher aufschlussreich und an der einen oder anderen Stelle entlockt es einem schon mal ein Aha-so-war –das- damals! Diesmal trug der Historiker Torsten Kropp zu diesem Aha-Erlebnis bei.

Sein Thema waren die vier märchenhaften Hauptdarsteller der Brüder Grimm, die sich vor 200 Jahren Bremen auserwählt hatten, um hier ihr Altersdomizil aufzuschlagen.

Zum Ort des Geschehens wählten die Veranstalter ein altbekanntes Café in Vegesack unter neuer Bewirtschaftung, mit neuem Namen und altem zusammengewürfeltem Mobiliar. Viele Tische, noch mehr Stühle – kein Vierbeiner gleicht dem anderen Exemplar. Hier eine Riefe in der Tischplatte, dort ein Kratzer im Lack, ein Plastikstuhl, neben einem Klavier-Hocker. Ein halbrunder, alter Drehstuhl, der früher vermutlich vorm Sekretär der feinen Madame stand. Ein schwerer Eichenstuhl neben einem Cocktailsessel aus den Fünfzigern, ein ungemütlich aussehender Klappstuhl aus einem Biergarten, der so manch einem Schauer standgehalten hat. Neben ihm ein Tante-Sophiechen-Sofa, dessen samtiger Polsterung einer Hängematte gleicht und viele andere Exemplare – ausrangierte Zeitzeugen der Vergangenheit eben. Und ringsherum einige Büffets, Schränke und Regale, die in jedem Museum ein Hingucker wären.

Es dauert nicht lange und alle Plätze sind besetzt. Eine typische Vegesack-Veranstaltung. Man kennt sich, begrüßt sich, umarmt sich. Alles Gäste im knackigen Alter – alle museal angehaucht wie das Mobiliar und alle sicherlich am Thema des Abends äußerst interessiert.

Auf der Speisekarte geht’s vegetarisch und vegan zu, Bio-Produkte sind Standard und Frische steht an erster Stelle – so verspricht die Crew es jedenfalls.

Teilweise passt es wie die Faust aufs Auge, berichtet der Historiker, denn das kulinarische Angebot von vor zweihundert Jahren war in Vegesack und umzu nicht so prickelnd. Fleisch gab es nur selten, Korn und Grünfutter bestimmten die kargen Mahlzeiten. Man hatte nicht viel, man aß eben, was Feld und Wald hergaben und der Gockel im Topf auf dem Feuer blieb die Ausnahme. Im Sommer war es heiß und Kühl- und Gefrierschränke waren noch nicht erfunden und im Winter musste das reichen, was im vorher geerntet wurde.

Das Leben war damals beschwerlicher als heute, die Arbeit mühsam und wer sein tägliches Pensum nicht schaffte, war unbrauchbar. Denen erging es wie den Bremer Stadtmusikanten: Sie wurden aus der Mitte der Gesellschaft verbannt!

Wer Rheuma, Rücken oder sonstige Gebrechen hatte, war weg vom Fenster, berichtet der Vortragende. Witwen von tapferen und waghalsigen Kapitänen, die beim Walfang ihr Leben verloren, bekamen null Rente und mussten selbst für sich und die Kinder sorgen. All diese Menschen waren verbannt zum Verhungern, hatten kein Dach überm Kopf, gehörten nicht mehr dazu, waren Verlierer des damaligen Systems.

Es sei denn, ihnen gewährte jemand Unterkunft mit Vollpension und das uneigennützig und kostenlos. Wenn nicht die bucklige Verwandtschaft christliche Nächstenliebe walten ließ, oder andere Barmherzigkeit offenbarten, der Staat tat’s jedenfalls nicht. Alten-, Kinder- und Mütterwohnheime oder andere soziale Einrichtungen gab es damals noch nicht.

Aber alles hat – wie immer im Leben – Gutes und Schlechtes gleichermaßen. Zum wurden die Menschen damals nicht so alt wie heute. Vierzig Lenze zu erreichen, waren schon eine stattliche Leistung. Wer damals seinen Husten nicht in den Griff bekam, den raffte es leicht dahin und der starb schlimmstenfalls an Schwindsucht. Kindbettfieber war auch nicht gerade selten und durch verdrecktes Wasser lauerte Montezumas Rache so ziemlich überall. Quacksalber waren noch nicht an jeder Ecke zu finden und falls doch, war es fraglich, ob sie das richtige Mittelchen überhaupt kannten, geschweige denn hatten.

Also alles in allem war es kein leichtes Leben vor ungefähr zweihundert Jahren in Bremen und in Vegesack.

Überlieferungen nach ist es wohl aber wahr, dass man schon damals in der Freien und Hansestadt an der Weser demokratischer dachte und handelte, als anderswo. Drum kamen die vier Stadtmusikanten – der Esel, der Hund, der Kater und der Hahn – gerade hierher, um aus ihrem Lebensabend mit all ihren gesundheitlichen Einschränkungen das Beste zu machen.

Und vermutlich genau aus diesen Erkenntnissen heraus haben die Brüder Grimm diese vier tierischen Musiker in ein sozialkritisches Märchen verpackt, das vielleicht auch heute noch ein nicht von der Hand zu weisender Gedankenanstoß in unserer Zeit ist.

Das war dann wohl das Fazit des Abends im Café Alma unter neuer Bewirtschaftung, mit all dem alten Inventar und Mobiliar, dem Historiker und seinem unterhaltsamen und kurzweiligen Vortrag, dem Essen und Trinken zwischendurch und dem 200. Geburtstag der vier zugereisten Musikanten – alles irgendwie antiquarisch!

Ach ja, und beim Rausgehen sollte man nicht vergessen, sich das dicke Gästebuch einmal anzusehen, das auf einer Mischung zwischen Staffelei und zu hohem Stehpult aufgeschlagen liegt. Wer’s nicht getan hat, guckt eben beim nächsten Besuch mal rein…!

04.04.2019