Der eine heißt Carsten, der andere auch…

Überall hängen sie an Bäumen und Laternen rum oder stehen angekettet im Weg. Egal, ob man mit dem Auto, dem Rad oder per pedes unterwegs ist, man sieht sie immer und überall, kann ihnen nicht ausweichen, muss mit ihnen Auge in Auge kommunizieren – ob man will oder nicht – bis Ende Mai gibt’s kein Entkommen!

Der eine trägt Bart, der andere nicht. Der eine hat graue Haare, der andere gar keine. Beide tragen Anzug – der eine blau, der andere schwarz. Einer trägt Krawatte und Brille, der andere Fingerring und Armbanduhr. Einer ist über vierzig Jahre Mitglied in der SPD, der andere ein Newcomer und Senkrechtstarter in der CDU. Der eine zählt 60 Lenze, der andere ein paar weniger. Der eine hat nur einen Namen, der andere zwei, ist sowas wie ein doppeltes Lottchen mit Bindestrich.

Eigentlich haben beide nichts Gemeinsames – meint man – so auf den ersten Blick. Doch wer das denkt, irrt gewaltig, denn beide haben nur ein Ziel: Das Bremer Rathaus und die Senatskanzlei! Der eine Carsten ist bereits Chef im Rathaus und will’s bleiben – der andere will’s unbedingt werden.

Carsten Sieling kennt man zwischenzeitlich und die Frage „Carsten wer?“ erübrigt sich in diesem Wahlkampf – jedenfalls hinsichtlich seiner Person. Waschechter Bremer ist er nicht. Er wuchs mittenmang von Spargelfeldern im Nachbarland auf und ist seit vier Jahren Bürgermeister der Hansestadt.

Er ist einzigartig, heißt es! Ach nee, da hab ich falsch gelesen: Nicht er ist einzigartig, sondern sein Arbeitsplatz – also das Bremer Rathaus! Weltkulturerbe und ein paar Jahrhunderte hat’s auf dem Buckel – steht alles auf www.rathaus.bremen.de. Dieser Carsten will seinen gemütlichen Bürostuhl gerne behalten – seine feudale Amtsstube auch.

Der andere heißt hinterm Carsten Meyer-Heder und war bis zum letzten Jahr kein parteipolitisch auffälliger Mitbürger. Bis dahin war er nur ein waschechter Hansestädter, Familienvater, Unternehmensgründer, Bremer Unternehmer des Jahres 2014. Jetzt lockt ihn das Innenleben des Rathauses – dort will er das Zepter schwingen.

Er hat nämlich eine Erkenntnis gewonnen: In Bremen läuft nicht alles rund! Aber er ist auch der Meinung: Unser Bremen kann mehr! (Fehlt nur noch der altbekannte Merkel-Spruch: wir schaffen das!)

Deshalb will er raus aus der Wirtschaft, rein ins Rathaus. Er möchte als Unternehmer eben mal was Anderes unternehmen und würde seinen Allerwertesten gerne gegen den vom anderen Carsten auf dem Bürostuhl austauschen.

Doch nicht nur die Zwei suchen via Wahlplakate Kontakt zu uns. Auch andere Kandidaten und Kandidatinnen parlieren mit klugen oder unsinnigen Slogans dem Wahltag entgegen.

Die FDP-Lady wirbt beispielsweise mit „dem heißen Draht zu Lencke Steiner“ und freut sich angeblich über jeden Anruf, schreibt die BILD-Zeitung.

Die Partei des Noch-Bürgermeisters beteuert „wir lieben Bremen“ und die Grünen haben sich für bunte Hingucker entschieden.

Selbstverständlich wollen nicht alle, die uns plakativ angrinsen, Hausherr oder –dame im Bremer Rathaus werden. Einige der aufgebammelten und hingestellten Plakatbrüder und –Schwestern wünschen sich einen Durchmarsch bis nach Brüssel, denn da wird nämlich auch neues Personal gesucht.

Im kleinsten Bundesland ist also nicht nur der natürliche Frühling ausgebrochen, hier geht’s um viel mehr – nämlich um Stadtmusikanten versus Männeken Pis.

Aufgefallen ist mir übrigens, dass ich beim Studium der Wahlplakate keines mit der Aufschrift „Wir tun ja nix, wir wollen nur spielen …“ gefunden habe – aber vielleicht habe das einfach nur übersehen!

12.04.2019