Und dann gehen alle Lichter an!

Da ist es wieder. Nicht zu sehen, aber zu spüren ist es. Es macht sich breit, es schleicht sich an. Es kriecht unaufhaltsam nach oben. Immer weiter krabbelt es hoch. Es macht sich breit, wie übergelaufene Milch auf dem Ceranfeld.

Wie gerne würde ich ihm manchmal sagen „verfatz dich, lass mich in Ruhe, krabbel mal woanders“, doch das funktioniert mit ihm nicht.

Mein Bauchgefühl kommt wenn’s nötig ist und bleibt weg, wenn‘s keiner Wachsamkeit bedarf. Irgendwie sind wir Zwei mittlerweile ein eingespieltes Team – kein Wunder, wir kennen uns schließlich seit Jahrzehnten. Am Anfang war’s gewöhnungsbedürftig, aber aller Anfang ist nun mal schwer. Besonders das Ding mit dem Vertrauen, das muss man üben. Nicht auszudenken, wenn jeder daherkommen könnte, um einem was einzuflüstern!

Wie alles anfing? Das war damals mit Jutta, einer Freundin aus Kindertagen. Die stellte mir ihren neuen Freund Willy vor und mein Bauch grummelte. Willy war großgewachsen, sah ganz passabel aus, aber sein Händedruck war schwitzig und unangenehm und seine blauen Augen hielten meinem Blick nicht stand. Er zwinkerte ununterbrochen, räusperte sich ständig und tat so, als würde er Jutta anhimmeln. Dabei taxierte er alles und jeden um ihn herum. Er benahm sich wie ein ängstliches Tier, das zum Sprung und Angriff bereit war. Okay dachte ich, das erste Mal, alles neu, er ist neu, jeder sieht ihn an. Ich hatte Verständnis für seine Situation, konnte mich in seine Lage versetzen und dass er sich vorkommen musste, wie ein Tier im Käfig, das von allen begafft wird.

Immer wenn ich Willy traf, rumorte es in mir. Jahrelang ging das so. Am liebsten hätte ich Jutta gewarnt – aber wovor? Nur weil mein Bauch sich bemerkbar machte, kann ich doch nicht Alarm schlagen!

Beruflich war Willy eigentlich keine schlechte Partie. Polizist, höhere Laufbahn, Beamter auf Lebenszeit – alles ziemlich gradlinig. Jutta schwärmte von ihm und seiner Aufmerksamkeit, denn regelmäßig bekam sie von ihm Blumen und andere Geschenke. Nicht allzu kostbare, aber umsonst gab’s die sicherlich nicht.

Eines Abends kam ich aus dem Kino und mein Auto stand ein Ecken weiter weg. Auf dem Weg dahin sah ich drei junge Männer, die anderen Kinobesuchern was verkauften. Eindeutig ging es um Rauschgift und deutlich war Willy einer der Verkäufer. Er sah mich nicht und ich stieg unbemerkt in mein Auto.

Was nun? Mit wem soll ich drüber reden – mit Jutta? Geht gar nicht und außerdem war’s nur ein Verdacht – so eine Ahnung, eben ein Grummeln im Bauch.

Nach mehrmaligen Überschlafen begab ich mich gemeinsam mit einem Freund auf Beobachtungsposten. Erst erkundeten wir, wann Willy dienstfrei hat und angeblich zum Sport geht und dann legten wir uns im Auto vorm Kino auf die Lauer. Es stimmte, die Drei verhökerten kleine Tütchen an Jugendliche.

Ein halbes Jahr später trennte Jutta sich von Willy, denn sie kam dahinter, dass er noch zwei weitere Freundinnen aus dem Rotlichtmilieu hatte.

Willy machte übrigens eine Riesenkarriere bei der Polizei und wurde ein hochdekorierter Kommissar im Rauschgiftdezernat, hatte später ein schönes, großes Haus, ein dickes Auto und all das, was man sich als Beamter eigentlich nicht erarbeiten kann.

Das war mein erstes Bauchgrummeln und seither ist es ein Frühwarnsystem geworden, das mich niemals angelogen hat. Wenn der Bauch rebelliert, ist irgendwas im Busch und darauf kann ich mich verlassen.

02.05.2019