Aus die Maus

Wie immer sieht Opa Franz wie aus dem Ei gepellt aus, wenn er seine Werkstatt und den Garten verlässt. Er ist auf dem Weg zum Doktor. Opa hat Husten und ihm tun die Rippen weh. Er fühlt sich nicht und blass ist er auch. Hut, Anzug, weißes Hemd, Krawatte, akkurat geputzte Schuhe, ohne Mantel –  ist Mitte März, sonnig und warm.

Er fährt mit der Straßenbahn bis vor die Tür des Krankenhauses. Dort wartet Dr. Schuster auf ihn. Die beiden Männer kennen sich seit über zwanzig Jahre, der Mediziner und der Schlossermeister. Beide sind jenseits Oder/Neiße geboren, beide sind aus Reetz, beide mussten flüchten als der Russe kam, beide landeten im zerstörten Berlin. Der Arzt ist in der Charlottenburger Klinik äußerst angesehen und Opa Franz stolz wie Bolle, ihn zu kennen. Heute wird er also auf den Kopf gestellt, um den Grund seiner Maläsen herauszufinden.

Am Nachmittag informiert uns Dr. Schuster, dass er Opa Franz in der Klinik behält. Wegen Lungenentzündung und um Bescheid zu sagen, dass die Hühner und Kaninchen gefüttert werden müssen. Und Sachen braucht Opa auch – Schlafanzug, Wasch- und Rasierzeug, Handtücher und Unterhosen.

Viecher füttern, Tasche packen ist rasch erledigt und später fahren Mama Lena und Papa Karl zu Opa Franz, der zwischenzeitlich ein Zweibettzimmer bezogen hat. Dafür hat der Doktor gesorgt, sagt Opa, normal sind Vierbettzimmer, wenn nicht sogar noch viel mehr Kranke in einem Raum.

Tja, und dann ging alles schnell, viel zu schnell. Die Lungenentzündung war stärker und hat meinen Opa Franz besiegt. Auf einmal war er tot – mausetot, kam nie wieder in sein Haus, seine Werkstatt, seinen Garten. Ob wir traurig waren? Weiß ich nicht. Aber wir waren verblüfft, verdattert, sprachlos, überrascht und wie vor den Kopf geschlagen, wie schnell sowas passieren kann.

Da geht jemand feingemacht zum Arzt und verlässt die Klinik zwei Wochen später im schwarzen Leichenwagen…!

Das Versorgen der Tiere übernahm Zicken-Rosa, Opas Nachbarin aus dem total verwilderten Garten, die selbst etliche Nutztiere hielt. Opas Werkstattaufträge erledigte Papa Karl nach Feierabend und an Wochenenden. Fürs Gärtnerische war Mama Lena zuständig und Erntearbeiten mussten jetzt noch nicht organisiert werden.

Dafür musste die Trauerfeier samt Beerdigung organisiert werden. Welcher Pastor soll in der Kirche und am offenen Grab das Sagen haben, welche Ausstattung im Sarg und welche Blumen obendrauf und was sonst noch alles dazugehört wie beispielsweise das Fellversaufen. Wir alle hatten gut zu tun und keine Zeit, Opa zu vermissen.

Fellversaufen

Auf der anderen Friedhofseite leben mehrere Cafés und Gasthäuser fast nur von der Kundschaft, die nach der Schippe Erde und dem Tränenvergießen Appetit bekommen haben. Drum hat Papa Karl in einem Restaurant auch rechtzeitig all das geordert, was einem angemessenen Fellversaufen gerecht wird.

Am 10. April war’s soweit. Jeder, der von Opa Franz Abschied nehmen wollte, kam zum Friedhof. Die kleine Kapelle war rappelvoll. Trotz zusätzlich aufgestellter Klappstühle, mussten Leute stehen und während der Trauerfeier blieben deshalb auch die Flügel der Kirchentür offen. Neben den Familienmitgliedern, Freunden, Bekannten und Nachbarn, wurde auch der eine oder andere durch die Todesanzeige in der Tageszeitung angelockt.

Der Pastor hielt sich nicht mit vielen unnötigen Worten auf, kam ziemlich fix zum Kern der heutigen Zeremonie und ebenso kurz fasste er sich am offenen Grab. Vermutlich hatte auch er Appetit auf Speis und Trank.

Da der April unter der Regie von Petrus genau das macht, wofür er bekannt ist, fing es kräftig zu gewittern an, und ziemlich düstere Wolken drohten zu bersten.

Nass werden wollte niemand und schon gar nicht die um den Schlossermeister trauernden alleinstehenden oder verwitweten Damen seiner Nachbarschaft mit ihren frisch ondulierten Haaren.

Hastig setzte sich die Trauergemeinde zum Fellversaufen gen Restaurant in Bewegung, wo die weiß eingedeckten Tische schon auf Gäste warteten. Der Pastor im wehenden Talar war Anführer der Beerdigungsgäste und suchte sich einen der besten Plätze aus. Auch hier waren mehr Personen als Stühle vorhanden, doch dieses Defizit wurde vom Gaststättenpersonal rasch behoben.

Unmittelbar wurden Hackepeterbrötchen, Buletten, Knacker und andere Würstchen aufgetragen und wer wollte, durfte zusätzlich zwischen Kartoffel- und Erbsensuppe wählen. Durst musste auch niemand leiden, denn von Kaffee, über Sinalco bis hin zum eiskalten Korn stand alles zur Verfügung. Korn und Buletten waren die absoluten Renner und später kam noch Bienenstich dazu.

Es wurde eine feuchtfröhliche Runde und ziemlich alle Anwesenden konnten mindestens eine lustige Anekdote oder Geschichte erzählen, die er mit Opa Franz erlebte. Die alleinstehenden Damen schwärmten von seinen handwerklichen Fähigkeiten, und dass er ihnen fehlen wird. Alles in allem war es wie eine Mischung aus den Filmen „Drei Männer im Schnee“, „Lausbubengeschichten“ und „Die Feuerzangenbowle“.

Zu vorgerückter Stunde wurde kräftig gesungen und als jemand „Oh alte Burschenherrlichkeit wohin bist du entschwunden“ anstimmte, wurde unsere Trauergesellschaft vom Wirt darauf hingewiesen, dass nebenan noch eine andere Feierlichkeit stattfindet.

Dabei handelte es sich um eine Hochzeitsfeier, bei der es wesentlich gediegener und vor allem ruhiger zuging, als bei uns.

Das wunderte den Pastor und er machte sich gemeinsam mit Dr. Schuster und Papa Karl auf die Socken, dem Brautpaar zu gratulieren. Die drei kamen erst nach einer guten Stunde wieder und hatten offensichtlich das eine oder andere Glas – wovon auch immer – getrunken.

Binnen kürzester Zeit vermischten sich nun die Teilnehmer beider Festivitäten und die letzten Gäste unser Trauerrunde zu Ehren von Opa Franz verließen wohl erst gegen Mitternacht das Restaurant.

Der Gastwirt erzählte später, dass es noch richtig lustig zuging, viel getanzt und getrunken wurde und dieser Tag für ihn ein absolut gutes Geschäft war.

20.05.2019