Da ist er wieder!

Wieder dieser Tag, den ich eigentlich seit vielen Jahren nicht wirklich mag. Seit seiner achtzehnten Wiederkehr – oder war’s womöglich die einundzwanzigste? Ist auch egal, ich mochte ihn niemals wirklich.

Außer als Kind, da war dieser Tag immer wundervoll und ich freute mich wochenlang vorher auf ihn. Ich durfte mir Besuch einladen – Freunde, Spiel- und Klassenkameraden. Es gab Wackelpeter mit Vanillesoße, Erdbeertorte, Schlagsahne, Kakao und abends Würstchen, und zwar so viele, wie ich schaffen konnte, selbst wenn mir hinterher kotzelend war! Luftballons, Papierschlangen und Konfetti waren total normal und Geschenke gab es auch immer – die heißersehnte Puppe, das kuschelige Steiff-Tier und irgendwann auch ein Fahrrad.

Zum einundzwanzigsten dann den Freibrief der Volljährigkeit! Endlich konnte ich entscheiden, was ich will, was mir gefiel, keiner durfte mir mehr was sagen. Allerdings hatte diese neue Freiheit auch Nachteile: für eine eigene Wohnung musste ich die Miete bezahlen, meine Wäsche selbst in Ordnung halten, für mich kochen, putzen und all das machen, was sonst Mama erledigt hat. Endlich durfte ich Fahrstunden nehmen und den Führerschein machen, nach Hause kommen, wann ich wollte und all die Dinge tun, die vorher tabu waren – also fast all diese Dinge – theoretisch allemal.

Seither macht mir aber Geburtstagfeiern nicht mehr wirklich Spaß. Gäste bewirten und für sie kochen schon, muss aber nicht unbedingt an meinem Geburtstag sein. An diesem Tag bin ich zwar gerne mit lieben Menschen zusammen, aber nicht unbedingt zuhause.

Warum feiert man eigentlich Geburtstag? Irgendwie ein bisschen schräg, denn schließlich wird man immerzu – Minute für Minute, Stunde für Stunde – älter. Drum könnte man ihn doch an einem x-beliebigen Tag begehen, wann immer man dazu Lust und Laune hat. Ist denn nicht jeder Tag, den man gesund und munter erleben darf, ein Feiertag?

Und die Jahre ab sechzig plus muss man doch auch nicht akribisch mit dem Datum im Ausweis abgleichen. Beim morgendlichen Aufstehen erhält man ohnehin ein aktuelles Update seines Körpers und das verklickert genauestens, wie es um den Organismus und das werte Befinden bestellt ist. Der Spiegel tut auch noch das Seine dazu und schon ist man auf dem Laufenden und kann locker entscheiden, ob es ein Feiertag oder ein ich-zieh-mir-mal-die-Decke-über-die-Ohren-Tag wird.

Habe mich gerade gefragt, ob es dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland auch so geht. Immerhin hat es noch dreihundertdreiundsechzig Tage mehr auf dem Buckel als ich. Ob sich das bei ihm ebenso „menschlich“ anfühlt?

Momentan ist unser Grundgesetz ja mal wieder in aller Munde, denn es nullt schließlich und Nullen werden in der Regel immer bejubelt und gefeiert, egal, ob es Menschen, Jahres- oder Gedenktage sind.

Noch heute ist man von dieser Gesetzgebung begeistert, die die Väter und Mütter unserer Bundesrepublik am 23. Mai 1949 beschlossen und verkündet haben. „Dass war die Sternstunde der deutschen Demokratie“ lautet die einhellige Meinung, die auch noch in unseren Tagen eine riesige Bedeutung hat.

Wie dem auch sei, unser Grundgesetz hat zwar schon so manch ein Lifting erleben müssen, aber grundlegende Leitplanken sind geblieben.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Von diesem Grundrecht abgeleitet sind die zentralen Prinzipien Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und sozialstaatliche Verfasstheit. 

Bisher hat die alte Dame „Grundgesetz“ sich immer an diese Worte und ihr gegebenes Versprechen gehalten, hat sich nicht verbiegen, beirren oder aus der Bahn werfen lassen. Nicht einmal damals, als die Mauer aufging und Deutschland sich gewaltig und nachhaltig veränderte, hat sie mit der Wimper gezuckt. Sie ist ihrem Motto treu geblieben und das können viele nicht von sich behaupten.

Drum gratuliere ich der junggebliebenen Seniorin zum Ehrentag, wünsche ihr für die nächsten siebzig Jahre weiterhin ein gutes Händchen, und dass sie weiterhin alles dafür tut, dass die Würde des Menschen unantastbar bleibt!

Selbstverständlich wird das Grundgesetz zum Siebzigsten überall gewürdigt. Im Bundestag finden sich Abgeordnete zusammen, halten mal mehr mal weniger kluge Reden, singen die deutsche Nationalhymne, sind feierlich gekleidet und machen ebensolche Gesichter. Im Fernsehen kann man dem Grundgesetz-Quizz beiwohnen, in Zeitungskolumnen schreiben kluge Zeitgenossen ihre Gedanken zu unserem Land und dem Artikel Eins und folgende auf, woanders wird auf einen gesunden Patriotismus hingewiesen und erinnern wird mit feiern verbunden.

Und bei mir? Da verläuft der Tag ganz nach meinem Gusto. Ein Tag wie immer, wie so ziemlich jeder andere von den 365 im Jahr –  oder womöglich doch ein bisschen anders? Jawohl! Heute habe ich meinen Liebsten und zwei Freunde von uns eingeladen und wir statten gemeinsam Tim Mälzers Hamburger Restaurant einen – hoffentlich – kulinarisch-hochwertigen Besuch ab.

Doch das ist eine andere Geschichte und die ist beim nächsten Mal dran!

21.05.2019