Who the fuck is Mälzer? Oder: Schmeckt nicht, gibt’s nicht!

Tim Mälzer: schlappe fünfzig Lenze auf dem Buckel, erst Zivi, dann Koch, mittlerweile prämiierter TV-Koch, Eigentümer bzw. Mitinhaber diverser Restaurants, Autor diverser Bücher rund ums Thema Kochen und Heimat, Lebensmittelchecker und nicht zu vergessen wortgewandter Dampfplauderer. Für manche ist er ein begnadeter Meisterkoch und für andere der prollige Maulheld, der nur Fischstäbchen und Hühnerfrikassee kann. So kennt man ihn – ein Küchenbulle, der polarisiert!

Nun wollten wir mal wissen ob es schmeckt oder nicht und machten uns auf die Socken nach Hamburg in Tim Mälzers „Bullerei“. Gucken und gut essen war unser Ziel. Einfach probieren, ob Preis und Leistung stimmen und ob tausende von Gästen recht haben oder auf dem Holzweg sind.

Rechtzeitig reservierten wir Stuhl und Tisch. Dass wir auch ein vom Boss himself signiertes Kochbuch vorab bestellen müssen – wenn wir denn eins wollen –  sagte uns niemand. Haben wir auf der Webseite nicht gelesen, erfuhren wir erst im Genusstempel. Und da war’s dann leider gerade vergriffen – doof für uns, schlecht für Mälzer & Co. – fanden wir jedenfalls!

Punkt 18 Uhr wurden wir nach gründlichem Reservierungs-Check von Janna an den Tisch geführt, kurzfristig mit Getränken und Speisekarten versorgt.

Seit Franz Léhar weiß man, dass das Studium der Weiber schwer ist – in der Bullerei gilt das für die Speisekarte. In dem riesengroßen Saal mit den unverputzten Ziegelwänden und den freiliegenden Lüftungsrohren, ist es nämlich voll duster. Man muss echt kneisten, um lesen zu können, was die Küche so bietet.

Jede Menge Schnickschnack hängt an den Wänden oder steht dekorativ sichtbar – wie das pinkfarbene Einhorn – herum, aber beim Beleuchtungskonzept hat Küchenbulle Mälzer im „Bahnhofshallen“-Restaurant geknausert.

Doch wozu haben wir unsere Janna! Sie ist nicht nur unsere persönliche Bedienung heute Abend. Akribisch zählt sie auf, was heute die absoluten Leckerbissen aus Topf, Pfanne und vom Grill sind und fast jeder Satz endet mit einem „genau“. Danach gibt sie uns deutlich zu verstehen, dass wir so langsam mit unserer Bestellung zu Potte kommen sollen, sonst dauert es ätzend lange, bis was auf den Tisch kommt.

So muss Tinnitus sein, denke ich bei mir. Ständig Geräusche und Geraune von den ringsum Sitzenden, Teller-, Gläser- oder sonst was –klirren und klappern. Nicht wirklich störend, bremst auch die Unterhaltung nicht, aber deutlich wahrnehmbar.

Endlich haben wir die Vorspeise bestellt, war gar nicht so einfach bei der Funzelbeleuchtung! Wir sind zufrieden, Janna nicht – sie möchte auch Hauptgericht und Nachtisch von uns wissen. Eins nach dem Anderen geben wir ihr zu verstehen und dann betreiben wir Sightseeing mit unseren Augen.

Mindestens zweihundert Gäste oder mehr sitzen bereits. Am Eingang stehen noch viele, die einen Platz wollen und Lust auf fine dining haben. Gibt’s aber nicht – full house eben! Und das am Dienstag. Da haben bei uns in der Provinz viele Esslokale Ruhetag und sind nicht wegen Überfüllung geschlossen!

Die „Bullerei“ ist was Besonderes und nicht vergleichbar mit einem Edel-Italiener und schon gar nicht mit dem kleinen gemütlichen Bistro an der Ecke. Hier fand noch vor gut dreißig Jahren der Viehmarkt statt, es bis weit in die neunziger Jahre wurden in dem Hallenkomplex aus rotem Backstein Tiere geschlachtet. Wer zum Pipimachen die entsprechenden Räumlichkeiten besucht, staunt über rustikale Holztüren mit derben Absperrriegeln und statt im edlen Keramikwaschbecken wäscht er seine Hände in einer alten Viehtränke.

Die heutige Location bereitet Leckeres zu und „verfüttert“ es an gut zahlende Hipster genauso wie an Otto-Normal-Esser und Gattin, die sich einfach mal was gönnen.

Zunächst kam ein Gruß aus der Küche, dann die zweite Runde Bier, danach Janna und eine Kollegin mit den Vorspeisen, und zwar Burrata für Zwei, Bärlauchknödel und Beef Tatar. Noch bevor wir auch nur einen Bissen probiert hatten, drängte Janna zur Bestellung des Hauptganges. Himmel-Sack-und-Nüsse – erst essen wir die Vorspeise und dann sehen wir weiter, betonten wir unmissverständlich. Endlich hatte sie verstanden und ließ uns in Ruhe! Umso größer war ihre Freude, als wir endlich Entrecôte und Lammragout orderten. An unserem Tisch war’s still, dann unterbrach mein Mann die Ruhe: Schmeckt ähnlich gut wie zuhause – lediglich die Röstaromen des Steaks sind intensiver! Ein solches Kompliment hatte ich nicht erwartet. Espresso und Eis zum Abschluss war das vorletzte, was wir bestellten, danach blieb nur die Rechnung.

Es war ein köstlicher Gaumenschmaus, lautete unser Fazit – wir waren begeistert!

Stimmt also doch: schmeckt nicht, gibt’s nicht!

Am Tag darauf studierten wir die Rechnung – allerdings war da nicht viel drauf zu sehen, denn dem Drucker fehlte Farbe, somit auch der Rechnung.

Am Schluss konnten wir allerdings lesen: Es rannte für Sie Janna! Stimmt, gut zu Fuß und flink sollte man schon sein, sonst kann man in der Bullerei keinen Blumentopf als Bedienung gewinnen. Unser allerletztes Fazit zum „Bullerei“-Besuch: kitchen super, die Bemerkung auf der Rechnung ziemlich impossible!

27.05.2019