Opa im Nirwana, viel Arbeit im Garten, Ebbe im Geldbeutel

Dieser Frühling fand nun ganz ohne Opa Franz statt. Im Garten blieb so ziemlich alles an Mama Lena kleben und daher vermisste sie Opa am meisten – sagte sie zumindest. Sämtliche Aufgaben mussten neu verteilt werden und da ich fast vierzehn Lenze zählte, bekam ich auch die eine oder andere Arbeit aufs Auge gedrückt.

Natürlich protestierte ich auf das Heftigste und wurde nicht müde, an meine bereits vorhandenen Verpflichtungen zu erinnern. Zum Beispiel mein Zimmer inklusive der Schränke in Schuss zu halten, was ich ohnehin Mamas Meinung nach viel zu selten tat. Selbstverständlich steht auch das Lernen für die Schule an allererster Stelle, protestierte ich lautstark. Mama Lena ließ nicht mit sich handeln und ab sofort hatte ich das Erdbeerbeet zu hegen und zu pflegen. Die Ernte übernimmt sie selbst, die muss frühmorgens erfolgen und da bin ich in der Schule – basta!

Je nach Wachstum von Unkraut, Rasen und Reifeprozess von Obst und Gemüse hatte sie selbstverständlich immer wieder Neues in petto.

Zum Glück machte Oma Else kräftig mit, die sich sowieso mit allem bestens auskannte, schließlich war sie mal auf einem Bauernhof in Zeestow aufgewachsen. Gemeinsam mit Mama Lena weckten die Zwei gefühlt den gesamten Garten ein, kochten Marmelade, Apfel- und Pflaumenmus, kelterten Wein, füllten Saft in Flaschen ab und blanchierten Gemüse für die Gefriertruhe.

Hühner und Kaninchen standen nach Opa Ableben unter der besonderen Obhut von Zicken-Rosa. Die konnte bestens mit Viechern, schließlich hatte sie selbst etliche davon. Somit blieben nur zwei Karnickel (wegen Weihnachten) und vier Hühner (wegen Eier) plus ein Hahn bei uns und wenn die sich sexuell nicht zurückhalten konnten und Nachwuchs produzierten, wurden die zu Rosa abgeschoben.

Bei schönem Wetter konnte ich mühelos meine Freundinnen zum Gartenbesuch überreden und fast alle hatten an Gartenarbeit Spaß. Bezahlt wurden sie in Naturalien, denn davon hatten wir schließlich genug auf den 1.8oo qm. Ich hingegen machte mir nur selten die Finger schmutzig, dafür übte ich das Delegieren von Arbeit, das ich bis zum Saisonende ziemlich perfektionierte.

Eine Stunde Erdbeerpflücken gegen fünfzehn Minuten Schaukeln, Radieschen und Möhren vom Unkraut befreien und ernten gegen Eiereinsammeln im Hühnerstall inklusive streicheln und scheuchen des Federviehs. Kaninchenställe säubern war eine besondere Auszeichnung und wurde nicht zusätzlich honoriert. Federballspielen gab es zur Belohnung nach dem Himbeer- und Brombeerpflücken und Tischtennisspielen beispielsweise nach schweißtreibender Aktivität an der Gartenpumpe und dem Gießen durstiger Blumen und Pflanzen.

„Geschäftstüchtig ist deine Tochter“, pflegte Mama Lena Vater Karl abends in stiller Stunde zu verklickern und dann freuten sich beide über ihr pfiffiges Kind!

Nur etwas trug nicht zu meiner Zufriedenheit bei. Das war die zusätzliche Taschengeldquelle, die mit dem Tod von Opa Franz gänzlich versiegte.

Nix war mehr mit: „Hier haste nen Fünfer und davon hol mir mal nen kleines Brot und nen halben Liter Milch. Den Rest kannst du behalten!“ Pro Einkauf flossen mindestens drei Mark in meine Kasse und je öfter ich einkaufen ging, umso lukrativer war’s eben.

Und wenn ich mit dem Schwimmverein verreiste, gab’s auch kein Extrataschengeld für Eis, Würstchen oder Postkarten plus Briefmarken – weder bar vor Reiseantritt noch per Brief ins Ferienlager.

Bei Opa steckte eben so manch ein Fünfzigpfennigstück oder manche Mark locker in der Tasche. Doch diese lukrativen Zeiten waren nun vorbei – leider!

Ein weiteres Manko in meinem Portemonnaie ergab sich daraus, dass ich in meinem Alter nun auch nicht mehr mit dem Kaufmannsladen spielte, niemand mehr zum Einkaufen vorbeikam und mit echtem Geld bezahlte.

Die dritte Einnahmequelle, nämlich meine Schulzeugnisse, waren kein wirklicher Garant für monetären Zuwachs und außerdem nur zweimal im Jahr relevant. Da galt die einst mit meinen Eltern getroffene Abmachung. Für einen Einser bekam ich eine Mark, allerdings zählte diese Konstellation zu den Ausnahmefällen. Für eine Zwei waren es fünfzig Pfennige, eine Drei brachte dreißig Pfennige und für eine Vier  nur mahnende Worte. Bei Fünfen und Sechsen floss Geld an meine Erzeuger zurück, und zwar eine bzw. zwei Mark und solche Vorkommnisse konnten bei meinen schulischen Leistungen nicht ausgeschlossen werden. Für gute Zensuren auf meinem Religionszeugnis erhielt ich keinen Deut, die waren für meine Eltern total selbstverständlich!

Opa Franz hingegen honorierte alles! Jede Zensur wurde von ihm berücksichtigt, selbst die nicht ganz so guten. Er leierte mir lediglich das Versprechen aus den Rippen, auf Leistungssteigerung fürs nächste Mal zu achten. „Ehrensache Opa!“ stimmte ich ihm zu und schon klingelte meine Kasse…

Und ist der Handel noch so klein, mehr als Arbeit bringt er ein!

Meine Finanzsituation war nach Opas Abgang keineswegs optimal, schließlich stiegen meine Ausgaben mit zunehmendem Alter. Alle vierzehn Tage erschien zum Beispiel die Jugendzeitschrift „BRAVO“, die ich selbstverständlich unbedingt haben musste. In dieser Zeitschrift fand alles statt, was modern war, über den großen Teich schwappte oder aus dem Königreich England kam. Das war die Heimat der Stones, der Beatles und vielen anderen Musikern, die mit ihrem neuen Rhythmus die Welt und natürlich auch Deutschland eroberten. Außerdem gab’s Starschnitte in Lebensgröße von Winnetou-Darsteller Pierre Brice, seinem Blutsbruder Lex Barker als Old Shatterhand – natürlich über mehrere Ausgaben der BRAVO verteilt.

Einen Schallplattenspieler für mich alleine in meinem Zimmer hatte ich meinen Eltern bereits abgeluchst, aber ohne Schallplatten war diese Errungenschaft total absurd. Drum mussten auch Platten her. Doch jede Single kostete nun mal 4,50 DM – eine Menge Geld, wenn man nicht viel hat und Opas konstante Bezuschussung dauerhaft fehlte!

Mit Mama Lena über irgendwelche bezahlten Tätigkeiten zu dealen, war aussichtslos, mit Papa Karl über eventuelle Möglichkeiten zu reden, wesentlich sinnvoller. In einem längeren Vieraugengespräch schafften wir Grundlagen und verhandelten selbstverständlich auch über die Bezahlung. Mit Handschlag und selbstgemachter Apfelbrause besiegelten wir unser Abkommen und ein paar Tage später beschriftete ich die ersten Schlüsselanhänger mit den Wohnungsnummern und notierte die Zahlenreihe der Schlösser korrekt in einem eigens dafür vorgesehenen Heft mit Durchschreibfunktion. Somit entlastete ich Papa durch meine Hilfe und er finanzierte mir meine Wünsche und beiden Seiten war geholfen!

Zu Opa Franz‘ Leitsprüchen gehörte unter anderem der: Und ist der Handel noch so klein, mehr als Arbeit bringt er ein. Stimmt! Ab sofort waren nun pro Monat zwei Schallplatten und zwei BRAVO-Ausgaben erschwinglich und absolut kein Problem mehr für mich.

05.06.2019