Wasser – mal Meer mal weniger Regen!

„Was hast denn du auf deiner Stulle? Mag ich ganz gerne! Wollen wir tauschen? Ahh, du hast ja Kuchen dabei, ich nur Kekse!“

Es müffelte nach Käse- und Leberwurststullen, Margarinebroten mit Beamten-Ziehwurst drauf, hartgekochten Eiern, überreifem, leicht gematschtem Obst und verkleckertem Apfelsaft. Jetzt schon! Und wir fuhren gerade erst am Funkturm an der AVUS-Tribüne vorbei – waren erst am Beginn unserer Reise.

Wir, das war die Jugendgruppe der Spandauer Wasserfreunde, die im Reisebus auf dem Weg ans Steinhuder Meer war.

Fünfundzwanzig Jugendliche zwischen zehn und vierzehn Jahren, fünf Begleiter um die Zwanzig und zwei Ehepaare waren gespannt wie Flitzebögen, was die kommenden zwei Wochen so bringen würden.

Urlaub ohne Eltern, weit weg von zuhause! Aufregend und toll fanden wir und freuten uns tierisch auf den Zelturlaub direkt am Wasser.

Derzeit schüttete es wie aus Kübeln und vermutlich hatte der Busfahrer Mühe, seine Spur zu halten. Das kümmerte uns aber nicht die Bohne, wir futterten und tranken, als hätten wir drei Tage ohne Nahrung verbracht.

Das mit dem Wetter war in diesem Jahr bisher ziemlich doof. Der April mit seiner Unbeständigkeit ist normal, der Mai mit viel Wasser von oben hingegen nicht und Juni und Juli schon gar nicht. In diesem Jahr hätten Gartenschlauch und Wasserpumpe locker in die Ferien fahren können und es wäre niemandem aufgefallen.

Trotzdem waren wir zuversichtlich, mit den Kilometern auch besseres Wetter zu bekommen – schließlich waren wir auf dem Weg in die Ferien, und zwar ins Zeltlager!

Kurz vor Abfahrt des Reisebusses wünschte mir Oma Else viel Spaß in der Sommerfrische, drückte erst mich und mir dann eine Büchse mit ihren selbst gebackenen Keksen in die Hand und der Regen von ihrem Schirm rannte mir den Buckel runter. Papa Karl steckte mir heimlich noch zehn Mark zusätzliches Taschengeld zu, Mama Lena ermahnte mich, dieses zu tun und jenes zu lassen und dann fuhr der Bus endlich ab!

Am Grenzübergang mussten wir lange warten – länger als gewöhnlich. Auf Wunsch unserer Aufpasser verbrachten wir die Wartezeit mit der Entsorgung von Butterbrot- und Bonbonpapier, Obstresten, Eier- und Bananenschalen. Nach weit über einer Stunde betraten die Vopos endlich unseren Bus, gingen durch den Mittelgang, verglichen die Ausweise mit unseren Gesichtern, guckten furchtbar grimmig, obwohl wir denen nichts getan hatten, verzogen keine Miene und bei diesem Regenwetter rochen sie noch penetranter als sonst. Nach fast zwei Stunden entließen sie uns auf die Transitstrecke gen Westen.

Wir spielten Karten, sangen Lieder aus der Mundorgel und die Stimmung war einfach super und voller Vorfreude. Noch immer regnete es und das änderte sich auch nicht, als wir nach der diesmal raschen Kontrollpunktabfertigung unserem Ziel in Niedersachsen näher kamen.

Wir waren am Steinhuder Meer und der Ort hieß Mardorf. Zuerst sahen wir das Wirtschaftsgebäude. Ein langgestrecktes Backsteinhaus, mit Speisesaal, Küche, Aufenthalts- und Waschräumen, erklärte Gertrud Scharf, unsere Oberaufpasserin. Dann sichteten wir den Zeltplatz, ein bisschen höher gelegen eine Wiese, ein Spielplatz und jede Menge Zelte im Wasser! Der Zeltplatz war eigentlich ein See! Den Strand konnte man nur ahnen und das Steinhuder Meer sah aus wie die graue Eminenz persönlich.

Zwar nieselte es nur noch sanft, aber trotzdem stand alles unter Wasser. Die Zelte, die sonst vermutlich auf einer grünen Wiese standen, waren abgesoffen. Man hatte sie hochgehievt und auf dicke Holzbohlen gestellt. Jetzt ragten sie nass und grau aus dem Wasser.

Meine Freundin Hannelore sah fassungslos aus, unsere Miturlauber guckten auch nicht fröhlicher aus der Wäsche und hätten wir damals das Wort Frust gekannt, hätten wir’s sicherlich benutzt!

Die Leiter der gesamten Anlage, ein älteres Ehepaar, begrüßten uns herzlich und ermunterten uns, erst mal ins Haus zu kommen, da hätten sie was vorbereitet.

Bei Kuchen und Früchtetee machten sie uns mit den wichtigsten Dingen und Regeln für die kommenden zwei Wochen bekannt und peu à peu fanden wir unsere Sprache wieder. Die Vorfreude hatte sich verkrümelt, die Enttäuschung über unser unter Wasser stehendes Feriendomizil blieb. Am liebsten hätte ich meine sieben Sachen genommen und die Rückreise nach Berlin angetreten!

Augen zu und durch…

…denn wer ein echter Vertreter der Spandauer Wasserfreunde ist, mag Wasser und dieses Element ist seine Passion!

In einer riesigen Lagerhalle mit Tischtennisplatten, Bällen, Fahrrädern, Buddelschippen und sonstigen Strand- und Freiluftutensilien stapelten die Herbergseltern auch unzählige Südwester, Gummistiefel und Friesennerze in allen Größen und Gelbtönen. Jeder durfte sich hier die passenden Klamotten für die Regenzeit aussuchen.

Danach schleppten wir trockene Strohsäcke in die uns zugewiesenen klammen Zelte, packten Schlafsäcke und anderes Zeug aus und richteten uns ein – soweit das in einem Zelt machbar ist. Hannelore und ich bezogen unser Zweierzelt mit der Nummer dreizehn, das nun für vierzehn Tage unsere Schlafzimmer sein sollte.

Glücklicherweise war es trotz Regen ziemlich warm und man konnte sich das An- und Auspellen der Stiefel und Friesennerze sparen, wenn man vom Zelt zum Haus ging oder andere erste Erkundungen der Anlage unternahm.

Nach dem Abendessen fielen wir alle hundemüde auf unsere Strohsäcke, schliefen unmittelbar ein und erst das gleichmäßige Trommeln der Regentropfen aufs Zeltdach weckte uns am nächsten Morgen.

Die Regentropfen schlugen auf die völlig unter Wasser stehende Wiese, bildeten dicke Blasen, dann Ringe, die wiederum gleichmäßig weite Kreise zogen. Der Blick gen Himmel ließ keinen Zweifel daran, dass mit Sonne nicht so bald zu rechnen ist.

Nach dem reichhaltigen Frühstück wurden Dienstpläne erstellt, denn wir mussten in der Küche helfen, Bäder schrubben, Geschirr spülen, und zwar täglich und das galt für alle. Bei diesem Schietwetter kein Problem und für den ersten Tag meldeten sich sogar Freiwillige zum Helfen.

Andere erforschten das Gelände und schlitterten von der Wiese über pitschnasse Bretter, die bis zum Strand dicht ans Wasser führten. Dort lagen Paddelboote mit dem Rumpf nach oben und vollgelaufene und verdreckte Gummiboote im Sand.

Der Sand war bestens geeignet, um Burgen und andere Gebilde zu bauen, was die Jungs denn auch gleich anpackten.

Die Ferientage vergingen, der Regen nicht.

Das Beste an diesem Steinhuder-Meer-Urlaub war, dass wir uns untereinander intensiver kennenlernten. Wir spielten alle möglichen Spiele, unter anderem auch Karten und entdeckten, dass in so manch einem unter uns ein echtes Zockertalent steckte. Wir tanzten Square Dance und sortierten die Jungs aus, die uns Mädels auf den Füßen rumtrampelten und bei denen Rhythmus scheinbar eine genetische Mangelerscheinung war. In kurzen Regenpausen spielten wir Federball, oft im Viererpack zwei Jungs, zwei Mädchen mit viel Schlamm an Schläger und Ball.

Einige aus unserer Gruppe beschäftigten sich ziemlich intensiv mit dem anderen Geschlecht, um mal zu überprüfen, ob auch all das stimmt, wovon BRAVO und Dr. Sommer regelmäßig berichteten. Selbstverständlich wurde akribisch darauf geachtet, sowas im Verborgenen zu tun!

Zu unserem täglichen Betätigungsfeld gehörte der SPAR-Selbstbedienungsladen im Dorf, obwohl unser Taschengeld bereits nach der ersten Woche gen Null tendierte – vielleicht auch gerade deshalb.

Marita war Tochter reicher Eltern und hatte selbstverständlich immer noch eine Mark in petto, während die meisten von uns bereits auf dem letzten Loch pfiffen. Sie kaufte immer korrekt ein, bezahlte bei Herrn Müller an der Kasse und verließ dann das Geschäft.

Einige von uns hingegen nahmen es nicht ganz so genau mit der Ware-gegen-Geld-Regelung. Wir mopsten uns schon mal ein Prickel-Pitt, einen Kaugummi, einen Negerkuss oder ein Eis und gaben auf diese Art und Weise den Worten „Spar“ und „Selbstbedienung“ eine völlig andere Bedeutung.

Und hätte Opa Franz noch gelebt, hätte es mir übrigens an Taschengeld nicht gemangelt und ich hätte von solchen kriminellen Energien Abstand nehmen können…….wollte ich nur mal klarstellen!

Unsere Ferien waren fast vorbei. Wir kannten jeden Frosch ringsum das Zeltlager, hatten sehr viel über Regenwürmer gelernt, konnten Burgen aus Matsche-Patsche-Sand bauen, liebten das Ballspielen im nassen Sand und so manch einer hat seine Affinität zur Küchenarbeit entdeckt.

Am vorletzten Tag schien schon früh morgens die Sonne vom blauen Himmel und strahlte so intensiv, als wollte sie uns für die letzten zwölf Tage entschädigen. Prompt holten wir uns fast alle einen Sonnenbrand. Abends wurde am Lagerfeuer Stockbrot gegrillt, das Rübezahl-Lied gesungen, selbstgemachte Brause getrunken und bis tief in die Nacht Sterne am Himmel angeguckt. Der letzte Ferientag verlief so ähnlich, nur mussten wir zusätzlich noch unsere Habseligkeiten zusammensuchen und in unseren Rucksäcken verstauen. Viele Klamotten waren klamm und verbreiteten keinen angenehmen Geruch – Oma Else und Mama Lena werden sich freuen!

Der Abschied vom Steinhuder Meer und dem Ringsherum fiel uns nicht wirklich schwer und trotzdem waren die verregneten Ferien was ganz Besonderes und blieben noch lange in unseren Köpfen.

Übrigens war zuhause in Spandau das allerschönste Sommerwetter. Die Sonne schien, der Himmel war blau, die Tage wie Samt und Seide, und zwar während der ganzen Zeit, die wir am verregneten Steinhuder Meer verbrachten.

 

20.06.2019