Besuch aus der Zone

„Karl, du hast Post aus der Zone von deiner Kusine bekommen!“

So begrüßte Mama Lena ihren Mann als er von der Arbeit nach Hause kam.

„Was schreibt sie denn so“ wollte Papa Karl wissen. Die leichte Bedrohlichkeit in Mamas Stimme war ihm selbstverständlich nicht entgangen.

„Na was wohl? Sie kommt und bringt den Ackermann mit! Die haben Ausreiseerlaubnis für acht Tage! Stell dir mal vor: Acht Tage gleich! Ich denke, die DDR-Behörden sind so knickrig mit der Bewilligung, wenn sie überhaupt eine erteilen? So manch einer wartet jahrelang darauf und gnädiges Fräulein aus Neustrelitz bekommt auf Anhieb acht Tage!“

Auf Tante Elli aus Neustrelitz war Mama nicht gut zu sprechen. Ihre Besuchsankündigung passte ihr überhaupt nicht in den Kram und schon gar nicht im Sommer, wenn es im Garten viel zu tun gab. Und dann noch mit dem Ackermann – den konnte sie überhaupt nicht verknusen! Der mit seinem Gestotter, mit dem kann man sich überhaupt nicht unterhalten.

Mama schimpfte sich richtig in Rage während Papa den ganzen Brief las, die Berliner Abendschau vom SFB guckte und die Tagesschau hintendran.

Der kannte eben seine Lena und ließ ihr Zeit, sich ordentlich auszublubbern. Widerspruch war zwecklos – und falls doch – an welcher Stelle sollte er das tun? Recht hat sie ja, schließlich ließen sich Tante Elli und Herr Ackermann immer von vorne bis hinten bedienen, und zwar von Mama Lena.

Papa ging nun mal tagsüber arbeiten und abends zeitig zu Bett, schließlich musste er am nächsten Morgen früh wieder raus.

Jetzt, wo Opa Franz nicht mehr unter uns weilte, konnte man Elli mit Anhang leider nicht mehr bei ihm parken!

Begeistert war niemand von uns, als die Zwei aus der Ostzone mit ihren Koffern vor der Tür standen. Elli plapperte gleich drauflos, bei Herrn Ackermann musste man sich aufgrund seiner nicht flüssigen Sprache rein gesprächstechnisch immer etwas gedulden.

Mama brühte Kaffee auf, stellte den Apfelkuchen auf den Tisch als Elli spitzzüngig fragte, ob dass das gute Kaffeeservice von Onkel Franz sei.

Der verbale Schlagabtausch der beiden Damen nahm Fahrt auf.

Elli erzählte von ihren wertvollen Sammeltassen, die sie wegen Anschaffung lebenswichtiger Dinge gezwungenermaßen verkaufen musste, dem guten Meißener, das sowieso in der alten Heimat blieb und ihrem derzeitigen Geschirr mit Stempel VEB sonst was.

Opas Service war von Woolworth, verkündete Mama Lena zur totalen Verblüffung von Tantchen.

Auf Ellis forsche Frage, was denn Onkel Franz sonst noch so alles hinterlassen hat, antwortete Mama kurz und knapp: Nichts! Ich kannte den ganz bestimmten Tonfall meiner Mutter – Widerspruch war sinnlos!

Das Kaffeetrinken verlief wortkarg. Nur das stetige Malmen und Knacken der Ackermannschen Kieferknochen war deutlich hörbar. Fünf Stück Kuchen mit Schlagsahne hat der verputzt – Elli nur drei! Mich zog es zu meinen Schulbüchern, sagte ich zumindest, was meine Mutter arg verwunderte.

Nach dem Abendessen verdrückte sich Mama zwecks Abwasch in die Küche, danach ins Schlafzimmer und ließ Papa mit seiner Kusine und Ackermann alleine. Dieses Szenarium wiederholte sich so ziemlich jeden Abend.

Wenn Papa ins Schlafzimmer kam, fragte Mama: „Und, was machen die morgen?“ und Papa antwortete „Woher soll ich das denn wissen!“ drehte sich um und schnarchte.

Mama stand früh auf, die beiden nicht. Mama hatte immer im Garten zu tun, die beiden machten keine Anstalten, auch nur einen Finger krumm zu machen, obwohl der Garten momentan rein jahreszeitmäßig viel Beschäftigung bot.

Sie frühstückten ausgiebig, schmiedeten Pläne, wie man wohl den Tag am besten verbringen könnte.

„Du Lena, wir wollen ins KaDeWe fahren und ein bisschen rumbummeln. Magst du mitkommen? Oder vielleicht sollten wir das Wetter nutzen und mit dem Dampfer nach Berlin reinschippern. Habe ich schon so lange nicht mehr gemacht. Das letzte Mal mit Onkel Franz und dann haben wir auf dem Schiff Bockwurst und Salat gegessen, Berliner Weiße getrunken…..“

„Das geht auch ohne Franz….“ antwortete Lena bissig. Dann wünschte sie beiden einen schönen Tag und widmete sich wieder ihrer Arbeit.

Abends, wenn mein Vater nach Hause kam, standen sie wieder pünktlich auf der Matte, damit sie auch ja nicht das leckere und vor allem kostenlose Abendessen versäumten.

Dann kam der Sonntag und Tante Elli wollte Opa Franz einen Besuch auf dem Friedhof abstatten. Einen schönen Blumenstrauß nimmt sie aus dem Garten mit, beschloss sie zum Ärger meiner Mutter und nun müsste jemand mit ihr gehen, denn sie weiß schließlich nicht, wo das Grab ihres Onkels ist.

Papa Karl wollte gemeinsam mit Herrn Ackermann zum Frühschoppen gehen, das hatte er den Stammtischfreunden in der Kneipe „Zur letzten Ecke“ neulich bereits versprochen.

Dann kann mich ja Dagmar begleiten, schlug Tante Elli vor. „Nee, geht nicht, ich muss noch einen Aufsatz schreiben, müssen wir morgen in der Schule abgeben – tut mir echt leid“ sagte ich und machte mich flugs vom Acker.

Da Mama Lena auch nicht wollte verkündete sie lakonisch, dass wir nach dem Mittagessen alle zusammen auf den Friedhof gehen – sozusagen einen Familienausflug machen!

Endlich waren die acht Tage rum und die Zwei aus Neustrelitz packen ihre Koffer. Mama begleitete sie nicht nur bis zur S-Bahn, sie fuhr sogar mit bis zum Bahnhof Friedrichstraße. Sie wollte eben sicherstellen, dass beide wieder gut rüberkommen und es sich nicht noch in letzter Minute überlegen, womöglich in West-Berlin bleiben zu wollen – schließlich hat man schon die dollsten Dinge darüber gehört und gelesen!

„Na, ist euer Besuch wieder weg?“ fragte Oma Else, die wir übrigens acht Tage lang nicht gesehen und gehört hatten.

23.06.2019