„In dubio Prosecco“

Gerne nahm er schon mal seine eigene Zunft und die Journaille aufs Korn.

Manch einem Schreiberling gab er den kollegialen Rat: „Ein Autor soll, wenn er kann, aber er soll es lassen, wenn er es nicht kann. Es traut sich ja auch keiner ans Klavier zu setzen, wenn er es nicht jahrelang gelernt hat. Mit der Sprache traut sich aber jeder.“

So war er, der Hellmuth Karasek. Leider ist er seit fast fünf Jahren tot, kann seinen 85. Geburtstag nicht mehr feiern und seine guten Ratschläge nicht mehr an den Mann und die Frau bringen.

Der angesehene Literaturwissenschaftler, Kritiker, pointiert-sarkastische Autor hat zensiert, gelobt, ausgeteilt, eingesteckt und humorvoll vor Kamera, Mikrofon und als Autor seine Meinung kundgetan.

In seinen Büchern berichtet er über sich, sein Leben, sein Umfeld, seine Erlebnisse und auch über seine Bekanntheit. Dass man ihn mit dem Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki oder mit Günter Grass verwechselte, ehrte ihn mit zunehmendem Alter mehr, als es ihn ärgerte.

Auf die Frage, was denn sein größter Fehler sei? „Mit neuen Schuhen zu verreisen“ hat er lakonisch geantwortet.

Mit einer Riesenportion Selbstironie stellte er fest: „Ich habe mir fest vorgenommen, mich nicht unter meinem Niveau zu ärgern!“ und „Das faszinierende an einem Fußballspiel ist, dass man vorher nicht weiß, wie es ausgeht!“

Karasek war der launige Plauderer, ein realistischer Gesellschaftskritiker und eine seiner treffendsten Aussage ist sicherlich immer noch diese: „In unserer Gesellschaft gilt die moralische Regel: In dubio Prosecco.“ Mehr denn je ist sie mit gleichnamigem Getränk in vieler Munde!

Die Hamburger Uni verlieh Hellmuth Karasek eine Honorarprofessur im Studienfach Theaterwissenschaften und nicht selten hat er eine Vorlesung mit dem Erzählen von so manch einem Witz aufgepeppt.

Witze liebte er sowieso und die, die er liebte vergaß er auch nicht. Doch falls das Vergessen mal eintreten sollte, hat er vorausschauend ein Hörbuch – gemeinsam mit E. v. Hirschhausen – zum Thema auf den Markt gebracht.

Besonders gerne mochte er Behindertenwitze, wie zum Beispiel diesen: Sagt der Taube zum Blinden: „Ich kann keine Behindertenwitze mehr hören.“ Sagt der Blinde: „Das sehe ich genauso.

Aber auch der stand auf seiner Favoritenliste ganz oben und wenn er ihn erzählte, konnte er ein süffisantes Schmunzeln nicht unterdrücken: Kommt ein Mann zu einer Polizeistation, sagt zum Beamten: Ich habe meine Frau geamselt. Der Beamte schaut ihn an: Sie meinen wohl gevögelt. Nein, sagt der Mann, erdrosselt.

Und dann war da noch die Sache mit IKEA. Die Eidgenossen haben den Literaturkritiker für eine Werbekampagne engagiert. Die Idee: Er bespricht den Katalog der schwedischen Möbelkette, als wäre es ein Stück Weltliteratur. Er sollte rezensieren, als sei es ein Werk von Friedrich Schiller, Thomas Mann oder Oscar Wilde. Er tat es! So mancher schlug sich vor Freude auf die Schenkel, andere rümpften abwertend die Nase.

Eine Kollegin von der schreibenden Zunft urteilte über seinen Fünf-Minuten-Werbespot: „Ich kenne Herrn Karasek. Er wäre bereits mit dem Zusammenschrauben eines Billy-Regals völlig überfordert!“ Hört sich doch eher neidisch an und nicht nach ernstzunehmender Kritik – oder?

Schade, dass es ihn, den mit der spitzen Zunge und Feder nicht mehr gibt. Selbst wenn er polarisierte, war seine Qualität eine ganz besondere: nämlich intelligent, kurzweilig, heiter, vergnüglich, lebenslustig und meistens ernsthaft aber immer an der Sache orientiert.

30.06.2019