Plötzlich hatte es Hand und Fuß

Hannelore, meine beste Freundin, zwei Jahre älter und etliche Kilos schwerer als ich, kannte sich schon ein bisschen mit Jungs aus. Locker konnte sie mit ihrem Wissen zum Thema Aufklärung mit Doktor Sommer und der BRAVO konkurrieren – dachte ich. Doch eines Tages belehrte sie mich eines Besseren! Sie nahm mich nach dem Brustschwimmtraining beiseite, heulte herzzerreißend und erzählte unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass sie ein Kind bekommt, und zwar in weniger als einem Vierteljahr.

Uiiiiih, das ist ja der Hammer! Und nun? Was sagen denn deine Eltern, wollte ich wissen. Sie zog die Schultern hoch und flennte noch lauter und erbärmlicher. Heißt das, die wissen noch gar nichts? Schluchzend nickte sie. Wer ist denn der Vater, hakte ich nach.

Na Detlef!

Welcher Detlef?

Na der Bademeister!

Das ist ja ein dickes Ding – Hanne und Detlef, das haut mich vom Hocker! Ein schmuckes Kerlchen ist der ja. Und wie alt ist er?

Dreiundzwanzig, sagt sie. Und gutes Geld verdient der auch, schiebt sie trotzig nach.

Ich war mit meinem Latein am Ende, besser gesagt, für mich waren es böhmische Dörfer von denen meine Freundin sprach; ich hatte null Ahnung!

Sollen wir mal mit meinen Eltern reden, schlug ich vor.

Mama Lena saß mit Oma Else bei Kaffee und Kuchen als wir reinplatzten und Hanne mit hochrotem Kopf von ihrem Dilemma erzählte.

„Habe ich mir doch gedacht, dass du was unterm Kittel trägst, mein Kind! Bist nen bisschen pummliger geworden – stimmt’s?“ sagte Oma Else und holte für Hanne erst mal einen Teller, legte Pflaumenkuchen und Schlagsahne drauf und ermunterte meine Freundin zu essen.

Abends telefonierten meine Eltern mit Hannes Eltern. Am Tag drauf setzten sich alle gemeinsam mit dem werdenden Vater und der Mutter zusammen und besprachen, was zu tun ist. Am 29. August wurde sie sechszehn Jahre alt, am 6. Oktober wurde standesamtlich und ohne jeglichen Schnickschnack geheiratet und zwei Tage später erblickte der Junior namens Stefan das Licht der Welt.

Die kleine Familie zog zu Hannelores Eltern in die Wohnung und ihren Schulabschluss konnte sie zunächst einmal vergessen. Dafür stand Windeln wechseln und waschen auf dem Stundenplan. Weder für unsere Square-Dance-Gruppe hatte sie Zeit geschweige denn für mich. Meine Freundin war ab sofort Ehefrau, Mutter und Hausfrau.

Umständlich versuchte mir Mama Lena bei Gelegenheit zu erklären, dass sowas von sowas kommt und bevor ich mal sowas anstelle, sollte ich besser mit ihr reden.

Na toll, jetzt war ich genauso klug wie vorher – verstanden hatte ich nix!

Wenn ich mein Wissen thematisch aufstocken wollte, musste ich wieder auf Doktor Sommer und die BRAVO zurückgreifen – dass hatte dann wenigstens Hand und Fuß!

Freundin Hannelore schloss ich als Beraterin übrigens auch aus…

02.07.2019