So hat Rita in Berlin die Wende hautnah erlebt …

In diesem Jahr jährt sich der Mauerfall zum dreißigsten Mal. Alle Welt erinnert sich – so auch Rita! In letzter Zeit war Rita außergewöhnlich still, doch wenn’s um ihre Heimatstadt Berlin geht, dann ist sie nicht zu bremsen…!

Rita mittenmang inne Weltgeschichte

Is nich mein Tag, dieser Donnerstag, der neunte November 1989. Mein Kopp brummt wie doof, im Bauch grummelt’s und ringsrum ist mir voll kodderig! Endlich is Feierabend, ick will nach Hause und mit meiner Wärmpulle ins Bett.

Zuhause hab ick mein Telefon uff leise jestellt, keen Radio, keen Fernsehen – mir einfach nur die Decke über die Ohren jezogen und gepennt.

Am nächsten Morgen war ick frisch wie een Fisch – doch inzwischen hat die Welt sich aber jewaltig jedreht und nüscht war mehr wie jestern, als ick mich ins Bett verkroch! Wusste ick aber noch nich! Wie immer schalte ick meinen Lieblingssender Radio Hundert-Komma-Sechs an und wunder mich, watt die fürn komischet Programm haben, Keene Musike, dafür lautet Autogehupe, kreischende Menschen – was is das denn und vor allem um diese Zeit? Auch beim SFB und beim RIAS is es jenauso!

Nu kommen Nachrichten: „Zehnter November 1989. Sechs Uhr. Guten Morgen meine Damen und Herren. Hier ist der Sender Freies Berlin mit Nachrichten. Berlin: Tausende haben die Grenzübergänge zu Fuß oder mit dem Auto gestürmt. In der gesamten Stadt wird gefeiert. Überall liegt man sich in den Armen…“

Wie jetzt? Is das een Joke?

Sicherheitshalber schalte ick mal die Glotze an und da loofen die Bilder passend zu den Radio-Nachrichten – inne ARD jenauso wie im Zweeten und im Dritten isset ooch nich anders.

Moment mal: Heißt das, Zonis dürfen nach Berlin-West? Hat Günter Schabowski wohl jestern Abend uff eener Pressekonferenz verkündet, sagen die im Fernsehen. Na und nun kommen sie eben alle und inne Stadt is der Teufel los, sagen die Reporter!

Nee nich – kann ick ja nich fassen! Ach du dicket Ei – und nu?

Mir is janz schwummerich, muss mich erst mal hinsetzen und nen Kaffee trinken! Ach nee, is ja gleich sieben Uhr, ick muss ja los zur Arbeit!

Im Autoradio überschlagen sich die RIAS-Live-Berichte und die Reporter sind total aus dem Häuschen, denn überall in der Stadt steppt der Bär! Bis Halensee klappt’s mit dem Auto janz juut und dann wird’s immer voller und stinkiger weil Hunderte von Trabis die klare, kalte Winterluft verpesten! Dieser Gestank jeht mir uff den Zünder – jetzt schon! Na, das kann ja noch was werden!

Der olle Adenauer…

…hätte sich vermutlich vor Freude uff die alten Schenkel jehauen, aufgrund der nächtlichen Ereignisse. Nu stehe ick mit meenem Auto an dem Platz uffm Kudamm, der nach ihm benannt is, und zwar im Stau. Nüscht jeht mehr! Ringsrum knattert und müffelt es. Es stinkt wie drüben, also uff der anderen Seite der Mauer, da wo die Rennpappen eijentlich zuhause sind. Doch nu sind se hier mitten uff der West-Berliner Flaniermeile!

Wo du hinkiekst sind Menschenmassen. Alles tanzt, singt, tobt, alle sind angeheitert, manche besoffen, viele heulen und sind glücklich!

Und ick stehe im Stau und brauche vom Adenauerplatz bis zu meenem Kaiser’s Supermarkt inne Uhlandstraße fast neunzig Minuten! Een paar Kollegen sind schon da. Die meisten unausjeschlafen und mit knalleroten Augen, weil sie die Nacht vorm Fernseher verbracht und vor Freude geflennt haben. Kaffee ham wir alle nötig und uns schwant, dass der Tag nich leicht werden wird.

Meine Prognose war jenau richtich. Eigentlich machen wir um achte früh morjens uff. Heute erst zwanzich Minuten später und watt soll ick sagen: Wir wurden förmlich vonne Leute überrollt! Die wollen nen ordentlichen Supermarkt ankieken, drin rumspazieren, allet anfassen, riechen und einfach nur mal watt anderes sehen, außer ihren Konsum-Laden oder watt sie sonst so ham.

Ein Jewimmel war das! Mir war nich klar, wie wir und die das überstehen sollten! Die hatten keen Jeld, jedenfalls kaum D-Mark und mit Ost-Mark spielen die Kinder ja nich mal im Kaufmannsladen. Wie soll das denn bloß funktionieren!

Mein Boss war fertig uff der Bereifung. Anweisungen von janz oben gab’s nicht. Die Obrigkeit in Viersen hatte vermutlich die Maueröffnung noch gar nich mitgekriegt. Die können sich das Gewimmel in Berlin sicherlich nicht vorstellen.

Also mussten wir alleene entscheiden, watt wir machen sollen! Unser Bereichsleiter wollte im Laufe des Tages mal bei uns reingucken, hat er jesagt, sagt meen Chef. Na der wird Probleme ham, von Tegel nach Wilmersdorf zu kommen!

Die meisten unserer Brüder und Schwestern vonne andre Berliner Seite waren nur am Anfassen, Riechen, Staunen und Kieken. Für die war allet so neu, wie damals für die Astronauten bei der ersten Mondlandung.

Dieser zehnte November war zwar ein ziemlich kalter Herbsttag, aber der erste hitzige und nicht zu vergleichen mit den Tagen, Wochen und Monaten, die noch folgen sollten.

Die ganze Welt freut sich mit Deutschland. Na, wenn da mal nicht der Schein trügt in Sachen Freude, dachte ick bei mir. Irjendwann is Honeymoon vorbei und der Alltag sitzt dir uff der Pelle.

Natürlich war’s dufte, dass die Mauer bröckelte und immer mehr Grenzüberjangsstellen keene Grenze mehr waren und die Ossis dahin durften, wo se schon lange hinwollten – nämlich in den Westen!

Ohne Moos nix los!

Aber für’n Westen brauchste nun mal Knete. Ohne Moos nix los! Weeß jeder von uns und unsere Freunde aus der DDR merkten es schneller als sie dreimal hintereinander „Mauerfall“ sagen konnten. Also wurde Knete umjetauscht ohne Ende. Offiziell und natürlich inoffiziell. In der jesamten DDR war die Währung schließlich die Mark der DDR und anne Tankstelle konnteste damit tanken und in jedem Laden damit bezahlen.

Mit D-Mark natürlich ooch, aber wer von den Wessis wollte das schon. Ost-Mark war eben viel billiger. Der private Umtauschkurs war einfach irre: 1:15 war Minimum, meistens noch viel höher! Der Wessi, der genug Ost-Mark hatte, koofte sich Porzellan aus Meißen, Spitze aus Plauen, Geschnitztes aus dem Erzgebirge oder vielleicht sogar Immobilien.

Der Handel blühte hier und da und dett hielt ooch bis zur Währungsunion am ersten Juli 1990.

Doch soweit war’s noch lange nich. Erst kam Weihnachten, Silvester und es verging keen einziger Tag, an dem die Freiheitsglocken nicht deutlich und heftig bimmelten. „Freude schöner Jötterfunken“ war sozusagen in aller Munde, man lag sich in den Armen, feierte miteinander und köppte so manch eene Pulle Schampus oder eben Rotkäppchen-Sprudelbrause.

Doch nach Feiertagen kommt Alltags-Blues und ooch bei all der Wendezeit-Euphorie lautete das Motto frei nach dem ollen Goethe: Nix is schwerer zu ertragen als eine Reihe von schönen Tagen!

Spannende Zeiten

Die DDR war erwiesenermaßen pleite! Die meisten Politiker von drüben hatten nüscht mehr zu sagen und unsere dafür umso mehr. Eene total uffregende Zeit brach an, die aber ooch jede Menge Ellenbogen, Durchsetzungskraft und Menschen mit Arsch in der Hose brauchte. Zum Glück jab’s damals uff beeden Seiten noch solch eene Spezies, die die Ärmel hochkrempelten und anfingen, den Grundstein für een neuet Deutschland zu legen.

Apropos Neues Deutschland: Das war das Zentralorgan der sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, und zwar bereits seit 1946. Diese Gazette rettete sich tapfer über die Wendezeit und blieb das Sprachrohr von Honecker und Co., selbst wenn die alten DDR-Bonzen mehr und mehr mundtot jemacht wurden, nüscht mehr zu sagen hatten und in ihrem idyllischen Wandlitz verrammelten.

Neue Gesichter, politische Organisationen, grüne und runde Tische erschienen uff der Bildfläche. Bärbel Bohley, Gregor Gysi, Regine Hildebrandt und janz viele Kulturschaffende standen im Rampenlicht der Wende.

Die Zeit verjing und dass noch eenem Trabi uffs Dach jekloppt wurde, kam nur noch selten vor. Wer finanziell konnte tauschte seine kleene Stinkbombe aus Pappmaschee in eenen ordentlich fahrbaren Untersatz ein – wer keen Jeld hatte, war Neese.

Allerdings war Verzicht nicht een Begriff, den die Ossis jut fanden. Schließlich hielten sie sich für die Erfinder des Verzichts überhaupt! Ihr janzet Leben lang ham sie verzichtet, nun woll’n se ooch mal echt uff die Sahne hauen, sich allet leisten können, watt wir Wessis schon immer konnten!

Wer Musike bestellt zahlt sie ooch!

Sie wollen sozusagen von A bis Z allet ham und natürlich ooch die tollsten und Reisen in die weite Weltgeschichte. Thüringer Wald, Wandern im Elbsandsteingebirge, FKK an Ostsee, Balaton und Müggelsee war jestern – nun darf es ooch jerne een Stücke weiter sein!

Reisen kostet Jeld – in weite Ferne noch viel mehr und wer nüscht hat, bleibt mit dem Allerwertesten eben zuhause! So haben wir Wessis das bisher jehandhabt, aber das wollten die von da drüben eben nich.

Denen Stand der Sinn nach Weltentdeckung, rüber übern großen Teich und noch een Stücke weiter. Malle hatten sie zwar aufm Zettel, war aber absolut nich ihr Traumziel.

Die liebe Verwandtschaft

Zeig mir mal eenen in West-Berlin, der nich ooch een bisschen Sippe im Osten oder inne Zone hat!

Also kam ick eenen schönen Tages uff die Idee, meene Kusinen plus Anhang zu mir nach Hause einzuladen und gleichzeitig die West-Bagage, die ick leiden konnte, dazu und außerdem noch een paar juute Freunde. Dann können sich alle mal beschnuppern und dett allet beim leckeren Imbiss und nen juten Glas Sekt, Wein oder Bier! Man wird ja nun wohl in Zukunft ab und zu miteinander zu tun haben, dachte ick!

Also jesacht, getan!

Salat, Buletten, Scampi mit Knofi, Baguette-Brot und gefühlt noch hundert andere kleene Schweinereien waren in der Küche büffetmäßig appetitlich in einer deutsch-spanischen Mischung hergerichtet und Getränke gut temperiert ausreichend vorhanden.

Um es mal vorwegzuschicken: Es war die dussligste Idee, die ick wohl jemals bis dahin in meinem Leben hatte!

Die Ossi-Kusinen hockten alle um den Esstisch herum, die Wessis um den Couchtisch. Die Ost-Männer kloppten Skat, tranken Bier und Kurze schneller, als Korn wachsen kann. Die Mädels verzogen keene Miene, mäkelten am Essen uff Deibel komm raus herum, qualmten ihre stinkenden Papyrossis und bliesen den Rauch in dicken Schwaden in die Luft und waren nich die Bohne kommunikativ.

Die Wessis futterten peu à peu um sich herum, tranken Rotwein, die Männer diskutierten die neuesten Automodelle und alle zusammen über ihre aktuellen Reisepläne, über ihre Kinder und Jobs und hatten jede Menge zu lachen.

Selbst Musike im Disco-Sound jestaltete den Nachmittag und Abend nich schöner und am liebsten hätte ick alle rausjeschmissen, meine Wohnung jelüftet und uffjeräumt und vom familiären Mief befreit!

Ging aber nich – immerhin war ick die Gastgeberin!

Es muss so um zehn Uhr abends jewesen sein, als meene Freundin Hannelore fragte, wie lange denn die Busse abends von hier draußen bis inne Stadt fahren. Das war der Startschuss für die Ossis! Allesamt hatten sie Schiss, nicht mehr mit Bus und Bahn nach Dunkel-Deutschland zu kommen.

Also ick habe sie weder jebremst noch uffjehalten und ihnen erklärt, dass Bus und Bahn bei uns hier rund um die Uhr im Einsatz sind!

Als wir dann kurz daruff unter uns waren, hatten wir noch eenen schönen Abend, mit kalten Getränken und heißen Gesprächen.

Ein Familientreffen in dieser Art fand niemals wieder statt – jedenfalls nich unter meener Regie!

07.08.2019