Gerda und Heinz: Feiern mit Selbstbedienung

Du Gerda, wir haben Post bekommen. Fühlt sich an wie ne Klappkarte….

Mit nem schwarzen Rand drum rum?

Nööö, eher nicht – sieht hell und freundlich aus am Rand.

Also aufn Friedhof müssen wir nicht. Wer ist denn der Absender, Heinz?

Niemand!

Was heißt denn niemand? Irgendwer muss doch die Karte verschickt haben…

Der Absender ist so lütt, ich hol mal meine Brille!

Ach Mensch Gerda, da kommste nie drauf, wer geschrieben hat…

Nu sag schon, Heinz!

Die Werners haben uns zum runden Geburtstag von Willi eingeladen. Willi wird sechzig und in den Ruhestand geht er auch noch. Außerdem feiert er mit seiner Frau den dreißigsten Hochzeitstag und seine Mutter wird neunzig.

Donnerlittchen, vier Fliegen mit einer Klatsche…

Wie meinste, Gerda?

Na vier Anlässe unter einen Hut bringen, ist nicht so einfach, meine ich. Da brauchste ja zu den einzelnen Anlässen auch die passrechten Gäste. Na und dann müssen alle untereinander auch irgendwie zueinander passen! Das wird nicht so einfach werden, Heinz – denk an meine Worte!

Du hast doch immer an allem was auszusetzen, Gerda. Wer sagt dir denn, dass das kein rauschendes Fest wird?

Meine Menschenkenntnis und meine Lebenserfahrung, Heinz! Positiv ist nur der Kostenfaktor. Willi wird mit seiner alten Dame fifty-fifty machen.

Kann sein, ist doch aber pfiffig – oder? Erklär mir aber mal, warum du das sonst so negativ siehst.

Also der erste Punkt ist, dass Helga damals aus Ost-Berlin rübergemacht hat. Die ist doch seinerzeit nach einem Familienfest hiergeblieben – oder?

Stimmt, Anfang 1989 ist doch ihre Oma in Bremen gestorben und Helga durfte zur Beerdigung. Danach war die DDR für sie auch gestorben – sie hat ihren Hauptwohnsitz einfach nach hier verlegt! Na und denn hat sie Willi kennengelernt und als die Mauer fiel war sie längst verheiratet und schwanger.

Ja und was hat das mit dem Hochzeitstag zu tun?

Verwandtschaft und Freunde aus dem Osten kommen garantiert zur Feier, Heinz.

Keine Ahnung, Gerda, ist doch nicht schlimm! Deine Verwandtschaft kommt schließlich auch manchmal aus Berlin zu uns.

Na klar, die ist aber auch nicht aus dem Osten! Und die ist auch nicht neidisch, dass du schon ein paar Jahre im Vorruhestand bist und es dir mit mir gemeinsam echt gut geht. Du weißt doch ganz genau, was für ein Gejammer immer los ist, wenn Ossis und Wessis aufeinandertreffen. Das geht doch selten gut – schon alleine die unterschiedlichen Familien… Also ich prophezeie dir schon mal, Heinz, da gibt’s Querelen und böses Blut!

Glaube ich nicht, Willi ist ein toller Kumpel, den kenn ich schon seit der Schulzeit. Na und Helga ist doch auch ganz nett…

Eben, Heinz, Helga ist auch ganz nett – du sagst es! Vor allem ganz nett – das nett heißt schließlich…

Sei still Gerda, ich weiß, was du sagen willst. Ich gebe ja zu, dass Helga im Herzen immer noch ein Zoni ist. Was die manchmal auf den Tisch bringt, wenn wir eingeladen sind…

Na und da ist Soljanka noch das Schmackhafteste aus ihrem Repertoire!

Aber flott sieht sie noch immer aus!

Vorsicht Heinz, du bewegst dich gerade auf sehr dünnem Eis…!

Wie jetzt? Ich rede von Willis Mutter…kaum Falten, viele Haare aufm Kopp, fesch gekleidet – die alte Dame sieht echt flott aus für ihre neunzig Lenze und geht für Mitte siebzig locker durch. Was soll man der denn schenken?

Wird sich finden, Heinz, is ja noch nicht so weit! Wie war doch das Datum?

Ende Oktober. Ist nen Sonntag und gefeiert wird in der Nobel-Klitsche am Park zum Brunch ab elf Uhr.

Also Heinz, so ein Familien-Ringelpiez-mit-Anfassen geht mir völlig gegen den Strich! Familie, Freunde, Wegbegleiter, Arbeitskollegen und Generation 80plus – alle an einem Tisch – das kann doch nicht gutgehen. Was meinste denn, wie viele da eingeladen sind?

Na wenn’s nach Willi geht, würde der Stammtisch in unserer Skatkneipe reichen, seine Frauen sind fürs Pompöse…aber warum fragste denn, Gerda?

Ganz einfach: was soll ich anziehen?

Ist doch bloß nen Frühstück, da haste oft nur nen Morgenmantel an und…

Mensch Heinz, wir brunchen in einem feinen Etablissement und da gehört nun mal eine gewisse Kleiderordnung zum guten Ton! Da trete ich doch nicht als Lumpen-Lieschen auf und du übrigens auch nicht!

Was heißt das, Gerda? Muss ich den feinen Zwirn aus dem Schrank holen?

Und nen Schlips bindest du auch um, Heinz!

In so einem Laden? Das ist doch nen Selbstbedienungsrestaurant – also McDonald für Betuchte sozusagen! Und da soll ich mit Schlips und Kragen und womöglich noch Lackschuhen rumrennen? Nee Gerda, da denk noch mal drüber nach, ob wir an diesem Tag nicht schon was Anderes vorhaben…Wolltest du nicht mal wieder ins Alte Land zur Apfelernte? Ende Oktober ist doch ne gute Zeit dafür. Da sind so ziemlich alle Appelsorten reif, Birnen auch und sonntags haben auch die Hofläden alle auf…

Gib dir keine Mühe, Heinz! An diesem Sonntag im Oktober gehen wir aufgetakelt und total chic zum Brunch und da feiern wir kräftig mit…Ist da eigentlich auch was für nach dem Frühstück geplant? Am besten ist, du rufst Willi gleich mal an…………

02.09.2019