First Date mit Lupo

First Date kennt man von VOX oder aus dem Selbstversuch, nämlich voll in Schale schmeißen, rote Rose im Knopfloch, Parfümwolke, kostspieliges Candle-Light-Dinner, Herzklopfen kostenlos und so.

Lupo eher von Zoobesuchen, aus Büchern, Märchen und Tierfilmen und schimpfenden Züchtern und Bauern.

Heute ist es grau, trotzdem warm. Im Wald an diesem Frühherbsttag ziemlich düster, kein Sonnenstrahl durchbricht die Baumkronen. Auf Schritt und Tritt knistern trockene Blätter und trockenes Geäst geheimnisvoll. Sonst ist es still. Selbst der Wind scheint eingeschlafen zu sein. Wenn jetzt noch Vollmond wäre……

Ist aber nicht!

Da sind sie – die Wölfe! Canis lupos wie die Lateiner sagen.

Der Wolf ist was ganz Besonderes, sagenumwoben und mystisch zugleich. Wolfcenter-Besucher in Dörverden sind neugierig auf diesen Vierbeiner. Manche bestaunen und respektieren ihn – andere betrachten ihn mit sehr viel Missfallen, andere mit ehrfürchtiger Bewunderung und sind fasziniert von der leibhaftigen Märchen- und Bösewicht-Figur.

Doch manch ein Besucher fragt sich aber auch, warum diesen Wölfen die Freiheit genommen wurde, warum sie in Gefangenschaft aufwachsen müssen, warum sie nicht artgerecht in Wald und Feld leben, sondern hinter Gittern ihr Dasein fristen müssen.

Na gut, ist nun mal so! Hinterm Zaun liegen einige Wölfe auf dem sandigen Waldboden und dösen vor sich hin. Manche blinzeln müde in Richtung Besucher vorm Zaun, die ihretwegen gekommen sind.

Vielleicht ist es aber auch umgekehrt und die menschenscheuen Waldbewohner sind die Beobachter…

Sonntagnachmittag. Im Wolfcenter in ist ganz schön was los. Draußen vorm Absperrzaun Wölfe und ihre Fans, drinnen im SB-Restaurant und auf der Terrasse Menschen mit Kaffeedurst, Lust auf Kuchen und anderen Schnickschnack.

Oma und Opa mit zwei aufgeweckt tobenden Enkeln am Tisch neben der Hecke, gegenüber die kleine Pummlige mit dem großen Schlaksigen, dann noch die Zwei mittleren Alters, die nicht miteinander reden, jedoch identische Ringe am Finger tragen.

Am Nebentisch ein Pärchen, so Mitte Dreißig. Ihrer Unterhaltung ist zu entnehmen, dass sie sich im Internet-Chat kennengelernt haben und nun ihr first date im Wolfcenter haben.

Der Zuhörer staunt: Erstes Treffen bei den Lupos – wie krass ist das denn…! Wie kommt man auf diese Idee?

Sie ein wenig farblos vom Scheitel bis zur Sohle. Langes, dünnes Haar in Straßenköter-blond, selbstgehäkelter Schal passend zur rustikalen Umhängetasche, vom Verschleiß gezeichnete Jeans, der Schlabber-Pulli farblich undefinierbar, derbe Sandalen, keine Socken dafür sichtbare Hornhaut.

Der Mann, der ihr gegenübersitzt, hat dickes hellbraunes Haar, ein fröhliches Gesicht mit Dreitagebart, verwaschenes Shirt und ebensolche Shorts. Sieht echt verwegen aus, der sonnengebräunte Typ. Scheint ein Frischluft-Fan zu sein. Und guten Appetit hat er offensichtlich auch, denn vor ihm steht ein Tablett mit einem Stück Erdbeertorte und einem noch größerem Schwarzwälder Kirsch – jeweils mit Schlagsahne.

Sie isst nichts, sie nippt am Wasserglas, er redet mit vollem Mund. Seit kurzem ist er Single, seit langem Landschaftsgärtner, sein Hobby ist Wassersport, und zwar schon immer!

Sie ist seit gut fünf Jahren solo, doch nun tickt ihre biologische Uhr unüberhörbar und sie sucht einen samenspendenden Traumprinzen.

Ach was, sagt er und isst genüsslich weiter. Im Wolfcenter gibt’s auch Welpen, weiß er. Sogar einige, die per Hand aufgepäppelt werden.

Hundert Meter weiter haben sich indes die Wolf-Interessierten-Center-Gäste um die Besucherführerin versammelt, lauschen ihren Worten, stellen Fragen und warten auf die Fütterung der eigentlich scheuen und doch so gefürchteten Waldbewohner. Im Park sind europäische Grauwölfe, weiße Hudson-Bay- und kanadische Vertreter dieser Spezies ansässig. Die Wolfkennerin beschreibt die Charaktere dieser beeindruckenden Vierbeiner, die so vielfältig sind, wie wir Menschen und sie spricht von der enorm hohen sozialen Kompetenz der Wölfe.

Wer von Wölfen redet, darf selbstverständlich das Heulen nicht vergessen und die Wolf-Kennerin animiert die Besucher mal so zu tun, als würden sie die Urahnen der Schäferhunde herbeirufen wollen. Obwohl die Zweibeiner zum Ohrenzuhalten erbärmlich heulen, antworten einige Wölfe tatsächlich. Na ja, ist irgendwie auch deren Job: Heulen gegen Fressen – oder so ähnlich!

Erschrocken und furchtsam recken die Restaurant-Besucher ihre Hälse, Kinder krabbeln zu ihren Eltern auf den Schoß.

Am Nachbartisch kratzt er mit der Kuchengabel die letzten Tortenkrümel zusammen, das graue Mäuschen schwärmt von den Kindern ihrer zahlreichen Geschwister und einem idyllischen Häuschen im Grünen. Er hingegen träumt laut von einer Atlantiküberquerung auf einem Katamaran.

Gemeinsam werden die Zwei vermutlich nicht nochmals den Wolfcenterbewohnern einen Besuch abstatten und ob sie zusammen mit den Wölfen heulen, steht sicherlich in den Sternen.

Fest steht allerdings, dass man als Besucher dieser Anlage die gewonnenen Eindrücke erst einmal verdauen muss.

Gemischte Gefühle machen sich breit, ich bin hin und her gerissen. Entzückt von diesen schönen Tieren, traurig berührt mich ihre Gefangenschaft. Mal wieder macht sich mein Gewissenskonflikt breit, den ich beim Zoobesuch habe. Bereits seit Jahrzehnten verkneife ich mir jede Zirkus- oder Varietévorstellung, die mit Wildtieren zu tun hat.

Dieses Erlebnis ist für mich ziemlich ambivalent…das erste Rendezvous vorm Wolfsgehege allerdings auch!

18.09.2019