Der neunte November – der Countdown läuft

Deutschland erinnert sich.

Kein Sender, keine Zeitung, kein einziges Medium will sich nachsagen lassen, den Schuss nicht gehört zu haben. Sondersendungen, Reportagen, Talk-Runden, Hochglanzmagazine – zurzeit wird all das in Erinnerung gerufen und aufgewärmt, was sich vor dreißig Jahren in Deutschland ereignete.

Damals wurde Geschichte geschrieben. In Ost und West, in Nord und Süd, in den östlichen Nachbarstaaten, bei den Alliierten, die damals in Deutschland das Sagen hatten. Weltweit standen DDR und BRD im Mittelpunkt der Berichterstattung.

Die Fluchtwelle im Sommer 1989 der DDR-Bürger, Dietrich Genscher und die Prager Botschaft, der 40. Jahrestag der DDR, die Montagsdemos in Leipzig – viele Geschehnisse bis am neunten November des Jahres die Mauer Löcher und Risse bekam.

Drei Jahrzehnte sind nun vergangen. Die DDR gibt’s nicht mehr. Die SED auch nicht. Ost-Mark ist Schnee von gestern. Konsum und HO längst abgeschafft.

Volkspolizei und Stasi stehen im Geschichtsbuch.

Wirklich? Sind sie echt weg?

Vopos waren immerhin Menschen, Stasi-Mitarbeiter auch. Die konnten nicht einfach so abgeschafft werden, wie eine Partei, ein Kaufmannsladen oder Trabbi.

Wo sind diese Menschen geblieben und was machen sie heute? Selbstverständlich leben sie unter uns – wo sonst?

Allein 7.000 hauptamtliche Mitarbeiter waren beim Ministeriums für Staatssicherheit angestellt. Hinzu kamen etwa 180.000 informelle Mitarbeiter (IM), die das MfS im Wende-Herbst 1989 verzeichnete. Jede Menge SED-Partei-Bonzen, Volkspolizisten, Grenzpolizisten, Abschnittsbevollmächtigte und wie man sie alle nannte, gehörten zu den tausendprozentig linientreuen Erfüllungsgehilfen im Staatsdienst der DDR.

Etliche sind gleich damals über alle Berge verschwunden, haben die Kurve gekratzt, nicht wenige in andere sozialistische Bruderstaaten wie z. B. nach Chile oder Kuba. Viele hat es aus biologischen Gründen dahingerafft. Manch einer hat sich heimlich, still und leise auf seine Datsche verzogen oder ein neues Leben aufgebaut – völlig unspektakulär und unerkannt, vielleicht unter falschem Namen – wer weiß das schon.

Und all die anderen? Wo stecken sie? Kennen wir sie?

Sie sind Nachbarn, Kollegen, Busfahrer, Stammtischbrüder, Köche, Fernsehstars, Urlaubsbekanntschaften, Verkäufer, Kneipenwirte, Freunde, Helfer, Lebenspartner, Traumschiffkapitäne, Biobauern, Bundestagsabgeordnete, Erzieher und Lehrer – was auch immer – sie sind unter uns!

Wer zur Wendezeit zwanzig Jahre alt war, ist jetzt fünfzig. Damals Dreißigjährige bereiten sich heute langsam auf Rente und Ruhestand vor. Studienabgänger der DDR-Unis sind Journalisten, Mediziner, Doktoren, Professoren, Menschen in Führungspositionen in Politik und Wirtschaft oder üben andere honorige Berufe aus.

 

Da sind aber auch die, die ihre DDR-Ideologien noch immer im Herzen und Kopf tragen, sie lieben, achten und leben. Die noch immer dem Regime nachtrauern, die alte SED vermissen, stets auf der Suche nach dem ewig Gestrigen sind. Die, die nur allzu gerne noch bei der Firma „Horch & Lausch“ in Lohn und Brot ständen und nebenher auch den zuverlässigen und wachsamen Blockwart gäben.

Sie alle sind irgendwo.

Aber auch die Wendeverlierer sind da. Sie fahren keinen SUV und nicht in den Urlaub. Sie interessieren sich nicht für Börsenkurse, sie leben trotz Arbeit vom Staat, sammeln manchmal sogar leere Flaschen aus den Papierkörben im Park, kaufen bei Penny und Co. und schicken ihre Kinder nicht in die Elite-Schule und ihr C & A ist die lokale Kleiderkammer.

Doch das ist mittlerweile eine gesamtdeutsche Entwicklung und völlig unabhängig von Ost, West, Nord oder Süd! Jede Zeit und jede Gesellschaft hat eben Verlierer…

11.10.2019