Manni will blau

Es riecht nicht nur nach Frühling, es ist Frühling. Die Bäume tragen ein zartgrünes Kleid, die Tulpen blühen und auch der Flieder hat schon dicke Knospen. Das ist der Startschuss für alle Laubenpieper, Terrassen- und Balkonbesitzer, um die Gartencenter zu erstürmen. Manche stürzen sich alleine ins Getümmel, um die Angebote der diesjährigen Pflanzenmode in Ruhe zu betrachten und auszuwählen. Andere nehmen die lieben Kleinen mit und für die hat sich das In-Ruhe-betrachten-und-auswählen ohnehin schon von selbst erledigt. Und dann sind da noch die Zweiergespanne, mit oder ohne Trauschein und in allen Altersklassen.

Ein solches Paar begegnete mir im Gartencenter und irgendwie kreuzten sich unsere Wege immer wieder auf seltsame Weise.

Sie, pummelig und um die Fünfzig, blond gefärbte Mähne, Fingernägel und Lippen in knallrot, topmodernes Outfit – rundum sehr gepflegt.

Er, kernig und fast ohne Bierbäuchlein, kurzer Stoppelhaarschnitt in straßenköterblond, gesunde Bräune, gut sitzende Jeans, T-Shirt und flotter Seidenblouson – echt modisch.

Er fummelt den Chip in den Schlitz der Einkaufskarre, um sie abzuketten. Geschickt stellt er sich nicht an, sie hilft ihm und dann klappt’s auch. Beide schieben los, ich auch. Der Laden wimmelt nur so von Menschen und Einkaufswagen. Das Centerpersonal auch mittendrin. Diese Damen und Herren schieben große Blumenregale durch die Gänge und füllen die Lücken auf den Blumentischen auf. Sie schaffen neue Ware ran, damit die Kundschaft die Qual der Wahl hat.

Mich ziehen die Hortensien magisch an. Riesengroße und murklig kleine in weiß, blau und pink, in voller Blüte oder noch knospig und in allen Preisklassen. Überall stehen Warnhinweise, diese Pflanzen erst nach den Eisheiligen ins Freie zu stellen. Also kommen die schon mal für mich nicht in Betracht; die Pflanzen die ich kaufen werde, müssen abgehärtet sein und nicht vor der kalten Sophie und ihren Mitstreitern in die Knie gehen. Und bis Mitte Mai möchte ich mit dem Kauf auch nicht warten! Aber toll sehen sie aus, die Hortensien.

Geranien, hängend und stehend, rot, weiss, rosa und zweifarbig gesprenkelt. Verbenen in rot, rosa, lila und blaßblau. Die gefallen mir. Die schau ich mir mal näher an.

Die beiden von vorhin stehen neben mir. Im Einkaufswagen haben sie Stiefmütterchen, Schweizer Riesen, in gelb und einen Margaritenhochstamm in weiß. Paßt doch gar nicht zusammen. Die Geschmäcker sind eben verschieden. Nun grapscht sie nach den dunkelroten Verbenen, die so dunkelrot wie Baccararosen sind. Von denen gibt es nur vier Stück und die will ich. Schwuppdiwupp da hat sie schon zwei von denen in ihren Fingern. Mensch, was soll das?

Manni guck mal, gefallen sie dir? Nee, blau find ich besser, sagt Manni.

Aha, Manni heißt das Goldstück im Seidenblouson.

In blau gibt es aber keine Geranien, antwortet sie. Und Margariten auch nicht. Warum nimmst du nicht den Enzian, der ist doch blau und die da drüben sind auch blau. Enzian ist eine Gebirgsblume, die hat auf der Terrasse nichts zu suchen, der Enzian steht unter Naturschutz.

Kann ja wohl nicht stimmen, dann dürften die den hier nicht verkaufen. Enzian gibt’s auch in der Kneipe, sagt Manni und da steht er im Regal! Manni sieht genervt auf seine Armbanduhr und zeigt wieder auf die anderen blauen Töpfe dahinten rechts.

Ganz schön protziges Teil, die Uhr an seinem linken Handgelenk. Gnädige Frau trägt auch ihren Familienschmuck spazieren. Ohrringe, Fingerringe und gleich zwei Ketten um den Hals – macht keinen billigen Eindruck.

Herrgott, kannste dich nun mal entscheiden Gabi, herrscht Manni sie an. Wir müssen um 17 Uhr zuhause sein. Ja ja, ich weiß, aber das geht nun mal nicht so schnell; die Blumenauswahl und die Zusammenstellung will überlegt sein, kontert sie.

Oh Manni schau mal, der schöne Lavendel! Und der blüht so schön und so lange und der riecht so gut!

Manni verdreht die Augen. Wie jetzt, sagt Gabi, Lavendel blüht blau und du willst doch blaue Blumen. Also nun such ich schon nach was Blauem und nun ist es dir auch wieder nicht recht. Nimm doch was du willst, muffelt Manni zurück und hält einen hellblau blühenden Topf hoch. Das ist keine Pflanze, sagt Gabi, das ist Bohnenkraut.

Sieht aber toll aus und paßt so schön zu den Weißen hier.

Hast du nicht gehört: dass ist Bohnenkraut! Das macht man an Salat und an grüne Bohnen, das ist ein Gewürz und keine Balkonblume.

Dann eben nicht, brubbelt Manni sich in den nicht vorhandenen Bart und knallt den Topf auf den Tisch zurück.

Gabi stiefelt zu den Rosen. Keine von denen blüht. Ist noch zu früh, die fangen erste Ende Mai Anfang Juni mit dem Blühen an. Deshalb nennt man den Juni  auch den Rosenmonat. So was weiß man als Laubenpieper und Balkongärtner.

Guck mal Manni, die ist gelb mit roten Streifen und die hier, ist die nicht schön orange. Was willste den mit Rosen, da haben wir doch schon jede Menge, knurrt Manni laut und deutlich zurück. Und Farben kann ich nun wirklich nicht erkennen!

Rosen kann man nie genug haben, kontert Gabi.

Wollen wir nicht Männertreu nehmen, das ist im Angebot und das gibt es in weiß und blau?

Männertreu, Männertreu, das gibt es sowieso nur in der Botanik, sonst ist es ausgestorben, giftet Gabi ihren Manni an.

Und Erde brauchen wir auch noch, ich geh schon mal rüber und hole ein paar Tüten, sagt Manni und schiebt mit dem Wagen los. Typisch, hau du nur ab und laß mich alles alleine entscheiden, mault Gabi. Manni schiebt mit dem Wagen los.

Inzwischen habe ich ein paar pinkfarbene Geranien in meinen Einkaufswagen gestellt, ebenso einen Sechserpack weißes Männetreu und ein paar kräftigrosa Dahlien. Lavendel und ein paar Kräuter nehme ich auch mit. Mal sehen, was noch dazu paßt – nicht nur farblich, auch meinem Geldbeutel.

Ein paar Kiddis spielen Kriegezeck und Verstecken zwischen den großen Pflanzen, mittelgroßen Bäumchen und den Teilen, die irgendwann mal zu Hecken und Büschen heranwachsen sollen.

Eins der Kinder fängt sich einen Katzenkopf ein und schreit wie am Spieß. Die anderen lassen sich nicht stören und hüpfen weiterhin fröhlich durchs teure Grün.

Manni hat den Wagen mit Erde beladen und hält Ausschau nach seiner Gabi. Er karrt durch die Reihen und sieht ziemlich angriffslustig aus und eine dicke Zornesfalte prangt auf seiner Stirn. Er holt sein Handy raus und siehe da, ein paar Meter weiter bimmelt es und da steht auch Gabi. Hier bin ich Liebling, ruft Gabi und wedelt mit dem Arm durch die Luft. Nur mit einem, denn im anderen hat sie eine Kiste mit Studentenblumen. Manni eilt ihr entgegen. Wo steckst du denn bloß, überall suche ich dich schon! Was willste denn mit dem Zeug, die sind orange und du wolltest doch was in rot, sagt Manni. Ja natürlich, aber du willst alles in blau.

Mir scheint, als wären Gabi und Manni sich nicht ganz grün.

Ich bummel langsam in Richtung Kasse. Man, ist das da voll! Und was die Leute da alles im Wagen haben – da stehe ich ja ewige Zeiten an. Oh toll, da macht noch eine zusätzliche Kasse auf und ich schiebe gleich mal da hin. Fast hätte ich es geschafft, die Erste zu sein, aber Manni und Gabi waren schneller.

Wortkarg knallt Manni alles aus dem Einkaufswagen auf das Laufband. Die Kassiererin grüßt freundlich, scannt die Ware ein und nennt ihm den Preis. Er sucht seine Brieftasche und findet sie nicht. Da grinst Gabi ihn an und sagt: Laß mal Schatz, ich zahl das schon!

Endlich bin ich dran, bezahle, packe die Pflanzen ein und fahre zufrieden nach Hause. Unterhaltsam ist es schon, ein Gartencenter zum Beginn der Saison zu besuchen. Und schön ist es, alleine die Pflanzenauswahl treffen zu können, finde ich!

April 2005

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