Tigi geht flöten …

Tigis neueste Errungenschaft ist eine Flöte. Die hat er am letzten Sonnabend auf dem Trödelmarkt einem Zwölfjährigen für drei Euro abgeluchst. Ein Notenheft war auch noch dabei. Jetzt übt Tigi schon die ganze Woche wie doof und wir haben die Befürchtung, dass die Nachbarn das nicht mehr lange ertragen. Heute habe ich unserem Fellträger vorgeschlagen, das Üben in der freien Wildbahn fortzusetzen, schließlich ist das Wetter sommerlich warm, kein Regenschauer in Sicht und frische Luft ist auch für Tiger gut.

Mein Vorschlag hat Tigi hinsichtlich des schönen Wetters sehr beeindruckt, unsere heimische Terrasse allerdings noch mehr. Jetzt liegt er also draußen im Liegestuhl zwischen blühenden rosaroten Rosen, duftendem blauen Lavendel, Schnittlauch und Rosmarin, das Notenheft aufgeschlagen vor sich und die Flöte im Maul. Dem Instrument entweichen grauselige Töne, die Gänsehaut beim Zuhörer hervorrufen. Unsere Nachbarn haben scheinbar das Weite gesucht, jedenfalls ist niemand zu sehen oder kommt mit erhobenem Kochlöffel und zeternd aus der Wohnung gerannt.

Setz wenigstens deine Tarnkappe auf, raten wir Tigi und fahren zum Eis essen. Auf dem Weg zur Eisdiele kommt uns ein Streifenwagen entgegen, den wir aber tunlichst ignorieren.

Zuhause haben sich inzwischen ein paar Freunde von Tigi eingefunden, die sich von seinem grässlichen Gejaule beim Mittagsschlaf gestört fühlen. Herr und Frau Grabowski und der Rest der Maulwurffamilie, die Eichhörnchen und selbstverständlich die Krokodile Emil und Karl fordern ihn auf, unverzüglich mit der Flöterei aufzuhören. Und dann noch Weihnachtslieder! Kommet ihr Hirten, ihr Männer und Frau’n muss man ja nun wirklich nicht im Sommer spielen – selbst wenn man spielen könnte, wäre es sehr unpassend!

Dann hält der Streifenwagen auf dem Parkplatz, die beiden Polizisten setzen beim Aussteigen ihre Mützen auf, ziehen ihre Uniformjacken an, knöpfen sie zu und nehmen Kurs auf die Terrasse.

In Windeseile flüchten die Maulwürfe in die Kirschlorbeerhecke, die Eichhörnchen klettern auf die Rotbuche und Karl und Emil stülpen sich ihre Tarnkappen über und wagen nicht mehr, Luft zu holen.

„Hallo Tigi“ begrüßen die Beamten unseren Flötenspieler. „Hast du schon gehört, drüben im Park findet heute ein großes Open-Air-Konzert statt und dem Orchester fehlt ein Flötist. Willst du da nicht aushelfen? Also eh du hier zum öffentlichen Ärgernis wirst, kannst du deine falschen Töne lieber vor Publikum blasen! Komm, wir fahren dich hin!“

Das ist genau das Richtige für unseren eitlen Fatzke namens Tigi: Der Maestro erhebt sich, lässt sich noch mehrfach bitten, aber seine Augen strahlen vor Begeisterung, doch zunächst ziert er sich wie ne Zicke am Strick, „Ach nee, lieber nicht, vielleicht kenne ich nicht die Lieder, die die da spielen, mein Fell ist auch nicht ordentlich gebürstet, meine Tarnkappe ist in der Wäsche, wer weiß, ob die da einen Notenständer für mein Heft haben….“ Hundert blöde Einwände hat er parat, obwohl er eigentlich vor Aufregung schon kräftig mit den Pfoten schart und es kaum erwarten kann, endlich in den Park zu kommen.

„Wann hört denn endlich das fürchterliche Gejaule auf!“ schreit auf einmal jemand und unser liebstes Haustier Tigi erwacht aus seinem wundervollen Tagtraum. In seiner Fantasie sah er sich als Flötensolist auf der Bühne, man warf ihm Rosen zu, man umjubelte ihn und er nahm stehende Ovationen des Publikums entgegen.

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