Herr Holger Langbein

Können Sie sich noch an den Orkan Xaver vom Dezember 2013 erinnern? Der war heftig, mein lieber Herr Gesangverein! Ganz viel ging in Norddeutschland zu Bruch, Bäume kippten um wie Grashalme, Dächer wirbelten durch die Gegend, Autos wurden beschädigt und leider kamen auch Menschen und Tiere zu Schaden.

Auch wir hatten einen familiären Todesfall zu beklagen. Bei uns ging Herr Langbein hops. Ein gutes Jahr hat er mit uns unter einem Dach gelebt. Herr Langbein und wir waren nicht wirklich Freunde, aber waren aneinander gewöhnt und wir haben uns gegenseitig respektiert. Wenn man quasi solange zusammenlebt, lernt man sich auch ganz gut kennen und vor allem auch die Macken des anderen.

Klar, über Tote soll man nicht schlecht reden, aber ich denke, man muss sich auch mal was von der Seele reden können. Drum will ich erzählen, was Holger Langbein für einer war.

Damit man einen Eindruck von ihm bekommt habe ich mal ein paar Fotos rausgesucht, auf denen er ganz gut getroffen ist. Sechs ziemlich lange Beine, immer in schwarz gekleidet und immer hatte er ein Netz dabei, damit er jeden Fang nach Hause schleppen konnte – an diesem Outfit erkannte man ihn. Seine Behausung war unter der Dachrinne an unserem Schlafzimmerfenster.

Na ja, und da muss ich nun auch erwähnen, dass er sich gerne von oben abseilte, durch unser Fenster guckte, wenn wir uns in diesem Raum bzw. im Bett aufhielten. Also mal ehrlich und ganz unter uns: Eine gewisse Affinität zum Spannen kann ich ihm nicht absprechen! Oft haben wir natürlich auch die Gardine vorgezogen, aber dann hat er immer wieder einen Spalt oder eine Ritze gefunden, uns trotzdem zu beobachten.

Na ja und dann kam Xaver, der gewaltige Orkan und von dem wurde Herr Langbein wohl mitgerissen. Als Xaver sich vom Acker machte, tauchten alle Verwüstungen, die der angerichtet hatte, auf, aber unser Herr Holger Langbein blieb verschollen.

Manchmal, wenn wir im Schlafzimmer sind, abends im Bett liegen, schauen mein Mann und ich – verstohlen und etwas traurig – zum Fenster und ich bin sicher, auch mein Mann denkt an unseren sechsbeinigen Spanner!

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