Doris und ihr kleines Reich

Das Waschhaus in der Wohnanlage ist ihre Welt. Keine Ahnung, wie das mit dem Waschhaus und ihr mal begonnen hat. Bestimmt ist der bisherige Betreiber abgesprungen, weil ihm die Knochenarbeit zu schwer war. Ein neuer Pächter musste her und schon war Doris zur Stelle. Die Arbeit im Waschhaus bringt kaum Geld, denn die Eigentümer sind geizig und zahlen einen Hungerlohn. Aber bislang zahlten viele Kunden gute Trinkgelder. Leider sind die Kunden knapper geworden, somit die Trinkgelder auch. Die alten Leute in der Wohnanlage sterben weg oder kommen ins Heim. Die Berufstätigen, Familien und auch junge Leute haben meist selbst eine Waschmaschine und einen Trockner zuhause und manche kommen nur noch, um Tischdecken oder Bettwäsche zu mangeln. Das sind aber nicht viele und wenn sie doch noch kommen, dann geben sie auch kein Trinkgeld. Dann sind sie in Eile und halten sich nicht lange auf.

Dieses Waschhaus mit seinen acht Waschmaschinen, sechs Wäschetrocknern und vier Heißmangeln ist auch ein sozialer Treffpunkt. Hier wird Klatsch und Tratsch ausgetauscht und verbreitet, wie auf einem Marktplatz oder im Tante-Emma-Laden. Fast alle, die zum Wäschewaschen kommen, wollen sich auch mitteilen oder unterhalten. Zeit ist allemal dafür da, denn während die Maschine die Wäsche wäscht, der Trockner sie trocknet, bleibt Zeit zum Reden.

Die Müllern aus dem Haus 29 lästert über ihre Nachbarin, die viele männliche Besucher in ihrer Wohnung empfängt. Sie weiß auch zu berichten, dass der eine Türke vom Supermarkt einen Sohn hat und der hat Läuse aus der Schule mit nach Hause gebracht. Frau Weber ärgert sich über die verfärbte Wäsche und meckert ihren Mann an, der sich beim Zeitungslesen gestört fühlt. Ihm ist’s egal, ob seine Unterhosen nun lila sind und er steckt sich eine Zigarette an, denn rauchen ist hier nicht verboten. Die kleine Pummlige im roten Pulli schiebt ihre Wäsche durch die Mangel. Sie ist so klein und macht regelrecht Klimmzüge und renkt sich fast die Arme aus, um die Tischdecken durch die Mangel zu schieben. Eine andere Frau mit rotlackierten Fingernägeln zerrt Wäsche aus dem Trockner in einen Korb, um sie dann auf dem Tisch ordentlich und penibel zusammenzulegen.

Doris ackert auch wie wild. Sie hat fünf Maschinen am Laufen, denn eine Kundin hat ihr die Wäsche gebracht, um sie in drei Stunden wieder schrankfertig abzuholen. Das bringt gutes Trinkgeld, denkt Doris und arbeitet weiter. Sie beteiligt sich selten an den Gesprächen. Als Geschäftsfrau darf man das nicht machen, das nehmen die Leute übel, sagt sie immer. Aber zuhören tut sie schon und ihrer Nachbarin erzählt sie später brühwarm die Neuigkeiten.

Doris Mann ist auch regelmäßig im Waschhaus zugange. Beim Waschen und Mangeln hilft er nicht so gerne mit, dafür ist er für die Fliesen und überhaupt fürs Saubermachen zuständig. Und die Blumen pflegt er, das macht er sehr gerne, das ist sozusagen sein Hobby. Die Reinigungsaktion erledigt er außerhalb der regulären Öffnungszeiten, meistens vormittags am Donnerstag.

Eine Thermoskanne mit Kaffee steht immer auf dem kleinen Holztisch und um den herum einige alte Holzstühle. Kugelschreiber, Zettel, Chips für die Maschinen und etwas Kleingeld liegen in einem kleinen Kästchen, ein Kalender daneben, ebenso wie die Berliner Morgenpost und die B.Z.

Ein weiterer Tisch steht an der großen Fensterseite, auf dem liegen Dutzende von alten Illustrierten. Die Preisrätsel darin sind alle längst gelöst. Der riesengroße Gummibaum hangelt sich am gesamten Fenster entlang. Seine Blätter glänzen und strotzen vor Gesundheit. Ableger in allen Größen stehen auf den Fußbodenfliesen neben anderen großen Grünpflanzen.

Und dann ist da noch der abgeteilte Glasraum, der viele kleine Katzen beherbergt. Denn Doris hat ein Herz für Katzen – ihr Herz gehört den Katzen! Im Tierheim ist sie Stammkundin, holt dort regelmäßig Stubentiger ab, um ihnen ein neues Heim zu geben bzw. sie an Katzenliebhaber zu vermitteln. Auch streunende Vierbeiner nimmt sie auf, allerdings müssen die dann vorher zum Tierarzt, der sie auf Herz und Nieren checkt. Sie werden meist sterilisiert, kastriert und geimpft und dann dürfen sie zu den anderen Lieblingen von Doris. Die Tierliebe verschlingt jede Menge Geld, denn viele Katzen fressen viel, brauchen jede Menge Katzenstreu, Fress- und Wassernäpfe und noch so allerlei. Also ein teures Hobby und da muss dann voller Einsatz im Waschhaus sein, denn viel Service am Kunden lässt die Kasse klingeln. So manch ein Tierfreund schleppt ihr auch Naturalien an, die selbstverständlich auch bei der Katzenmutter Verwendung finden.

Doris und ihr Waschhaus sind eine Institution. Sie und ihr Mann sind beliebt, hilfsbereit und werden von Mensch und Tier gebraucht. Das Waschhaus ist ein Treffpunkt, ein Ort der Kommunikation, gelebte Nachbarschaftshilfe und ein total unmoderner Waschsalon. Wer das mag und dann noch Zeit und schmutzige Wäsche hat, ist bei Doris genau richtig!

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