Besuch bei der Krankenkasse

Guten Tag, was kann ich für Sie bitte tun…….

fragt die hübsch anzusehende junge Türkin mit den langen schwarzen Haaren und den großen dunklen Kulleraugen jeden, der zu ihr an die Rezeption tritt. Bei ihr muss man sich anmelden, sonst geht gar nichts.

Auch mich fragt sie, denn ich habe bei der Gesundheitskasse was für meine Mutter zu erledigen. Sie zieht die Chipkarte durch den Schlitz am Computer und schwuppdiwupp sind die Daten des AOK-Mitgliedes Helene M. auf dem Bildschirm.

Ich trage meine Bitte vor. Sie informiert mich, welche Unterlagen benötigt werden. Alles habe ich dabei und nun darf ich warten, bis ich aufgerufen werde.

In dem großen Warteraum stehen achtundzwanzig Stühle, alle besetzt mit Wartenden. Sechs Schreibtische stehen ebenfalls in dem großen Serviceraum, vier sind mit AOK-Mitarbeitern besetzt. Vor jedem Schreibtisch stehen zwei Stühle, auf einem darf man Platz nehmen, wenn man aufgerufen wird. Aber nun ist erst einmal Warten angesagt!

Herr Koschinski wird zum Schreibtisch gebeten. Herr Koschinski ist spindeldürr, hat tief liegende Augen, spillerige graublonde Haare und einen ungepflegten ausgefransten Bart und schmutzige Fingernägel. An seiner Seite sitzt eine ebenso ungesund aussehende dünne Frau, die mit offenem Mund lacht und ein paar schwarze Zahnstummel blicken lässt. Sie trägt modische Turnschuhe an den knochigen Beinen und die weißen Jeans könnten mal eine Wäsche vertragen. Zwei Jugendliche werden herbei gerufen und müssen mit zum Schreibtisch. Die Dame von der Gesundheitskasse begrüßt alle Vier und fordert die zwei Älteren auf, sich zu setzen und kommt dann auch gleich zur Sache. „Sie und ihre Kinder sind seit fünf Monaten im Methadon-Programm der Krankenkasse. Und womit kann ich Ihnen heute helfen?“ Ich bekomme mit, dass sie eine Familienkur beantragen, weil sie mal aus dem Alltagstrott raus müssen und außerdem sind Sommerferien und da verreisen sowieso alle.

An der Rezeption ruft die attraktive Mitarbeiterin per Telefon einen russischen Dolmetscher herbei, der prompt zur Stelle ist. Bis dahin versteht die ansehnliche Russin mittleren Alters nichts, schwatzt aber munter und lauthals drauflos. Der Dolmetscher erläutert der Servicemitarbeiterin, dass Olga Irgendwas ihre Mitgliedskarte verloren hat, aber nicht weiß, wann und wo, aber nun dringend zum Doktor gehen muss. „Kein Problem“, stellt die hübsche Türkin fest, „dann drucke ich Ihnen eben eine neue Karte aus. Die hat dann drei Monate Gültigkeit und vielleicht hat sich bis dahin Ihre alte Chipkarte wieder angefunden.“ Olga Irgendwas freut sich sehr, bedankt sich überschwänglich und verlässt strahlend das Servicecenter der Gesundheitskasse. Als sie an mir vorbeirauscht, weht mir ein Schwall Parfüm in die Nase, das zur gehobenen Preisklasse gehört.

Vorm Anmeldeschalter stehen jetzt zehn Leute in der Schlange. Wie  bei der Bank oder bei der Post  – mit dem gebotenen Abstand, denn schließlich soll die Intimsphäre gewahrt werden. So ein Quatsch, jedes Wort kann man hören, was an diesem Schalter oder an den Schreibtischen gesprochen wird!

Jetzt betritt eine türkische Familie den Raum. Er ist groß und stämmig, gut gekleidet und seine schwarzen Haare glänzen. Ihm folgt eine sehr hübsche junge Frau mit langen lockigen pechschwarzen Haaren, schlank, elegant gekleidet und gepflegt vom Scheitel bis zur Sohle. Die drei Kinder sehen goldig aus, sind sehr aufgeweckt und stürmen sofort den Service- und Wartesaal. Die große braunschwarze Dogge, die offensichtlich zur Familie gehört, erkundet auch erst mal die neue Örtlichkeit. Die meisten Leute ringsherum zucken ehrfurchtsvoll vor dem Riesenvieh zusammen. Vater Türke pfeift weder die Kinder noch den Köter zurück und keiner der Wartenden sagt was dazu. Die beiden ausländischen Mitbürger reihen sich in die Warteschlange ein.

Herr Erwin Lehmann wird aufgerufen. Es ist ein älterer Mann, der im Rollstuhl sitzt und von einer jüngeren Frau zum Schreibtisch der AOK-Sachbearbeiterin geschoben wird. Ein krächzender Husten überfällt ihn und er bläst seine Geräusche ohne Handvorhalten in die Menge. Ätzend unhygienisch – scheint aber nur mir aufzufallen. Bei der Sachbearbeiterin angekommen, zottelt er ein zerknautschtes Papierbündel aus seiner Jackeninnentasche und hustend erläutert er, dass er gekommen ist, um einen Pflegezuschuss zu beantragen. Mit spitzen Fingern schaut die AOK-Mitarbeiterin die Unterlagen durch und tippt danach auf ihrem PC herum.

Am Anmeldeschalter geht es mittlerweile lautstark zu, denn eine junge Schwangere will keineswegs warten, sie will bloß eine Kostenübernahme fürs Krankenhaus haben. Die hübsche Türkin kann sich aber mit kräftiger Stimme durchsetzen und die werdende Mama hat keine Chance, sich vorzudrängeln.

Zwischenzeitlich spielen die türkischen Kinder gemeinsam mit der Dogge verstecken und der kleinste Junge ist über einen vollen Papierkorb gestolpert und liegt nun zwischen Papier und anderen Abfällen plärrend auf dem Boden. Die Mutter eilt zu ihm, hebt ihn auf den Arm, streichelt und liebkost ihn. Der türkische Vater schaut grantig aus der Wäsche und raunt den Kindern ein paar Worte zu, die wohl nicht freundlicher Natur sind.

Eine alte Dame namens Hollmann ist jetzt an der Reihe und sie humpelt zum Schreibtisch der Krankenkassenmitarbeiterin. Sie beantragt die Zuzahlung zu Medikamenten, packt all ihre gesammelten Belege auf den Tisch und die AOK-Bedienstete tippt auf dem Taschenrechner herum. Dann verlangt sie den Rentenbescheid, den sie prüfend betrachtet, wieder Zahlen in den Rechner tippt und dann ein Formular aus ihrem Schreibtisch holt und es ausfüllt. Dieses Formular lässt sie von der Dame unterschreiben, dann gibt sie etwas in den Computer ein, läuft zu dem Drucker hin und überreicht der alten Dame das Schriftstück, das der Drucker ausgespuckt hat. Die alte Dame bedankt sich, grüßt freundlich und geht.

Jetzt bin ich dran, gehe zum Platz vier, trage meine Bitte vor, die auch unverzüglich und mit freundlicher Kompetenz der Mitarbeiterin erfüllt wird. Toll hier bei der AOK. Bei meiner Barmer ist der Warteraum winzig klein, die Mitarbeiter sehen muffelig aus und sind in der Regel nicht freundlich. Also Augen auf bei der Wahl der Krankenkasse!

Schade, gerne hätte ich das illustre Treiben hier im Wartesaal noch länger beobachtet, aber das mache ich dann eben beim nächsten Mal.

2005

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