Zur falschen Zeit am falschen Ort

Ein schöner Samstag: heiße 30 Grad und drüber, kein Lüftchen weht, strahlender Sonnenschein, blauer Himmel und drückende Schwüle. Im Nachbardorf gibt es seit gestern ein Musikfestival. Etliche Seemanns-Chöre treten in einen musikalischen Wettstreit und eifern um die Gunst der Musikliebhaber.

Überall erklingen Shantys, die berühmten Arbeitslieder der Seeleute aus längst vergangenen Zeiten. Vermutlich sind derartige Lieder Relikte aus einer Epoche, als es noch jede Menge Besatzungsmitglieder auf den Schiffen gab und die Personaldecke nicht so eng gestrickt war wie heute.

Auch wir stürzen uns ins Gewimmel und haben Lust auf Seemannslieder und die unterschiedlichen Darbietungen. Doch wo wir sind, ist noch nichts los, wird sind zu früh. Am Schulschiff stehen Hochzeitsgäste herum, lassen sich fürs Familienalbum fotografieren, schwitzen heftig und warten auf den Startschuss zum Feiern. Auf dem Schiff ist auch kein Chor zu sehen oder zu hören. Dort posiert das Brautpaar nach den Anweisungen des Fotografen, hocken sich hier und da hin, stehen vorm riesigen Steuerrad, halten sich an den Wanten fest, küssen sich genervt und strahlen alles andere als Glückseligkeit am schönsten Tag im Leben aus.

Wir gehen weiter zum Spicarium und selbst dort ist tote Hose. Am Utkiek sind die Stühle vor den Restaurants und Kneipen gut besetzt, aber dort spielt sich das Leben in der prallen Sonne ab. Ringsherum werden in den Fressbuden die Öfen, Pfannen und Grills angeheizt und im Vorbeigehen werden wir von der zusätzlichen Hitze und den unterschiedlichen Gerüchen voll erwischt. Ich hätte große Lust, auf die Fähre zu springen und mich ans gegenüberliegende Ufer schippern zu lassen, denn dort sieht alles ruhig aus. Aber wir gehen weiter. Die Bühne vor der Fähre ist leer und verlassen, keine Musiker, kein Chor, alles ist still. Nur ein einsamer Haufen geschichteter Kabel liegt auf dem Boden. An der Promenade kann der entlang Schlendernde Hüte, Mützen, Schals, billigen Schmuck, Kinderklamotten und anderen Klimbim kaufen. Crêpes werden zubereitet, Fleisch gegrillt, Bier gezapft, Waffeleis angeboten und alles wird gekauft und verzehrt.

Wir traben weiter in der Hoffnung auf Musik, auf Shantys auf blaue Jungs von der Waterkant, auf ein Schattenplätzchen und ein kühles Getränk. Als auch die nächste Festivalbühne verlassen und leer ist, suchen wir uns einen Platz im Biergarten der Strandlust unter den riesengroßen Bäumen die wohltuenden Schatten spenden. Mein Mann holt uns alkoholfreies Bier, denn hier ist Selbstbedienung. Viele Biergartenbesucher sind durstig, was seine Wartezeit an der Getränkequelle nicht positiv verkürzt. Endlich! Er bringt das kühle Nass und der erste Schluck ist wie Weihnachten, Ostern und sämtliche Geburts- und Feiertage zusammen! Lecker, kühl und Durst löschend. Was geht’s uns jetzt wieder gut!

Der Biergarten ist gut besucht, kaum noch freie Plätze und alle warten auf die Französischen Sängerknaben, die laut Programm in ein paar Minuten loslegen sollen. Um uns herum jede Menge rüstige Rentner. Die meisten gehören zur Altersklasse SiebzigPlus und aufwärts. Eindeutig gehören wir zu den Jüngeren im Biergarten. Frauen sind in der Überzahl und Männer folglich umschwärmt und begehrt.

Recht flotte Exemplare sind dabei, auf beiden Seiten. Gut gestylte und modisch gekleidete Damen, von sportlich bis elegant, über leger und lässig, bis zu reich dekorierter Weiblichkeit mit Gold und Silber. Etlichen Ladys ist anzusehen, dass sie ihren Lebensabend sorglos genießen, Geldnot ihnen fremd ist und sie mit oder ohne Ehemann ein gutes Leben führen.

Jetzt tut sich auf der Bühne was. Eine junge Frau mit Gitarre verkabelt sich und ihr Instrument und nach einigen Minuten und mehreren Hörproben fängt sie zu singen an. Kein Chanson, vielleicht Folkrock oder so ähnlich, aber auf keinen Fall Seemannslieder. Leise ist sie, kaum zu hören, ihre Lieder sind keine Ohrwürmer und nichts zum Mitsingen und niemand hört ihr zu.

Dann treten die Männer vom Schulschiff-Chor an, die auch zur Oldie-Generation gehören. Bis aufs erste Lied sind alle weiteren unbekannt. Auch hier singt keiner mit, der Applaus hält sich in Grenzen und nicht nur ich bin enttäuscht von der Darbietung. Unsere Tischnachbarn berichten von den tollen Aufführungen in der Fußgängerzone, Am Kaffeepott und an anderen Orten. Da war Stimmung, da sangen die Zuschauer mit, sie schunkelten, riefen nach Zugaben. Aber hier? Was war das denn? Na auf jeden Fall keine Glanzleistung der Truppe auf der Bühne. Schade, ich hatte mich so auf den Auftritt des Herrenchores des stolzen schönen Schiffes gefreut.

Doch das hier war der berühmte Schuss in den oft zitierten Ofen! Definitiv waren wir Zwei heute zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort, zumindest musikalisch betrachtet.

Dafür war es aber toll, die Biergartengäste anzusehen, die unterschiedlichen Rollatoren zu taxieren, die vom AOK-Modell bis zur Luxus-Ausführung reichten, gut gelaunte Oldies an einem tollen Sommertag erleben zu dürfen. Unterm Strich waren wir denn doch nicht zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort.

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