Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben

Diese alte Weisheit wurde uns überliefert und vermutlich traf sie schon auf Barni Geröllheimer und Fred Feuerstein zu. Warum sollte es heutzutage anders als in der Steinzeit sein. Es gibt immer wieder Zeitgenossen, die sich im wahrsten Sinne des Wortes über die Fliege an der Wand aufregen. Besser ausgedrückt: Über die lieben Nachbarn!

Bei uns ist die sprichwörtliche Fliege unser Adventskranz, der von kurz vorm ersten Advent bis maximal Mitte Januar auf der Terrasse am Sonnenschirmständer hängt. Er ist ziemlich groß, hängt an langen roten Bändern und ist auf einem „Gerüst“ aus handlichen Birkenstämmchen befestigt. Natürlich trägt das schmucke Teil elektrische Kerzen, die an schummrigen Nachmittagen und in der Dunkelheit wunderbar leuchten. Die meisten Nachbarn finden unser Schmuckstück ausgefallen und schön und freuen sich mittlerweile schon jedes Jahr auf unseren extravaganten Weihnachtsschmuck. Nur ein Nachbar hat kein Verständnis dafür und schon gar nicht nach 22 Uhr abends, wenn die Kerzen ihr warmes Licht verbreiten. Nörgelig mahnt selbiger nun mit gleich bleibender Vehemenz an, die Lichter spätestens zwei Stunden vor Mitternacht zu löschen.

Manchmal klappt es unsererseits, manchmal aber auch nicht. Oftmals sitzen wir bis in die Puppen in gemütlicher Runde im Wohnzimmer und dann strahlen auch die Lichter am Kranz. An manchen Tagen sind wir gar nicht zuhause oder gehen absolut früh zu Bett, dann ist es draußen im Garten ohnehin duster. Ist doch ein guter Ausgleich – eben mal hell und mal dunkel – und das auch nur zur Weihnachtszeit.

Der große Baum im Garten bei den Mülltonnen ist schon lange eine kleine Zeitbombe für die parkenden Autos. Besonders wenn es windig ist oder gar so richtig stürmt, fliegen morsche Äste durch die Gegend und nicht zuletzt auch auf die Autodächer. Der Eigentümer der Wohnanlage beauftragte also eine Gartenbaufirma, die den Baum auf Herz und Nieren – will sagen auf Stamm und Wurzel –  untersuchte. Die Diagnose lautete: Der Baum muss gefällt werden, weil er durch und durch krank und morsch ist! Alle erforderlichen Genehmigungen wurden bei den zuständigen Ämtern und auch der Polizei eingeholt. Der Fachmann machte sich frisch ans Werk und die laute Säge brachte den Baum zu Fall.

Eine Mietpartei war mit dem Fällen des Baumes überhaupt nicht einverstanden. Natürlich sind es die Mieter, die keinen fahrbaren Untersatz haben und denen das morsche Astwerk geradezu schnuppe ist. Mit diesem Background lässt es sich auch gut meckern. Das Mitleid dieser Herrschaften konzentriert sich also nur auf den Baum und die darin lebenden Eichkätzchen, denen man den Lebensraum raubt. Dann zetert und schimpft man gerne mit den anderen Mitbewohnern, die diese Aktion – angeblich illegal – angeleiert haben. Und gerne wählt man dann auch die Eins-Eins-Null und die Herren und Damen von der Fraktion „Dein Freund und Helfer“ müssen mit großem Tatütata anrücken. Die stellen kopfschüttelnd fest, dass das Baumfällen völlig legal und kein bisschen ordnungswidrig ist und rauschen wieder ab. Das Fazit lautet: Die Herrschaften ohne Auto knurren die mit Auto an und haben das Grüßen eingestellt.

Schuhe vor der Wohnungseingangstür? Das geht ja nun gar nicht, sieht so richtig schlunzig aus! Und dann noch wie Kraut und Rüben durcheinander! Das haben die ehemaligen DDR-Bürger als schlechte Eigenschaft mit in den Westen geschleppt! Da schämt man sich, wenn Besuch ins Treppenhaus kommt! Ist doch ziemlich piepenhagen, ob das von Gerichten schon erlaubt wurde! Hier, in diesem ehrenwerten Haus wollen wir das nicht!

An solchen Banalitäten entzünden sich schon mal die Gemüter. Was tut man da? Klingelt man beim Nachbarn und bekundet seinen Unmut? Welche Worte sind da die richtigen? Wartet man bis zum Nikolaustag und steckt eine kleine hübsch formulierte Botschaft zusammen mit einer Süßigkeit in einen der ohnehin vor der Tür zur Auswahl stehenden Schuhe? Sicherlich alles eine Frage der jeweiligen Mentalität. Dem einen schwillt der Kamm, der andere schont seine Galle und denkt an seinen ohnehin schon zu hohen Blutdruck, ärgert sich aber stets und ständig insgeheim über den Anblick der Treter. Ein Dritter findet das überhaupt nicht anstößig und ab sofort stehen seine Schuhe auch vor die Tür. Wie so oft ist es auch hier wie im richtigen Leben: Es recht zu machen jedermann, ist wohl ein Ding das keiner kann!

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