Ossi trifft Wessi in blühenden Wendezeiten

Noch heute kann man West-Berliner von Ost-Berlinern unterscheiden. Jeder eingefleischte und eingeborene West-Berliner kann das. Und das auch im fünfundzwanzigsten Jahr nach Fall der Mauer. Keine Ahnung, warum das so ist. Es ist eben so! Viele „alte West-Berliner“ besitzen diese Fähigkeit und umgekehrt Ost-Berliner ebenso.

Natürlich war das mit dem Erkennen nach dem 9. November 1989 keine Kunst. Dafür sorgten Outfit, Frisur, Haarfarbe, Dauerwelle, Einkaufsbeutel, Geld, Sprache und Gerüche und das machte den kleinen Unterschied, und zwar auf beiden Seiten. Plötzlich teilten Ossis und Wessis Kultur, Kaufhäuser, Modegeschäfte, Supermärkte, Aldi, Lidl, Edeka, Reichelt, Kaiser‘s, Restaurants, öffentliche Verkehrsmittel, Urlaubsorte und vieles andere miteinander. Man sammelte täglich neue Erfahrungen, man lernte sich kennen, ging aufeinander zu und übte die neue Gemeinsamkeit. Gleich einer Ehe. Einer Ehe, die die Eltern der Brautleute beschlossen haben und in die das Brautpaar sich nun fügen muss.

Autos westlicher Fabrikation waren beliebt ohne Ende und unendlich viele Gebrauchtwagen wechselten Besitzer und Himmelsrichtung. Gebrauchtwagenmärkte schossen hüben und drüben wie Pilze aus dem Boden, denn Daimler, Opel, BMW, VW & Co. waren ein positiver Aspekt im neuen Deutschland in der Wendezeit. Zum Autokauf reisten Kaufinteressierte im Trabi oder Wartburg in den Westen und das gleichmäßige Töfftöfftöff der Zweitakter ließ an manchen Tagen Westberlin müffeln wie Bitterfeld. Haben Sie die Geräuschkulisse noch im Ohr und den Gestank des Zweitaktmotors in der Nase? Der Autokauf-Boom fand seinen Höhepunkt im Juli 1990, als auch die D-Mark bei den Noch-DDR-Bürgern zum offiziellen Zahlungsmittel wurde.

Der Geruch der Zweitaktmotoren bleibt einem West-Berliner genauso unvergesslich in Erinnerung, wie der Geruch auf der Interzonenautobahn und an den Grenzübergängen und den dortigen Baracken. Haben Sie mal zu Mauerzeiten einen Passierschein zur Einreise in die DDR beantragt und ihn an einer der Ausgabestelle abgeholt?

Na dann hat ihr Gedächtnis ihn sicherlich gespeichert. Amtsstuben, Vopos und andere Uniformierte verströmten einen ganz speziellen „Duft“, der für Westnasen sehr gewöhnungsbedürftig war – und das ist einigermaßen höflich ausgedrückt. Erinnern Sie sich noch an den Geruch im Tränenpalast oder an ähnlichen Grenzübergangsstellen? Diese zentralen Punkte der hautnahen Ost-West-Begegnungen waren in all den Jahren massive Anschläge auf die Geruchsnerven der Menschen, die von West durch Ost nach West reisten oder von Westen aus der DDR einen Besuch abstatteten.

Bei nicht jedem – Ossi oder Wessi – hinterließ das neue Miteinander nur positive Eindrücke. Allerdings ist bei all denen, die die Wendezeit bewusst miterlebten, garantiert ein großes Stück Erinnerung geblieben.

West-Berliner machten Ausflüge nach Ost-Berlin, nach Potsdam und sie fuhren ins Umland und über die Dörfer. Solche Ausflüge waren neu und manches, was man zu Gesicht bekam, absolut erschreckend. Erschreckend, weil so schrecklich einfach, ohne jeglichen Komfort, selten Modernes, kaum Gepflegtes, vieles unglaublich primitiv, durchgehend farblos und grau. Oft war es ein Ausflug in eine andere Welt und in eine andere Zeit. Auf Schritt und Tritt war der Verfall ein steter Begleiter.

Häuser aus der Gründerzeit, pompöse Gebäude aus der Kaiserzeit, alte Kirchen und Dome, ganz viel deutsche Geschichte und viel Vergangenheit – alles fest in der Hand des Verfalls. Berühmte Bauherren, wie Schinkel, Lennè und viele andere haben in Berlin, Potsdam und anderer Stelle gewirkt und bedeutende Architektur und Parks erschaffen und die DDR hat fast alles verkommen lassen! Unglaublich und unverständlich! An mangelnden Devisen kann es nicht gelegen haben, denn davon – so sagt man jedenfalls – hatten sie ziemlich viel.

Der Anblick der abgewrackten Deutschen Demokratischen Republik erschien erst in einem besseren Licht als es 1990 endlich Frühling wurde. Das frische Grün der Jahreszeit ließ einiges freundlicher erscheinen, aber es täuschte nicht darüber hinweg, dass es nur ein bisschen Make-up war, das spätestens bis November hält und dann haben Mängel und Makel wieder die Vorhand.

Doch ganz oben und über allem, was es zu kritisieren gab, standen die politischen Aussagen: Blühende Landschaften werden entstehen – Allen wird es besser gehen und Es wächst zusammen, was zusammen gehört!

Und? Sind blühende Landschaften entstanden? Geht es allen besser? Ist zusammen gewachsen, was zusammen gehört? Beantworten Sie die Fragen. Nur Sie können das. Jeder für sich alleine!

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