David & Goliath

Irmgard und Egon sind Feldmäuse, miteinander verheiratet, leben seit langer Zeit auf unserer Terrasse und gehören zum Freundeskreis von Tigi. Beide sind kein bisschen menschenscheu oder fürchten sich vor größeren Tieren und mit nichts kann man sie aus der Ruhe bringen. Doch heute ist das anders. Völlig aufgeregt stehen sie draußen vor der geschlossenen Terrassentür und bitten lautstark um Einlass. „Habt ihr schon gesehen, dass auf dem Parkplatz ein Zebra steht und auf dem Rücken von diesem gestreiften Kerl sitzt ein kunterbunter Papagei, der plappert und kreischt wie doof und ruft immer nach Tigi! Wo ist Tigi denn eigentlich?“

„Hmm, keine Ahnung, wo Tigi sich rumtreibt. Vorhin wollte er zu Lidl Obst und Joghurt kaufen, aber das war schon vor drei Stunden. Dann lasst uns mal rausgehen und fragen, ob wir den beiden helfen können.“

„Grüß Gott, mein Name ist David und der bunte Schnatterfritze heißt Goliath. Sorry, aber der quatscht immer so viel und kann seinen Schnabel nie halten. Der Zirkusdirektor Alfons Messerschmidt hat Goliath deswegen rausgeworfen, weil er mit seinem ewigen Gequatsche und seinem Gesang die Clowns aus dem Text und die Artisten auf dem Hochseil aus dem Takt gebracht hat. Elfriede, Tigis Tante, hat gesagt, wir sollen mal zu Tigi gehen, der hat bestimmt ne Idee, was wir jetzt ohne Job machen sollen! Der Zirkus gastiert momentan in Bremerhaven und da sind wir erst mal zum PolizeiOberMeister Thomas Sch. marschiert und der hat uns mit dem Polizeiauto, Blaulicht und lautem Tatütata zu euch gefahren.“

„Ich bin der schönste und intelligenteste Papagei Deutschlands, mein Gefieder ist echt, keine Feder ist gefärbt! Ich will was trinken und essen, wo ist Tigi, der soll sofort kommen! Wo ist mein Bett? Was gibt es zum Abendessen? Ich will Brot, Wurst und Fleisch. Am liebsten Hackepeter….!“

„Entschuldigung, aber das ist so typisch Goliath! Immer hat der was zu sabbeln. Halt doch mal den Schnabel, Goliath. Was sollen die Leute hier denn von uns für nen Eindruck bekommen. Dann können wir gleich wieder umkehren und nach ‘nem neuen Quartier Ausschau halten!“ Beleidigt drehte Goliath sich um, wippte mit dem bunten Schwanz und ließ ein paar Kötel fallen, die von Davids Rücken runter kullern.

Dann erzählt David uns seine und Goliaths Geschichte. Der Vogel stammt aus Australien, seine gesamte Sippe wohnt noch da. Er hat mit denen aber nicht viel am Gefieder und deshalb hat er einen Job im Dschungel-Camp von RTL angekommen. Er wollte berühmt werden. Er meint, er hat ganz schön was auf dem Kasten, so mit Sprachen, Musikmachen, Schauspielern und Schönheit sowieso. Da hatte man bald die Nase voll von ihm und er ist vor ein paar Jahren mit dem Gewinner der damaligen Staffel nach Deutschland gekommen und seither arbeitet er beim Zirkus. Da haben wir uns auch kennen gelernt. Ich komme aus der afrikanischen Steppe und bin seinerzeit mit Ringo, dem Mann von der Tigerdame Elfriede, ausgewandert und beim Varieté gelandet. Leider kann ich noch keine Rente beantragen, mir fehlen noch gute fünf Jahre bis dahin. Na und Hartz IV für Zirkustiere gibt es nicht! Aber Bock auf Zirkusarbeit habe ich auch nicht mehr. Ist ein ganz schöner Knochenjob und der Verdienst auch nicht berauschend. Nun hoffen wir – also Goliath und ich – dass Tigi eine tolle Idee hat. Elfriede hat gesagt, der ist ganz schön pfiffig. – Können wir jetzt mal reinkommen – wir sind nämlich völlig k.o.!“

Mein Mann und ich gucken uns an: Was bleibt uns also übrig, als beide rein zulassen.

Die beiden Terrassenmäuse, Egon und Irmgard, sind völlig aus dem Häuschen und können sich kaum einkriegen: „Wie toll, ein Zebra und so ein bunter Piepmatz! Der wird den anderen ganz schön Dampf unterm Gefieder machen. Da sollen sich mal die Meisen, Amseln, Rotkehlchen, Elstern und Krähen warm anziehen – Goliath wird die aufmischen! Und Gerda erst mal, unsere Haustaube, wird vielleicht Augen machen!“

Mein Mann versucht, Tigi an die Strippe zu bekommen, doch bei dem ist besetzt.

Das Zebra hat Durst, geht aufs Klo und säuft Wasser aus dem Duschschlauch. Wieso heißt ein Zebra eigentlich David? Irgendwie ungewöhnlich – oder? Aber seine Eltern werden sich schon was dabei gedacht haben.

Der Papagei fliegt inzwischen durch alle Räume, pfeift von Zeit zu Zeit anerkennend, brabbelt sich was in den Schnabel. Wohlwollend landet er auf unserem stattlichen Benjamini Fikus, der vor Schreck ein paar Blätter fallen lässt. Dann inspiziert Goliath die Terrasse. Die findet sofort seine Zustimmung und ebenso der Garten.

Aus dem Bad kommen laute Geräusche. David rülpst wie verrückt. Ob das jetzt wohl immer so ist, wenn der einen ordentlichen Schluck aus der Leitung genommen hat?

Mal sehen, ob mein Mann schon mit Tigi gesprochen hat. „Tigi, wo bist du denn? Du wolltest doch bloß mal kurz einkaufen und dann wiederkommen! Wo bist du? Das ist völlig daneben, du kommst sofort nachhause und kümmerst dich um deinen Besuch. David und Goliath sind deinetwegen hier! Wir müssen mit dir zusammen eine Lösung finden, die beiden wieder loszuwerden. Die können nicht auch noch hier bleiben, wir haben keinen Platz für die Zwei! Wie jetzt, du hast den Thomas von der Polizei getroffen? Tigi, du kannst jetzt nicht mit dem Thomas von der Polizei zum Spielen nach Bremerhaven aufs Revier fahren und ……………………!“ Tuuutuuutuuuut macht das Telefon, denn Tigi hat aufgelegt!

Das ist ja wieder mal typisch für Tigi – na der kann was erleben, wenn er kommt!

Mai 2013

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