Irene die Ziege und Hermann der Frosch

„Kalimera Hermann“ sagt Irene, die Ziege, zu ihrem Freund dem Frosch. „Haste schon Zeitung gelesen? Da gibt es Reisesonderangebote nach Deutschland und auch nach Bremen, darüber haben die beiden Feriengäste immer erzählt haben und da wohnen die auch. Echt billig. Wollen wir da mal hin? Immer kommen nur Touris zu uns nach Patmos und wir müssen sie unterhalten und hofieren. Also ich hätte echt Bock auf Tapetenwechsel und du?“

„Worauf hast du mal keinen Bock, Irene! Wenn’s nach dir geht, sind wir bloß unterwegs. Aber okay, lass uns Zeitung lesen, gibst ja sonst keine Ruhe.“ Hermann hüpft auf die Anzeigenseite der Zeitung vom Wochenende, setzt seine Brille auf und liest laut vor. „Drei Wochen in Lesum, Bahnhofsnähe, großer Garten, geeignet für Selbstversorger, Apartments im Erdgeschoß mit Terrassen ohne Trennwände, freie Sicht gewährleistet, gepflegtes Baustellenambiente und tierischer Anschluss. Der Preis ist okay. Allerdings steht bei Anreise, dass man die individuell gestalten kann. Verstehe ich nicht. Wie soll das gehen? Am besten, ich ruf da mal an!“ Gezielt springt Hermann zum Telefon und während er mit dem Reiseunternehmen telefoniert, scharrt Irene mit den Hufen und meckert leise vor sich hin.

„Alles klar, Irenchen“, ruft Hermann schon von weitem. „Ich hab gebucht, noch heute geht’s los, geh mal packen und komm in die Hufe! Wir reisen mit dem Pärchen dahinten, die fahren heute zurück, und zwar schnurstracks mit Schiff, Flieger und Taxi nach Lesum. Klappt doch super, oder? Also nun beeil dich, wir starten in einer Stunde!

So rasch wie heute hat Irene ihre Reiseutensilien noch nie zusammengepackt. Sonst zickt sie rum und nölt auf Teufel komm raus. Aber auf Bremen hat sie Bock, da will sie unbedingt hin und in nullkommanix steht sie mit fertig gepackten Satteltaschen vorne am Eingang des Hotels. Dort wartet Hermann mit prallem Rucksack bereits auf sie und die beiden Touris sind auch schon startklar und ab geht es auf die Fähre und dann zum Flieger. Der hat Verspätung und das liegt an dem Pilotenstreik in Frankfurt. Beide sind in ihrem Leben noch niemals geflogen, es sei denn, aus dem Garten der Hotelanlage in Patmos, weil sie dort ihren Lebensunterhalt mit anbetteln der Urlaubsgäste verdienen. Irene ist so aufgeregt, dass sie andauernd köteln und rumpupsen muss.

Was soll das bloß erst im Flieger werden, denkt Hermann und ihm schwant Schlimmes. Was der schon alles mit Irene erlebt hat – my lovely Mister Singingclub – das will keiner wirklich wissen! Mitten in seine Gedanken platzt die Ansage zum Einstieg in die Maschine.

Die beiden Deutschen aus Lesum sind die Ersten im Flieger, nehmen ihre Plätze ein und sind etwas verwundert, dass eine Ziege und ein Frosch neben ihnen sitzen. „Was machen die Zwei denn hier?“ flüstert er ihr ins Ohr. „Die kennen wir doch aus dem Hotel. Sind doch die, die immer gebettelt haben. Die Zicke riecht aber ziemlich streng – findest du nicht auch?“ „Na ja deshalb halte ich mir doch schon die Nase zu“ flüstert sie zurück. „Aber vielleicht ist der Frosch ein verwunschener Prinz der nur geküsst werden muss und dann ……“ „Was dann…?“ entgegnet er maulig und nicht nur die Maschine geht in die Luft, sondern er auch gleich!

Bevor das Gespräch eskaliert, kommt eine Stewardess und befragt Irene und Hermann zu ihren Tickets. Hermann erklärt, dass sie bei der Firma „Grünschnabel & Co – tierisch betreutes Reisen von Tür zu Tür“ gebucht haben und zeigt die SMS-Bestätigung. „Entschuldigen Sie bitte, aber könnte Ihre Freundin vielleicht mal ein Deo benutzen? Das halbe Flugzeug mieft schon nach Ziege und lüften ist hier ein bisschen doof!“ Die Saftschubse verschwindet wieder.

„Siehste Irene, hab ich’s dir nicht gesagt! Du musst dich aber auch mal ein bisschen zusammenreißen. Bist hier schließlich nicht in der freien Wildbahn! Und wie empfindlich Menschen auf deinen Geruch existieren, ist dir bekannt.“

„Ja aber Ziegenkäse essen sie gerne und lecker gebratenes Zicklein mit Knoblauch und Wildkräutern auch. Und du Hermann, quak mich nicht immer wegen meiner Verdauung an. Sei zufrieden, dass ich gesund bin, könnte in meinem Alter auch anders sein!“

Das Lesumer Pärchen grinst verstohlen und sie nimmt seine Hand und beide denken: Schau an, da geht’s den Menschen wie den Tieren!

Plötzlich stehen Irene sämtliche Haare zu Berge und sie greift zur Spucktüte. Auch Hermann ist total blass, hat ganz dicke Backen und sein Magen fährt Achterbahn. Zeitgleich bittet das Kabinenpersonal als Passagiere, sich anzuschnallen, denn der Pilot setzt zur Landung an.

Irene hat Herzklabastern und Schiss ohne Ende. Sie nimmt all ihren Mut zusammen und springt dem Mann neben ihr auf den Schoß und schlingt die Vorderhufe um seinen Hals: „Schicken Sie mich nicht weg, ich habe große Angst, es ist mein erster Flug, ich bin noch niemals gelandet, mir ist so schrecklich schlecht……oh ist mir vielleicht schlecht, ich muss….“ und dann ist nur noch ein lautes Würgwürgwürg zu hören.

Hermann geht’s auch nicht gut, er wechselt die Farben wie ein Chamäleon. Von grasgrün bis hin zum freundlichen Steinlausgrau ist alles drin. Auch ihm ist kotzelend und er will sofort getröstet und in den Arm genommen werden und springt der Dame auf dem Sitzplatz neben ihm auf den Arm. Zunächst ist die erschrocken und stößt einen schrillen Schrei aus. Dann streichelt sie ihn aber doch und ihr fällt schlagartig wieder das Märchen mit dem verwunschenen Prinzen ein.

Endlich, die Landung in Bremen ist vollbracht, die Maschine steht auf dem Rollfeld, die Motoren ausgeschaltet, die Türen weit geöffnet, die Passagiere dürfen aussteigen. Als letztes steigt das Pärchen aus Lesum aus, er mit einer Ziege auf dem Arm und auf ihrer Schulter sitzt ein großer grüner Laubfrosch und die beiden sind noch immer ganz blass – dafür aber in Bremen angekommen. Jetzt geht’s weiter nach Lesum.

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