Keinem steht das Wasser bis zum Hals …

Dieser Donnerstag im Mai ist trübe und ziemlich kalt und das Warten am Bahnhof nicht so prickelnd. Zum Glück ist das rote Mehdorn-Taxi pünktlich und um zehnuhrvierundzwanzig geht’s ab nach Bad Wilsnack. Katja und Evelyn haben fürs Frühstück gesorgt und wir verputzen gekochte Eier mit Butterstullen, trinken Kaffee dazu und die Zigarette danach schmeckt uns bestens und an unterhaltsamen Gesprächsthemen fehlt es auch nicht.

Der Zug hält an fast jeder Milchkanne, erreicht unser Ziel aber trotzdem nach einer Stunde.

Der Bahnhof in Bad Wilsnack ist nicht gerade das, was ein Großstädter unter Bahnhof versteht, aber das Schild an dieser Haltestelle des Zuges weist ihn als einen solchen aus. Vom Bahnhof purzelt man fast in die Therme. Selbst mit schwerem Gepäck bedarf es keiner besonderen Anstrengung, das Ziel frisch und munter zu erreichen.

Katja spurtet erst mal zur Keramikabteilung, während Evelyn die Kasse stürmt und ich unsere Utensilien bewache. Umziehen, Klamotten im Garderobenschrank verstauen, duschen, freie Liegenstühle suchen und dann endlich ab in die Fluten!

Wundervoll warmes Salzwasser in diversen Becken mit unterschiedlichen Temperaturen von dreiunddreißig bis siebenunddreißig Grad. Stehhöhe hat man überall, es sei denn, man ist kleiner als hundertfünfunddreißig Zentimeter.

In den Fluten tummeln sich Badenixen und direkte Nachfahren Neptuns in allen Alterskategorien. Die ganz Kleinen zappeln mit orangeroten Schwimmflügelchen an ihren Ärmchen durchs Wasser, ältere Herrschaften ziehen geruhsam ihre Runden und verschnaufen von Zeit zu Zeit am Beckenrand. Der eine oder andere männliche Thermenbesucher der Generation 60 plus genießt sichtlich das Defilee der vorbeischwimmenden Damenwelt und bekommt große Kulleraugen, wenn mal ein jüngeres Anschauungsobjekt im Blickfeld auftaucht. Wirklich viele gibt es davon nicht, jedenfalls nicht an Wochentagen und um die Mittagszeit. Zumeist sind es eben rüstige Rentnerinnen und Rentner so wie wir.

Von einem der überdachten Schwimmbecken führt ein schmaler Durchlass ins Freie und auf den paddeln wir zu, Katja und Evelyn übrigens mit Bademützen. Uns schlägt die frische, kühle Luft entgegen und es ist sehr angenehm und wohlig, bis zum Hals im badewannenwarmen Wasser zu stecken. Die dunklen Wolkenberge am Himmel werden vom kräftigen Wind hin- und hergeschubst, aber die frische Luft ist einfach herrlich!

In diesem Außenbecken sind die Wasserströmungen das totale Highlight. Man muss überhaupt nicht schwimmen, auch nicht paddeln, man kann sich einfach mit der Strömung treiben lassen. Das ist der pure Genuß für jeden, der zum Schwimmen zu faul ist! In einem Korridor von hundertachtzig Grad und von knapp zwei Meter Breite wird man durch die Strömung wie in einem Karussell rumgewirbelt. Das macht ausgesprochen viel Spaß und man muss nur aufpassen, dass man nicht mit anderen Schwimmern karamboliert. Das lässt sich kaum vermeiden, denn gegen den Strömungseffekt ist man ziemlich machtlos.

Planschen im Wasser macht hungrig und durstig und nach einer kleinen Stärkung und einer Zigarettenpause, läuten wir die nächste Runde im Wasser ein. Zwischenzeitlich ist es wärmer geworden und die Sonne kämpft sich ab und zu durch die noch immer massive Wolkendecke. Draußen stehen viele Liegestühle auf dem Rasen, aufgrund der kühlen Witterung allerdings unbenutzt. In den umliegenden Holzhütten saunieren einige Thermenbesucher und ab und an erfüllt ein sehr angenehmer Kräutergeruch die Luft.

Unsere zweite Schwimmpause findet im Restaurant statt und wird durch den Verzehr eines dicken Eisbechers gekrönt und dann geht es nochmals ab ins Wasser. Diesmal gleich ins Freie, denn dort hat Klärchen nun am Himmel konstant Stellung bezogen und im Wasser ist es erstaunlich leer. Wir genießen das Wasser, die Luft und das wunderschöne Ambiente und lassen uns fröhlich durch die Fluten treiben. Meinetwegen könnte das noch ewig weitergehen, aber die Uhr mahnt uns zum Aufbruch – leider! Somit entsteigen wir für heute letztmalig den salzigen Fluten, packen unsere Sachen zusammen, ziehen uns um, rauchen noch eine Zigarette und gehen die paar Schritte zum Bahnhof. Was tut es doch gut, im Zug zu sitzen – ich bin völlig erschossen! Katja packt die letzten Leberwurststullen aus, Evelyn verteilt den restlichen Kaffee in die Becher und wir genießen die Heimfahrt durch die leuchtend gelben Rapsfelder, die in der Abendsonne wie pures Gold aussehen.

War das ein schöner Urlaubstag! Hundemüde und auf allen Vieren schleppe ich mich die drei Treppen hoch in meine Wohnung und frage mich, warum ich nicht im Parterre wohne. Allerdings bin ich sehr zufrieden, dass heute um dreiundzwanzig Uhr die Sendung mit Harald Schmidt ausfällt und ich gleich einschlafen kann.

Mai 2005

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.