Das helle und das dunkle Deutschland

Erkenntnisse, die der Bundespräsident gewinnt, sind nicht unbedingt neu.

Sind Sie mal mit nem Flieger zu DDR-Zeiten im Dunkeln in die Hauptstadt eingeschwebt?

Nein, na dann werde ich Ihnen mal mit einem Satz verklickern, wie das von oben aussah. Ganz einfach: Über West-Berlin war es taghell und Ost-Berlin war nicht zu sehen! Da war’s duster, finster, dunkler als dunkel. Selbst die Straßenlaternen leuchteten nicht und Mond und Sterne hatten auch keinen Bock darauf, die Tristesse zu erleuchten!

Deshalb hat eigentlich jeder Wessi den anderen Teil der Stadt und das noch finstere Umland als Dunkeldeutschland bezeichnet.

Das hat sich zunächst einmal nach Mauerfall auch nicht verändert. Da drüben blieb es dunkel!

Schon lange habe ich den Begriff Dunkeldeutschland nicht mehr gehört, geschweige denn benutzt. Seit ich in Bremen lebe ohnehin nicht. Hier müsste ich erst mal erklären, welche Bedeutung dieses Wort hat! Wessis kennen den Begriff nicht und jüngere Menschen auch nicht – woher auch?

Doch nun kam unser Bundespräsident Joachim Gauck mit diesem Ausdruck das dunkle Deutschland um die Ecke. Das ließ mich aufhorchen! Huch, was heißt das denn? Warum sagt er das? Er, dessen Wiege in Rostock stand und der sein Leben bis zur Wende in Dunkeldeutschland lebte! Jetzt ist er Bundespräsident aller Wessis und aller Ex-Dunkeldeutschen. Nun ja, so kann’s kommen.

Manchmal sind wir auch heute – mehr als zweieinhalb Jahrzehnte nach der Wende – mit dem Auto und im Dunkeln auf den Straßen unterwegs, die damals DDR-Gebiet waren. Und was soll ich Ihnen sagen? Wenn man so über die Dörfer tuckert, dann ist es verschiedentlich nicht heller, als vor Ende 1989. Fällt uns zum Beispiel immer wieder auf, wenn wir nach Bad Wilsnack fahren. Wer von dort in die Hauptstadt möchte, sollte das im Hellen erledigen oder besser die Bahn nehmen.

Also unser Bundespräsident besuchte ein Flüchtlingslager in West-Berlin und stellte fest, dass unser Land eine helle und eine dunkle Seite hat. Neuankömmlinge werden im Westen, also im hellen Teil, freundlicher aufgenommen, als die, die im Osten, nämlich im dunklen Teil der Republik, ankommen.

Na und wenn Herr Gauck das sagt, dann wird’s wohl stimmen, denn schließlich ist er Präsident aller Deutschen – von Ossis und Wessis. Leider aber auch von dem braunen Pack mit Glatzen, Springerstiefeln und Lederklamotten, die verstärkt dafür sorgen, dass unser Land mancherorts im Feuerschein leuchtet.

August 2015

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